Nr. 08/2020 vom 20.02.2020

Freiheit, Freiheit, Freiheit. Die Kurve, sie fordert sie.

Seit einem Jahr protestieren Hunderttausende AlgerierInnen gegen die Machtelite im Land. Um die Situation im nordafrikanischen Land zu verstehen, lohnt es sich, auch die Lieder der Fussballfans genau anzuhören. Sie erzählen Geschichten von Wut, Enttäuschung und Flucht.

Von Philipp Natzke (Text und Fotos), Algier, 
und Christof Nüssli (Illustration)

Sommer 2019, im Kanton Zürich: Auf einer Bank in der Nähe des Bundesasylzentrums Embrach sitzen drei junge Männer. Aus dem Lautsprecher eines Smartphones dröhnt Musik. «La liberté, c’est d’abord dans nos cœurs», stimmen sie jeweils ein, wenn der Refrain kommt: Die Freiheit, sie beginnt in unseren Herzen. Die Geflüchteten aus Nordafrika sind, was im Behördensprech «Dublin-Fälle» genannt wird: Auf ihr Asylgesuch wird in der Schweiz nicht eingetreten, weil sie bereits in einem anderen europäischen Land registriert wurden. «Liberté» ist der Name des Lieds, mit dem der algerische Sänger und Rapper Soolking im März letzten Jahres einen Grosserfolg gelandet hat: eine balladenartige Nummer mit viel Autotune, reduziertem Beat, sanft gezupften Gitarrenklängen – und fast 200 Millionen Youtube-Klicks.

Soolking, der heute vor allem in Frankreich lebt, hat sich für «Liberté» ausgiebig in seiner Heimatstadt Algier bedient: bei den Fussballfans von USMA, der Union Sportive de la Médina d’Alger. Von ihnen hat er die Melodie des Refrains übernommen, und neben der Gitarre hat er auch einige in arabischer Sprache eingesungene Zeilen gesampelt. In den Credits ist denn auch Ouled el Bahdja aufgeführt: die grösste Fanvereinigung von USMA. Schon lange finden deren Lieder immer wieder den Weg aus dem Fussballstadion, manchmal in die algerischen Radiostationen, manchmal übers Mittelmeer bis nach Europa – und seit einem Jahr auch an die riesigen Proteste gegen die Landesregierung, die jede Woche stattfinden.

Gegen das Machtkartell

Ende November 2019, Blida, Algerien: Die Spieler und die Fans von USMA mussten weit reisen, um ihren Klub im ersten Gruppenspiel der afrikanischen Champions League zu unterstützen. Eigentlich wäre es ein Heimspiel, aber ihr eigenes Stadion, das wunderschön an der Mittelmeerküste im Nordwesten der Hauptstadt liegt, genügt den Sicherheitsvorschriften nicht. So findet das Spiel gegen Wydad Casablanca in Blida statt, etwa fünfzig Kilometer im Landesinneren. Trotzdem ist das Stadion gut gefüllt: Rund 20 000 Leute sind gekommen, darunter etwa 1500 Gästefans aus Marokko. USMA gewann zuletzt zwar die Meisterschaft, zum insgesamt achten Mal, aber für den Verein läuft es derzeit nicht gut, die Klubführung hat ihn in finanzielle Turbulenzen manövriert. Trotzdem bringt Flügelspieler Abdelkrim Zouari das Team schon nach fünf Minuten mit einem satten Schuss in Führung, worauf die Fans «Ultima Verba» anstimmen, jenes besonders populäre Lied, das Soolking zu «Liberté» verarbeitet hat: «Sie haben die Sonne über uns verdunkelt», heisst es da, «und sie haben unser Blut gesaugt, genau wie sie das Öl gesaugt haben.» Dann folgt der Refrain: «Freiheit, Freiheit, Freiheit. Die Kurve, sie fordert sie.» Der Titel «Ultima Verba», «Letzte Worte» auf Lateinisch, verweist auf ein Gedicht von Victor Hugo.

