Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Eins zu null für die Chemie

Von Bettina Dyttrich

Die Landwirtschaft soll effizienter werden: Dieses Credo gilt seit der Industrialisierung. Lange war es vor allem der Staat, der die Bauern «modernisieren» wollte. Seit dem Zweiten Weltkrieg beteiligt sich die Chemieindustrie öfter auch direkt: Mit eigenen Beratungen und Events versucht sie, die LandwirtInnen von ihrem Saatgut und dazu passenden Pestiziden zu überzeugen.

Inzwischen haben sich im Handel absurde optische Standards etabliert: Solche makellosen Salate, Kartoffeln und Äpfel sind ohne Pestizide fast nicht zu erreichen – und nicht ohne Unmengen von Ausschuss, ein weiteres Problem. Dieses System muss sich ändern, das zeigt sich immer deutlicher, je besser die Wirkungen von Pestizidrückständen auf die Umwelt bekannt sind. Doch für dieses System sind nicht die LandwirtInnen allein verantwortlich.

Letzte Woche im Nationalrat machten allerdings die meisten LandwirtschaftsvertreterInnen ihrem Ruf, ChemielobbyistInnen zu sein, alle Ehre. Es ging um einen indirekten Gegenvorschlag zu den beiden Pestizidinitiativen, die 2020 an die Urne kommen. CVP-Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter, selbst Biobauer und eigentlich ein für ökologische Anliegen durchaus offener Politiker, stand offenbar so unter Druck seines SVP-dominierten Verbands, dass er diesen Druck an seine Fraktion weitergab. Er stellte die Vertrauensfrage und schwor die CVP darauf ein, ihm zu folgen. Leider hatte er Erfolg.

Der Bund hat schon 2016 einen Aktionsplan ausgearbeitet, um den Pestizidverbrauch zu senken. Doch dieser ist unverbindlich und darum zahnlos. SP-Nationalrat Beat Jans wollte einen indirekten Gegenvorschlag, der diesen Aktionsplan rechtlich bindend gemacht hätte, aber die rechte Mehrheit sagte Nein. Ritter und der Bauernverband sind unglaubwürdig: Sie betonen dauernd, hinter dem Aktionsplan zu stehen, aber sobald er verpflichtend werden soll, bekämpfen sie ihn.

Hoffnung macht zumindest eines: Immer mehr konventionelle AckerbäuerInnen sind bereit, von ihren BiokollegInnen zu lernen – sicher ist sicher.

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