Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Fanfaren fürs Kapital

Revolution im Sandkasten? Auf seinem neuen Album setzt der Berner Rapper Tommy Vercetti auf die Kraft der Metaphern statt auf Parolen.

Von Valerio Meuli

Nur in der Kunst gibts Hoffnung: Rapper Tommy Vercetti (rechts) und Produzent Pablo Nouvelle. Foto: Janosch Abel

Er erzählt von seinem Job, der ihn kaputtmacht – er arbeitet zu viel und verdient zu wenig. Bald reicht es ihm und er geht zu seinem Vorgesetzten: glatt rasiertes Gesicht, Krawatte, kantiger Haarschnitt, schwammig weisse Haut, ein dümmlich-fieser Blick. Der Vorgesetzte will nichts von den Problemen des Erzählers wissen, leitet ihn an die Chefetage weiter. Er tritt mit zittrigen Knien ins Büro ein, erblickt den Chef und merkt: «Glatt rasiert u Schlips, kantige Schnitt – det sitzt genau dr Gliich!» Und so geht es weiter: auch der Richter, der Journalist, der Polizist – alle mit Schlips und kantigem Haarschnitt. Sogar der SP-Politiker, den der Erzähler als letzte Hoffnung ansteuert, schwadert nur etwas von Machtbalance. Und Tommy Vercetti rappt: «Machtbalance heisst: Ei Hand wäscht di anger, und niämer häbt mini.»

Es ist ein polemischer Einstieg in den Track «Vorem Gsicht» von Vercettis neuem Album «No 3 Nächt bis Morn». Darauf erzählt der Berner Rapper hauptsächlich Geschichten: von Mächtigen, Gutverdienenden und deren Privilegien – und vor allem auch von Benachteiligten. Vercettis Kritik an gesellschaftlicher Ungleichheit zieht sich durchs ganze Album, und in «Vorem Gsicht» spiegelt sie sich nicht nur im Text, sondern auch im Beat. Das Stück beginnt mächtig, mit einer langsam schleppenden Bassline, dazu pathetische Bläsermelodien. Dann bricht der Sound zusammen, kein Pathos mehr, nur noch Klavierbegleitung und ein zurückhaltender Beat. Für den Einzelnen spielen also keine Fanfaren mehr, der Rapper beginnt aus der Perspektive des frustrierten Angestellten zu erzählen.

Bruch mit dem Pathos

Vercetti fordert auf «No 3 Nächt bis Morn» den radikalen Bruch mit den aktuellen Verhältnissen. Er lässt damit einen Funken Hoffnung in der sonst eher düsteren Erzählwelt des Albums aufkommen. Im Intro schon wird angekündigt, dass wir es mit der Suche nach Hoffnung zu tun haben, diese Suche aber ganz und gar nicht einfach wird: «Mach öppis, wo Hoffnig git, vorwärts luegt», sagt der Rapper zu sich selbst und antwortet: «I cha nid.» Doch Vercettis Alter Ego weiss Rat: In der Kunst, da könne man alles.

Man findet viel Pathos auf diesem Album, doch an einigen Stellen wird damit auch wohltuend gebrochen. So verbindet der Song «Caliban» zum Beispiel einen ironischen Text mit einem Beat, den man sonst eher in einem Latinclub erwarten würde. Betont fröhlich rappt Vercetti ein Loblied auf die Menschheit, was der Mensch für ein herrliches Geschöpf sei und wie glücklich sich die Erde schätzen könne, solche BürgerInnen zu beherbergen.

Einen Song widmet Vercetti zwei ganz speziellen Bürgern: dem Papst und einem Spekulanten. Im Dialog zwischen den beiden übernimmt Vercetti die Rolle des Papstes, der Berner Rapper Dezmond Dez – schon lange ein Weggefährte Vercettis – gibt den Spekulanten. Die beiden spielen ein Szenario durch, der Spekulant will dem Papst die Sixtinische Kapelle abkaufen, er weiss, dass die Kirche knapp bei Kasse ist, und sagt: «Ig inveschtier’ mis Gäud – dir missionieret d Wäut.» Der Papst kann nur zähneknirschend zustimmen – und dabei kommen dann Lines heraus wie: «Di liquide Mittle fählä, drum beschliessemer ds Gschäft … I mein’ gopferdeli: Was isch ä Botticelli gägä hundert gstopfti Bellys.»

Wer die meisten Güetzi hat

«No 3 Nächt bis Morn» ist ein musikalisch abwechslungsreiches Album, produziert wurde es vom Musiker Pablo Nouvelle. Poppige Beats wechseln sich ab mit sehr klassischen Samples, wie im Song «Güetzi», wo Vercetti über einer melancholischen John-Coltrane-Melodie von einem Spielplatz rappt, den seine Tochter besucht und auf dem ein kleiner Junge das Sagen hat. Der Junge bestimmt also, wer die Rutschbahn benutzen darf – aber warum? Bei Vercetti landen wir schnell beim Kapitalismus: Der Junge hat von allen Kindern nämlich die meisten Güetzi – und führt diese gleich auch als Währung auf dem Spielplatz ein. Fortan dürfen die anderen Kinder, vor allem die Mädchen, zwar mittun beim Frisbeespielen, doch die Entscheidungen über Güetzi fällen alleine der Anführer der Kinderbande und seine Entourage. Warum überhaupt jemand mehr Güetzi hat als andere, das weiss niemand so genau – doch Hunger haben alle. «Güetzi» ist einer der stärksten Tracks auf dem Album – weil er auf die Kraft der Metapher setzt, nicht auf Parolen. Vercetti schafft es, eine Gesellschaftskritik anzubringen, ohne plump zu klingen, indem er sie in eine Sandkastengeschichte verpackt.

Die Kinder kämpfen bei Vercetti also um die Verteilung von Güetzi. Und die Erwachsenen? Die sehnen sich nach Liebe. In «Romeo und Julia» fragt sich der Rapper, welchen Problemen die Liebe heute ausgesetzt ist. Wie kann Liebe gedeihen in schnelllebigen Überflussgesellschaften, in denen – so suggeriert Vercetti – alles austauschbar ist und alle nur noch zufällig miteinander zu tun haben? Wenn sie sich der ökonomischen Rechnerei widersetzt: «Wenn du mi liebsch muesch brächä … miter Wäut, mitem Gäud, mitem Rächnä». Wenn also keine Küsse, Gefallen und Versprechungen mehr gezählt werden, nur dann bleibt auch die Liebe möglich.

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