Die Kurve hat sich heute auf der Gegentribüne eingefunden. Dass Ouled el Bahdja hier das Sagen hat, bezeugt ihre grosse Zaunfahne am Spielfeldrand. Bevor ihre Lieder in der Kurve gesungen werden, landen sie jeweils auf Youtube: professionell im Studio eingesungen und mit kitschigen Videobildern inszeniert. «Ultima Verba» wurde am 17. Februar 2019 hochgeladen – genau sieben Tage nachdem der greise Präsident Abdelasis Bouteflika verkündet hatte, dass er nach zwanzigjähriger Präsidentschaft auch noch für eine fünfte Amtszeit kandidiere. Nach mehreren Schlaganfällen sass der 82-Jährige im Rollstuhl, es gab weder öffentliche Auftritte noch Informationen zu seinem Gesundheitszustand.

Fünf Tage später, am 22. Februar, trotzten in Algier Tausende Menschen dem langjährigen Demonstrationsverbot und starteten die Protestbewegung, die sich fortan «Hirak» nennen sollte: Bewegung. Immer freitags demonstrierten Zigtausende in Algier und in den meisten anderen grösseren Städten des Landes, an einzelnen Tagen sollen es mehrere Millionen gewesen sein. Und glaubt man den Fans von USMA, soll dabei oft «Ultima Verba» gesungen worden sein, diese beissende Hymne gegen die herrschende Kaste in Algerien, die sich seit der Unabhängigkeit vor bald sechzig Jahren mit Korruption und Klientelismus an die Macht klammert. «Le Pouvoir» wird diese Elite aus Wirtschaft, Politik und Militär hier von den meisten genannt: die Macht. Auch jetzt noch wird jeden Freitag demonstriert, und dienstags gibt es jeweils StudentInnenproteste.

Die Ultra-Fankultur, im Italien der sechziger Jahre entstanden, erreichte die nordafrikanischen Länder in den nuller Jahren. So auch Algerien und USMA. 2010 schlossen sich mehrere Ultra-Gruppierungen des Hauptstadtvereins zum Kollektiv Ouled el Bahdja zusammen, den «Kindern von Bahdja». «Bahdja», «die Strahlende», ist ein Slangwort für Algier, das oft auch als «die weisse Stadt» bezeichnet wird.

«Die USMA-Familie pflegt eine eigene, traditionelle Kultur», sagt Soufiane Boudissa, ein 31-jähriger Familienvater, der als Trockenbauer arbeitet. Seinen richtigen Namen will er, wie alle anderen USMA-Fans, in keiner Zeitung abgedruckt haben. Man folge nicht den Dogmen vieler Ultras, die der Gewalt zu viel Bedeutung beimässen. «Natürlich gibt es auch bei uns Rivalitäten, aber wir stellen unsere Gruppe nicht über den eigenen Verein.» Gewalttätige Aktionen liessen sich zwar nicht gänzlich vermeiden, aber selbst beim traditionsreichen Derby gegen den Direktkonkurrenten Mouloudia Club d’Alger (MCA) sei die einstige Feindschaft zwischen den Klubs einer eher entspannten Rivalität gewichen.

Während unten auf dem Feld die Spieler von USMA die Führung während langer Zeit zu verwalten vermögen, wird immer deutlicher, dass es Ouled el Bahdja schwerfällt, im ungewohnten Heimblock die Gesänge zu koordinieren. Wie die Spieler scheinen auch die Fans der Passivität zu verfallen, nur wenige Lieder werden gemeinsam und laut gesungen. Eines davon ist «La Casa del Mouradia»: eine Anspielung auf die populäre Netflix-Serie «La Casa de Papel», in der die Banknotendruckerei Spaniens überfallen wird. Die Fans aber singen vom algerischen Präsidentenpalast, und das Lied entstand bereits 2018 – die algerische Bevölkerung hatte ihren Präsidenten seit Jahren bloss noch auf Archivbildern zu sehen bekommen. «In der dritten Amtszeit wurde das Land betrogen für private Bereicherung», heisst es im Lied, «in der vierten Amtszeit ist die Puppe gestorben, aber die Sache nicht.» Das Spiel in Blida geht unentschieden aus, weil USMA in der 89. Minute noch den Ausgleich kassiert.

