Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Die Zukunft nicht allein den Männern überlassen

Seit Monaten gehen in Algerien Zehntausende gegen Klientelismus und Korruption auf die Strasse. Zentral für den Aufstand gegen das Regime sind vor allem die Frauen des Landes. Eine junge Demonstrantin berichtet.

Von Dominique Laleg, Algier

«Machen wir uns nichts vor», sagt Céline Abada. Die 22-jährige Architekturstudentin versäumt keine der Kundgebungen, die seit Monaten in allen grösseren Städten Algeriens stattfinden. Abada sitzt auf der Terrasse eines Cafés mit Blick über die Bucht ihrer Heimatstadt Algier und zieht an ihrer Zigarette. «Es gehen zwar immer auch Frauen auf die Strasse, doch die Männer dominieren die Proteste.» Das sei bedauerlich, denn schliesslich bildeten die Frauen die Hälfte der 43 Millionen EinwohnerInnen des nordafrikanischen Landes. Ihre Teilnahme sei aber auch aus einem anderen Grund unverzichtbar: «Wir Frauen lehnen das politische System genauso ab wie die Männer – aber indem wir unsere Stimme erheben, setzen wir auch ein Zeichen dafür, die Zukunft Algeriens nicht allein den Männern zu überlassen.»

Tatsächlich steht für Algeriens Frauen viel auf dem Spiel. Auch sie fordern zunächst den Rücktritt der gesamten politischen Machtelite um den Familienclan von Expräsident Abdelasis Bouteflika, die das Land seit Jahrzehnten durch Klientelismus, Korruption und Selbstbereicherung ausbeutet. Doch viele erhoffen sich auch, dass der politische Systemwechsel endlich zu mehr Gleichberechtigung führt. «Im Namen der Religion wird die Frau immer noch als Untergebene des Mannes behandelt», sagt Abada, die sich als Feministin bezeichnet.

Auf der Strasse belästigt

Sie selbst habe zwar das Glück, in einer aufgeschlossenen Familie aufgewachsen zu sein, sagt Abada. Sie kann sich deshalb frei bewegen, trägt kein Kopftuch und hat einen Freund. Die meisten Familien seien jedoch sehr konservativ und verschlossen. «Viele Frauen und Mädchen dürfen nur mit Einwilligung der männlichen Familienmitglieder das Haus verlassen, müssen strenge Kleidungsvorschriften einhalten und – im Gegensatz zu den Jungen – von klein auf im Haushalt mithelfen.»

Am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum erfahre sie aber die gleichen Probleme wie alle Algerierinnen, sagt Abada, die derzeit ein Praktikum in einem staatlichen Bauunternehmen absolviert. «Es ist nicht möglich, dass ich mit Männern im selben Büro arbeite – weil sich das nicht gehört und falsch aufgefasst werden könnte, wie es heisst.» Wirklich schwierig gestalte sich aber das Leben auf der Strasse. So werde sie auf ihrem Arbeitsweg regelmässig belästigt oder sogar bedroht. «Neulich wollte ein junger Mann auf der Strasse mit mir flirten. Ich habe verneint, aber er ist mir gegen meinen Willen gefolgt. Nachdem ich ihn mehrmals gebeten hatte, mich in Ruhe zu lassen, wurde ich wütend und hab ihn angeschrien, endlich zu gehen. Darauf hat er gedroht, mich totzuprügeln.»

Symptome des Neokonservatismus

Situationen wie diese gehören zum Alltag vor allem jener jungen Frauen in Algerien, die sich verhältnismässig «modern» kleiden und kein Kopftuch tragen. Es sind Symptome eines religiösen Neokonservatismus, der das gesellschaftliche Leben seit Jahren erfasst hat. Nach der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 hat sich das Land dem «arabischen Sozialismus» verschrieben, der Elemente des Staatssozialismus mit Religiosität zu verbinden suchte. Die Folge: eine durch die damalige Regierung angeordnete «Arabisierung» des Schulwesens – und die Islamisierung weiter Bevölkerungsteile, die seit den achtziger Jahren spürbar zugenommen hat. Ausdruck dieser Islamisierung ist etwa das 1984 verabschiedete Familienrecht, das auf der Basis des Korans eine Gesetzgebung geschaffen hat, die Frauen systematisch benachteiligt.

