Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Mit Rock und Champagner

Alpinismus gilt seit jeher als Männersache, obwohl es stets kletternde Frauen gab. Die Freilichtspiele Zermatt erzählen in «Matterhorn: No ladies please!» von der ersten Frau auf dem Matterhorn. Gerne hätte man noch mehr über Lucy Walker erfahren.

Von Silvia SüessMail an Autor:in (Text) und Ursula Häne (Foto)

Gegen Widerstände der Einheimischen, mit Unterstützung von Melchior: Der Oberländer Bergführer war bei den Bergtouren von Lucy Walker stets dabei – auch auf dem Matterhorn.

«Was wollen Sie eigentlich beweisen?», fragt der junge einheimische Bergführer erzürnt, als die englische Lady stur an ihrem Vorhaben festhält, als erste Frau das Matterhorn zu besteigen. Diese lächelt charmant und entgegnet: «Haben Sie das schon mal einen Mann gefragt?» – «Nein», antwortet der Walliser Bergsteiger, «aber ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau.»

Dies ist einer von vielen Dialogen im Stück «Matterhorn: No ladies please!» von Livia Anne Richard, das die Freilichtspiele Zermatt zurzeit auf dem Gornergrat vor der atemberaubenden Kulisse des Matterhorns aufführen. Das Gespräch bringt die gesellschaftlichen Verhältnisse am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Punkt: Eine Frau hat nicht ehrgeizig zu sein, sondern sie soll sich genügsam um das Wohl von Mann und Kindern sorgen. Und auf einem Berg hat eine Frau erst recht nichts zu suchen. Der Alpinismus ist von seinen Ursprüngen her stark männlich konnotiert. Bergtouren galten als «Männlichkeitsrituale», wie Andrea Hungerbühler in ihrer 2013 erschienenen Dissertation «Könige der Alpen. Zur Kultur des Bergführerberufs» aufzeigt: Der Mann verlässt sein alltägliches Leben, seine Frau und Familie, um in den Bergen auf eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu stossen. «Bergsteigen – so war man unter Alpinisten überzeugt – ‹macht den Mann männlicher› und sei überhaupt ‹der männlichste Sport›.»

Vor der Rivalin oben

Kein Wunder also, dass das Vorhaben der Engländerin Lucy Walker 1871 die Walliser Mannen und Frauen erzürnte, wagte sich die hochgebildete, wohlhabende Bürgerstochter doch in eine Männerdomäne. Zur Kletterei war sie über ihren Vater und ihren Bruder gekommen. Sie kletterte – ganz standesgemäss – stets im Rock und verzehrte auf ihren Touren Champagner und Biskuitkuchen. Als sie sich 1871 mit ihrem Vater in Zermatt aufhielt, hörte sie, dass die US-amerikanische Bergsteigerin Meta Brevoort als erste Frau das Matterhorn besteigen wolle. Brevoort und Walker galten als die arriviertesten Kletterinnen ihrer Zeit, jede der beiden stand als erste Frau gleich auf mehreren Gipfeln. Sofort nachdem Walker von Brevoorts Vorhaben hörte, stellte sie eine Seilschaft mit Bergführern zusammen und machte sich auf den Weg zum Gipfel, um vor der Rivalin dort zu sein – was sie auch schaffte. Sie ging als erste Frau auf dem Matterhorn in die Geschichte ein.

Dieses historische Ereignis nimmt Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard als Aufhänger des Stücks «Matterhorn: No ladies please!». Doch im Zentrum steht nicht die unkonventionelle Geschichte von Lucy Walker. Richard verbindet diese vielmehr mit zwei weiteren Schicksalen von Frauen, die unter den engen gesellschaftlichen Konventionen leiden und auf ihre Art ausbrechen. Eine davon ist die Wirtstochter Lina (Tina Müller). Während für Lucy die Berge die absolute Freiheit bedeuten, wo sie aus den engen viktorianischen Verhältnissen ausbrechen kann, droht Lina in der Bergwelt zu ersticken: Ihr Vater zwingt sie, in der Hotelküche mitzuarbeiten, und verbietet ihr den Kontakt zu den Gästen. Dabei würde die intelligente und kontaktfreudige Wirtstochter am liebsten zur Schule gehen und Fremdsprachen lernen. Die dritte Geschichte soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Sie ist eine gelungene Pointe.

Lieber nicht öffentlich

Corinne Thalmann ist grossartig als Lucy Walker. Dank ihres dynamischen und nuancenreichen Spiels werden auch die arg statisch inszenierten Sprechszenen, aus denen das Stück zu einem grossen Teil besteht, nur selten langweilig. Schon nur deshalb ist es schade, dass Richard das Stück nicht noch stärker auf Lucy Walker fokussiert. Auch weil man gerne noch mehr über diese Frau und ihre Leidenschaft zu den Bergen erfahren hätte. Allerdings gibt es kaum historische Dokumente über sie: Anders als die Männer schrieben die Frauen damals nicht über ihre bergsteigerischen Taten, da sie ihre in der Gesellschaft verpönte «männliche» Lebensweise lieber nicht öffentlich machen wollten.

Die Vorstellung, dass Alpinismus ein männlicher Sport oder gar eine männliche Lebensweise sei, ist noch heute, fast 150 Jahre nachdem Lucy Walker auf dem Gipfel des Matterhorns mit Champagner angestossen hat, in vielen Köpfen verankert. So durften Frauen erst ab 1980 überhaupt Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs werden – noch 1978 befürchteten Skeptiker, die Aufnahme von Frauen verwische die Eigenart des SAC und könnte zu ehelichen Konflikten führen. Erst 1986 machte – und schaffte – Nicole Niquille als erste Frau in der Schweiz die BergführerInnenausbildung. Von den rund 1300 Schweizer BergführerInnen sind heute gerade einmal 38 Frauen, eine Instruktorin oder Prüfungsexpertin bei der Ausbildung hat es noch nie gegeben. Der Vorstand des Schweizer Bergführerverbands besteht – mit Ausnahme der beiden Sekretärinnen – aus sechs Männern. Und noch immer kommt es vor, dass Gäste irritiert reagieren und die Kompetenz der Bergführerinnen anzweifeln – allein aufgrund ihres Geschlechts. Es gibt 2019 also auch neben der Bühne noch viel zu tun.

«Matterhorn: No ladies please!» läuft noch bis am 1. September 2019, jeweils Donnerstag bis Sonntag. www.freilichtspiele-zermatt.ch. Weiterführende Lektüre zum Thema: Caroline Fink und Karin Steinbach Tarnutzer: «Erste am Seil. Pionierinnen in Fels und Eis». Tyrolia Verlag. Innsbruck/Wien 2013. 304 Seiten. 39 Franken.

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