Der in «La Casa del Mouradia» totgesagte Bouteflika zog seine angekündigte Kandidatur am 1. April 2019 unter dem gewaltigen Druck der Strasse wieder zurück. Aber die Proteste verebbten nicht. Im Gegenteil: Weil auf der Liste der Kandidierenden bloss altbekannte Köpfe von «Le Pouvoir» auftauchten und Oppositionelle im Gefängnis landeten, rief die Protestbewegung zunächst zu Generalstreiks auf, dann zum Boykott der Präsidentschaftswahlen vom 12. Dezember.

Kritische Gegenöffentlichkeit

Ein Freitag Ende November 2019 in Algier, rund zwei Wochen vor der Wahl: Am Vormittag ist die Stadt von der Ruhe des islamischen Gebetstags erfüllt. Einige wenige Läden sind geöffnet, die Cafés trotz Sonnenschein halb leer. Noch deuten einzig die unzähligen Polizeitransporter, die ganze Strassenzüge füllen, auf eine Abweichung vom Alltag hin. Nach dem Freitagsgebet zur Mittagszeit sammeln sich dann aber Kleingruppen in den Strassen, schliessen sich zusammen und füllen schliesslich die grossen Strassen im Zentrum der Stadt. Der Protestzug, der so zusammenwächst, besitzt keinen Anfang und kein Ende; die Menschen strömen aus vielen Strassen zur zentralen Grande Poste, weichen ab und verschmelzen an anderen Kreuzungen wieder mit der Masse.


Frauen und Männer aller Altersklassen sind da, viele haben algerische Flaggen, selbstgebastelte Schilder und Karikaturen mitgebracht. An Themen mangelt es nicht: Sie lehnen die Präsidentschaftswahl ab, schimpfen über die Korruption von «Le Pouvoir», die Unterdrückung der BerberInnen, die Inhaftierung von Demonstrantinnen und Journalisten, die Aussagen des Innenministers, wonach alle Demonstrierenden Verräter, Söldner und Homosexuelle seien. Zentral für den Hirak ist seine Gewaltlosigkeit. Im Lauf des letzten Jahres habe sich ein Treffpunkt für die Fussballfans herauskristallisiert, erklärt Boudissa: eine Treppe in der Nähe der Grande Poste, auf der sich jeweils AnhängerInnen diverser Vereine mischen; die linke Treppenhälfte wird dominiert von USMA-, die rechte von MCA-Fans. Die beiden Lager singen miteinander und gegeneinander an, präsentieren ihr ganzes Repertoire an Liedern, in denen die Regierung, die Korruption und der Wunsch nach Wandel thematisiert werden. Einige zünden Pyrofackeln, während andere euphorisch an Hauswänden hochklettern, alles eingefangen von unzähligen Smartphone-Kameralinsen am Fuss der Treppe.

Es ist nicht das erste Mal in der algerischen Geschichte, dass Fussballfans in einer Protestbewegung eine prägende Rolle einnehmen. Schon während des Unabhängigkeitskriegs gegen Frankreich, 1954 bis 1962, sollen mehrere Dutzend Leute aus dem USMA-Umfeld als Widerstandskämpfer gestorben sein. Und als es 1988, nach Jahrzehnten der Einparteienherrschaft der Nationalen Befreiungsfront (FLN), zu landesweiten Unruhen kam, wurden die unter den Fans so beliebten wie teuren weissen Stan-Smith-Schuhe von Adidas sogar zu einem Symbol des Widerstands: «Die Stadt ist weiss wie ein Stan Smith, und wer keinen hat, wartet eben auf den nächsten Aufstand», sangen sie, während sie ihre Sneakers in die Höhe hielten. Es folgten der Bürgerkrieg ab 1991 und das «schwarze Jahrzehnt», das etwa 150 000 Menschenleben forderte. Das Fussballstadion sei damals für eine ganze frustrierte Generation zu einem der wenigen öffentlichen Orte geworden, an denen man sich habe Gehör verschaffen können, sagt Boudissa: «Unsere Vereinsgeschichte prägte den kritischen Geist und die Sprache unserer Fankurve, und heute kennen alle Menschen auf der Strasse unsere Lieder.»