Die algerische Variante des arabischen Sozialismus hat auch die bis heute andauernde Herrschaft der Einheitspartei Front de libération nationale (FLN) gesichert, was zur politischen Stagnation und Desillusionierung beigetragen hat. Hinzu kommt: Die fast ausschliesslich auf den Rohstoffexport konzentrierte, etatistische Wirtschaftspolitik hat für die zunehmend junge Bevölkerung kaum berufliche Perspektiven geschaffen.

Gemeinsam mit dem Bürgerkrieg der neunziger Jahre führte dies zu einem verstärkten Rückzug ins private und religiöse Leben, von dem vor allem salafistische Bewegungen profitiert haben. Die Regierung hat ihnen das gesellschaftliche Leben überlassen – unter der Bedingung, dass sie sich nicht in die Politik einmischen. Diese konservativen religiösen Gruppen halten sich bis heute mit politischen Äusserungen zu den aktuellen Aufständen zurück.

«Eine völlig neue Erfahrung»

Gerade die Präsenz säkularer Frauen an den Kundgebungen ist den Salafisten ein Dorn im Auge. Bei den Protesten am diesjährigen internationalen Frauenkampftag seien viele von ihnen auf offener Strasse angegriffen worden, erzählt Abada. «Jene, die auf ihren Transparenten frauenrechtliche Anliegen im Hinblick auf das sexistische Familienrecht reklamierten, wurden beschimpft, ausgepfiffen und sogar geohrfeigt.» Dass es sich dabei um gezielte Einschüchterungsversuche des Regimes handeln könnte, hält sie – wie viele hier – für gut möglich.

Wesentlich den Frauen zu verdanken ist dennoch, dass die Kundgebungen insgesamt relativ gewaltfrei blieben. Ihr Wegbleiben könnte umgehend zur Eskalation und einer repressiven Niederschlagung der Bewegung durch die Sicherheitskräfte führen – das weiss neben den Protestierenden auch der Machtapparat, der demonstrierende Frauen bereits mit gezielten Aktionen unter Druck gesetzt hat. So wurden gemäss lokalen Medienberichten kürzlich vier junge Demonstrantinnen im Zentrum von Algier verhaftet und auf dem lokalen Polizeirevier nackt ausgezogen und zwangsweise einer Leibesvisitation unterzogen.

Zumindest ein Teil der Übergriffe auf Demonstrantinnen dürfte aber auch von gewöhnlichen Kundgebungsteilnehmern begangen worden sein. «Dass die Bevölkerung und insbesondere die Frauen auf diese Weise auf die Strasse gehen, ist etwas sehr Neues in diesem Land. Fremde Frauen zu sehen und mit ihnen gemeinsam Forderungen zu stellen, ist für die Männer in Algerien eine völlig neue Erfahrung», meint Abada.

Die Demonstrantinnen sind also gleich zwei Fronten ausgesetzt: Sie dienen dem Aufstand als weibliches Schutzschild, der die Sicherheitskräfte von Repressionen abhalten soll, werden aber auch selbst zur Zielscheibe eines neokonservativen Patriarchats, das mit der Präsenz mündiger und starker Frauen im öffentlichen Raum nicht umgehen kann.

Dass Algeriens Frauen dennoch auch nach über vier Monaten nicht von den Strassen verschwunden sind, ist laut Abada auch einer starken Hoffnung zu verdanken: «Die weibliche Präsenz auf der Strasse ist eine faszinierende Erfahrung, die uns darin bestärkt, noch viel weiter gehen zu wollen und die Gleichstellung in allen Bereichen geltend zu machen.» Abadas Blick schweift kurz übers Mittelmeer, das in der Morgensonne glitzert. Ihr Freund wolle mit ihr das Land verlassen, sagt sie, wie es viele AlgerierInnen seit Jahren tun, um dem gesellschaftlichen wie politischen Klima zu entgehen. Abada aber möchte in Algerien bleiben.

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