Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Gegen alle, die gegen uns sind

Von Valerio Meuli

«Wiens neue Sissy, Berlins neue Dietrich», rappt Ebow auf dem Song «Schmeck mein Blut». Sie strotzt vor Selbstvertrauen und schafft dadurch vor allem eins: dem immer noch von Männern geprägten Rapzirkus zu zeigen, wo es langgeht («Zu viele weisse, reiche Jungs im Rap / als wärs n fucking Golfclubtreff»). «K4L» ist eine Kampfansage. An männliche Rapper, an ignorante Heterosexuelle, an Menschen, die sich bei der Kultur von MigrantInnen bedienen.

Das Album ist sehr persönlich, Ebow spricht viel über Liebe – unerwiderte Liebe, verletzende Liebe oder Liebe, die high macht. Auch die intimen Songs haben aber stets einen politischen Unterton. So rappt Ebow zum Beispiel: «Keiner hat gesagt, dass Liebe leicht ist», oder «Sie wollen nicht akzeptieren, dass wir gleich sind». Es geht dabei um queere Liebesbeziehungen. Ein anderes wichtiges Thema auf dem Album ist das – nicht zuletzt medial – vorherrschende Bild von türkischen GastarbeiterInnen in Deutschland. Auch Ebows Grosseltern kamen aus der Türkei nach Deutschland, um dort zu arbeiten.

Die Rapperin macht auch auf das Problem aufmerksam, wenn sich Menschen aus westeuropäischen Gesellschaften migrantische, nichtweisse und queere Lifestyles aneignen und diese zum Trend machen, etwa in der Art, wie sie sich kleiden oder was sie essen: «Kauft euch von mir aus so viel Hummus und Ayran, wie ihr wollt.» Solche Lebensgewohnheiten seien früher stigmatisiert worden, bevor sie im hippen Grossstadtmilieu Trend wurden. «Ich sehe euch, ihr seid peinlich», kommentiert Ebow diese Aneignung – und ist dabei kein bisschen ironisch: Es ist ihr wichtig zu zeigen, welches Stigma noch immer auf gesellschaftlichen Minderheiten lastet.

Ebow bringt es hin, Politrap zu machen und gleichzeitig künstlerisch spannend zu klingen: mal sehr intim, dann wieder abgeklärt, vor allem wenn sie mit Machorapklischees spielt und dieses Gehabe gleichzeitig auf Albumlänge unterwandert.

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