Dabei sei der Ruf der Fussballfans in der algerischen Öffentlichkeit alles andere als positiv, sagt der Journalist Maher Mezahi: Man nehme die Kurven als Hort der Machokultur wahr, in der «Männlichkeit, das Demonstrieren von Stärke, Beleidigungen und Drogen» dominierten. An den Freitagsdemonstrationen, wo Menschen aus allen Ecken der Gesellschaft zusammenkämen, hätten sie durch ihren lautstarken und geübten Auftritt an Respekt gewonnen. «Die Menschen mögen die Lieder, deren Witz und die feinfühligen Schmähungen, die sie anstelle von Vulgärausdrücken enthalten», sagt Mezahi. Eine Demonstrantin habe ihm erklärt, dass sie sich für ihre Vorurteile gegenüber den Fussballfans heute fast schon entschuldigen müsse. «Und du siehst ältere Frauen mit Hidschab, die über sich selbst lachen müssen, wenn sie am Hirak mit den Fans einstimmen: ‹Es ist fast Morgen und ich kann nicht schlafen, ich konsumiere Drogen in kleinen Mengen›», die erste Liedzeile von «La Casa del Mouradia».

In den Stadien hingegen sind Frauen auch heute noch nur selten anzutreffen. Kein Zufall, sagt die Journalistin Zahra Rahmouni: «In Algerien betont die ältere Generation stets die Frauenrechte, die nach der Unabhängigkeit erreicht wurden. Dabei ist die Gesellschaft danach immer konservativer geworden, spätestens während des schwarzen Jahrzehnts.» Und obwohl sich die Frauen nach dem Bürgerkrieg wieder vermehrt Rechte und Räume erkämpft hätten, seien die Fussballstadien Männerorte geblieben. «Auch wenn es nicht verboten ist, verwehren die Polizisten Frauen und Minderjährigen oft den Zutritt, angeblich aus Sicherheitsgründen», so Rahmouni. Gleichzeitig schreckten das Verhalten der Männer in den Stadien sowie die oftmals schlechte Infrastruktur viele Frauen ab. Versuche, dem entgegenzuwirken, gibt es – bei Länderspielen, seit 2018 auch beim Rekordmeister JS Kabylie. Der berberisch geprägte Verein der Kleinstadt Tizi Ouzou östlich der Hauptstadt hat einen Teil der Haupttribüne für Frauen und Familien reserviert.

Insgesamt bleiben die algerischen Fussballstadien aber männlich dominierte Orte. Das erklärt vielleicht die mit sexistischen Vorurteilen aufgeladene Zeile im regierungskritischen Lied «Babor Ellouh» von Ouled el Bahdja: «Die Frauen arbeiten und die Jugend schläft.» Sie greift einen unter Männern gerne geäusserten Vorwurf auf, wonach die Frauen bei der Jobvergabe bevorzugt würden – obwohl gemäss Nationalem Statistikamt zuletzt lediglich achtzehn Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung weiblich waren.

Die Lieder von Ouled el Bahdja: Sie sind in ihrer aufmüpfigen Art so poetisch wie polemisch, so kritisch wie widersprüchlich. Aber im Gegensatz zu jenen vieler europäischer Ultras basieren sie nicht auf bekannten Melodien, sondern werden von Grund auf neu geschrieben. Das passiere im lockeren Kreis, an Abenden wie diesem, erklärt Hichem Ferhaoui. Der dreissigjährige Lkw-Fahrer hat ein paar Freunde in seine Wohnung in einer grauen ArbeiterInnensiedlung am östlichen Rand der Stadt geladen. Drei Generationen wohnen in diesem Haushalt, neben seinen beiden Kindern auch seine Eltern. Auf dem Couchtisch im prunkvoll eingerichteten Wohnzimmer hat Ferhaouis Mutter für die Gäste bis zum Rand süsse Backwaren ausgelegt. «Wir essen, rauchen, jemand denkt sich eine Melodie aus, und alle werfen Textzeilen ein», erklärt Rashid Lahmar, langjähriger USMA-Fan um die fünfzig. Die Gruppe kommt ins Plaudern, die Männer reden über früher und heute. Und zu fast jedem Ereignis, zu fast jedem gesellschaftlichen Thema gibt es ein Kurvenlied, das sie zusammen anstimmen. So auch «Babor Ellouh», das Lied mit der erwähnten Zeile: Es erzählt von der Unzufriedenheit im Land, von den alltäglichen Problemen – und vom einzigen Ausweg, den viele überhaupt noch sehen. «Babor Ellouh» heisst Holzboot.

Kommen, um zu gehen

«Annaba ist anders», sagt der Fahrer auf der über sechsstündigen Autofahrt Richtung Osten, in die Küstenstadt nahe der tunesischen Grenze. Annaba mit seinen über 200 000 EinwohnerInnen sei zwar nicht die grösste Stadt des Landes, dafür aber viel lebendiger als andere. «Hier gibt es sogar Discos», sagt er. Bald werde er wieder herkommen und ein Boot in Richtung Europa besteigen, um aus diesem hoffnungslosen, korrupten Land zu fliehen. Auch seine Freundin wolle mitkommen. An ein Bootsticket zu kommen, sei kein Problem.

In der Hafenkneipe, in die Khalid Oukid geladen hat, interessiert niemanden das Spiel der englischen Premier League, das im Fernsehen läuft. Stattdessen wird Fisch gegessen, Karten gespielt, geraucht und Bier getrunken. «In Annaba ticken die Uhren anders», sagt auch Oukid, «hier kommen und gehen viele Menschen.»

Vor allem zum Gehen kommen viele. Wer von Algerien über das Mittelmeer nach Europa gelangen möchte, fährt entweder aus dem Westen des Landes Richtung Spanien los oder startet hier im Osten und fährt nach Sardinien. «Das sind 240 Kilometer. Für etwa 400 000 Dinar bist du in zwölf Stunden in Sardinien.» Das entspricht etwa 3250 Franken. Oukid fuhr diese Strecke vor acht Jahren selbst und lebte anschliessend in mehreren europäischen Ländern; dreimal reiste er in die Schweiz ein und schlug sich als Sans-Papiers durch, bis es ihm nach sechs Jahren zu viel wurde. Jetzt lebt er in Annaba und organisiert Boote: «Ich bekomme Anfragen und verkaufe Boote mit Aussenbordmotor und GPS. Was die Kunden damit machen, weiss ich nicht.» Davon könne er leben. «Wenn du hier regulär arbeitest, verdienst du nichts. Weisst du, mein Freund ist Elektriker, arbeitet die ganze Woche und verdient 34 000 Dinar im Monat» – nicht einmal 300 Franken.

Auch wenn er sich über die Realität in Europa keine Illusionen mehr mache: Oukid, der in Wirklichkeit anders heisst, spielt mit dem Gedanken, erneut ein Boot zu besteigen. Für die meisten AlgerierInnen sei dies die letzte Option: Zuerst versuchten sie, ein Visum für ein europäisches Land zu kriegen oder in die Türkei zu fliegen und dort über den Landweg nach Europa zu gelangen. Erst wenn das nicht funktioniere, wagten sie die gefährliche Route übers Meer. «Harraga» werden sie auf Arabisch genannt, was sich etwa mit «diejenigen, die brennen» übersetzen lässt. «Um nicht erwischt zu werden, starten viele Boote in der Nacht. Da muss man ein GPS bedienen können, um Sardinien nicht zu verfehlen.»

Es sei schlicht falsch, wenn in Europa behauptet werde, alle Harragas seien junge Männer, sagt Kouceila Zerguine. Der Anwalt für Migrationsrecht setzt sich seit Jahren mit der Flucht vieler AlgerierInnen übers Mittelmeer auseinander. «Wir sehen Alte, Kinder, Frauen mit Säuglingen, Kaderleute, Arbeitslose, qualifizierte Arbeitskräfte … einfach alle», sagt Zerguine. «Sie gehen nicht primär wegen des Geldes oder fehlender Arbeit – das Problem sind die in diesem Land nicht vorhandenen individuellen und kollektiven Rechte.» Migration habe es schon immer gegeben, schliesslich seien Menschen keine Bäume. Den AlgerierInnen sei die Bewegungsfreiheit aber immer mehr genommen worden: etwa 1986, als Frankreich eine Visumspflicht einführte. Weitere europäische Staaten folgten. «Die Harragas der Neunziger fuhren deshalb auf Frachtschiffen mit, und als die Schiffskontrollen schärfer wurden, wichen die Ersten auf kleine Boote aus», erklärt Zerguine.

Die Zahl der Harragas stieg 2005 sprunghaft an. Damals hielten im Rahmen des «5 + 5-Dialogs» die europäischen Anrainerstaaten des westlichen Mittelmeers die nordafrikanischen Länder zu Gesetzesänderungen an. Sie sollten die illegalisierte Migration unterbinden – und damit aktiv an der Festung Europa mitarbeiten. 2009 wurde die irreguläre Ausreise gesetzlich verboten: «Wer erwischt wird, kann seither mit bis zu sechs Monaten Haft und 60 000 Dinar Busse bestraft werden», so Zerguine – das entspricht fast 500 Franken. Für das Organisieren von Bootsfahrten liegen die Strafen noch höher. Die staatliche Überwachung steige, die Küstenwache patrouilliere vor Annabas Küste. «Und wer aus Europa zurückgeschafft wird, kann ebenfalls bestraft werden», sagt der Migrationsanwalt.

Als der Hirak in die Gänge kam, seien die Zahlen der Bootsflüchtlinge gesunken. «Es keimte Hoffnung auf Veränderung auf, und an den Wänden standen Parolen wie ‹Wir werden keine Harragas mehr sein, sondern ihr›», sagt Zerguine. Aber die Hoffnung und das Aufbegehren, lautstark besungen in «Ultima Verba» und «La Casa del Mouradia», wichen bald wieder der traurigen Nüchternheit von «Babor Ellouh». «Ich kann dieses Leiden nicht mehr ertragen, es ist wie langsam sterben», heisst es dort, im Refrain: «Lass mich gehen im Holzboot.» Schon drei Monate nach Beginn der Proteste sei an der Mittelmeerküste wieder alles beim Alten gewesen, so Zerguine.

Wie viele Menschen wirklich in See stechen, lässt sich aber nicht beziffern. «Wir haben nur die offiziellen Zahlen der Abgefangenen», sagt Kouceila Zerguine, «darin fehlen die Verschwundenen, die Toten, die Erfolgreichen.» Wenn an einem Tag mit guten Wetterbedingungen also hundert Harragas von der Küstenwache abgefangen werden, wie viele sind dann tatsächlich aufgebrochen?

«Es fehlt ein Faktor zehn», schätzt der Anwalt, «oder zwanzig? Niemand weiss es. Ich weiss nur, wie oft mein Telefon jeden Tag klingelt.»

Redaktionelle Mitarbeit: Raphael Albisser. Übersetzung der Liedauszüge aus dem Arabischen von Nadim Rai und Mouhmed Rami Altelawi.

Hits aus der Kurve

«Ultima Verba»

Die Tage vergehen, und das Unrecht bleibt bestehen.
Sie zwangen die Armen, den Tod zu lieben.
Doch noch ist es nicht zu Ende.
Weine nicht, mein Land. Es ist eine schwere Zeit, die vorüberziehen wird.

Sie kommen aus der gleichen Dynastie, sie sind alle gleich.
Nieder mit dem Staat und denen, die die Autobahn gebaut haben.

Freiheit, Freiheit, Freiheit. Die Kurve, sie fordert sie.
Freiheit, Freiheit, Freiheit. Wer ohne sie leben kann, ist ein Erniedrigter.

Die Illusionen, die ihr in die Köpfe der Menschen gemalt habt,
haben keine Kraft. Alles nur Worte.
Diese Heuchelei, ich fühle mich wie ein volles Glas kurz vorm Überlaufen.
Mein Herz kann vor Schmerzen nicht schlafen und schreibt diese Zeilen.

Sie haben die Sonne über uns verdunkelt.
Und haben unser Blut gesaugt, genau wie sie das Öl gesaugt haben.

Freiheit, Freiheit, Freiheit. Die Kurve, sie fordert sie.
Freiheit, Freiheit, Freiheit. Wer ohne sie leben kann, ist ein Erniedrigter.

Die Freiheit ist eingesperrt und verstorben.
Irgendwas stimmt nicht mit der Justiz.
Wegen aller Probleme, die ihr verursacht habt,
ist es für mich keine Ehre, euch anzugehören.

Regierung, wir sind die Last, die euch Gott auferlegt,
und dieses Feuer erlischt nicht.
Ihr dachtet, dass alles käuflich sei, und habt die Preise bestimmt.
Aber ihr habt vergessen, dass man das Glück nicht kaufen kann.

«Babor Ellouh»

Ich kann dieses Leiden nicht mehr ertragen.
Es ist wie langsam sterben.
Egal was ich mache, ich schaffe es nicht.
Obwohl meine Überlegung richtig ist, ich kann dieses Leben nicht mehr weiterführen.
Ich sage: «Jetzt reichts!», und dann mache ich nochmals den gleichen Fehler, tausendmal.
Drogen haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Lass mich gehen,
lass mich gehen.
Mein Herz ist verletzt.
Lass mich gehen im Holzboot.

Die Situation wird komplizierter, und ich kann keine Lösung dafür finden.
Die Trennung vom Land ist nötig, ich kann nie zurückkommen.
Algerien, du kennst meine Antwort.
Du hast nur den Fremden, die Algerien ausbeuten, Chancen gegeben.
Die Leute sind entwurzelt. Ganz klar, das war Strategie.
Du baust Gefängnisse für die Jugendlichen.
Die Frauen arbeiten, und die Jugend schläft.

Lass mich gehen,
lass mich gehen.
Mein Herz ist verletzt.
Lass mich gehen im Holzboot.

Ich versuche, eine Lösung zu finden, damit ich zur inneren Ruhe komme.
Ich probiere es immer wieder, aber ich schaffe es nicht.
Eine Stunde nüchtern und dann ein Jahr betrunken.
Wer es geschafft hat, hat ein langes Leben mit Zukunft.
Von meinen besten Freunden sind nur wenige treue geblieben.

Lass mich gehen,
lass mich gehen.
Mein Herz ist verletzt.
Lass mich gehen im Holzboot.

«Casa del Mouradia»

Es ist fast Morgen, und ich kann nicht schlafen.
Ich konsumiere Drogen in kleinen Mengen.
Wer hat die Schuld, wer ist dafür verantwortlich?
Wir sind dieses Lebens müde.

In der ersten Amtszeit haben wir ein Auge zugedrückt, doch die Antwort war Krieg.
In der zweiten Amtszeit ist es klar geworden, es ist «La Casa del Mouradia».
In der dritten Amtszeit wurde das Land betrogen für private Bereicherung.
In der vierten Amtszeit ist die Puppe gestorben, aber die Sache nicht.

Es ist fast Morgen, und ich kann nicht schlafen.
Ich konsumiere Drogen in kleinen Mengen.
Wer hat die Schuld, wer ist dafür verantwortlich?
Wir sind dieses Lebens müde.

Die fünfte Amtszeit wird folgen, sie wollen das Land für sich.
Die Vergangenheit ist nicht vergessen und mit ihr die Stimme der Freiheit.
In unserer Kurve sprechen wir privat, doch sie wissen, worüber wir uns auskotzen.
Sogar für die Schule brauchst du einen Lebenslauf, sonst bleibst du Analphabet.

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