Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Ich sehe was, was du nicht siehst, und es ist weiss

An den Figuren der Hausfrau und des Bergführers beschreibt Patricia Purtschert die Geschichte einer weissen Schweiz – und hilft damit, die aktuellen Debatten um Antirassismus und Feminismus zu verschränken.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Eierschalenfarben das Küchenensemble, schneeweiss Schürze und Bewusstsein: Die konstruierte Hausfrau. Foto: Kurt Hartmann, AKG

Nun verteidigen sie also wieder einmal den Namen der Süssigkeit mit dem weissen Schaum, der Inhaber der Schokoladenfabrik und seine treusten KundInnen, die draussen vor dem Fabrikladen in der Schlange stehen. Sie rufen sogar zu Gratisverteilaktionen auf: «Es hät, solangs hät.» Das Paradox an ihrem Trotz liegt darin, dass der Name als Nebensache abgetan, aber zugleich mit aller Vehemenz verteidigt wird. Beispielhaft dafür ist die Argumentation des Fabrikanten. Wer über den Namen seiner Süssigkeit diskutiere, sagt Robert Dubler in Interviews, verliere die wesentlichen Probleme aus den Augen: «Afrika ist arm, weil wir es täglich bescheissen.» Warum dann bloss diese Renitenz beim Namen?

Vermutlich, weil es bei der Umbenennung doch um mehr geht. Die Forderung rüttelt am kollektiven Imaginären, das die Ausbeutung der Kolonien überhaupt erst ermöglichte. Ein Imaginäres, das die Vorherrschaft der Weissen als natürlich erscheinen liess und damit ihren Zugriff auf das Territorium, die Ressourcen und letztlich die Schwarzen Körper legitimierte. Ihre Köpfe einzuverleiben, mit einem Biss, darum geht es doch bei der Süssigkeit mit der zarten Schokoladenhaut. Die Imagination der Vorherrschaft wurde gerade über Konsumprodukte verbreitet, «Warenrassismus» lautet der Fachbegriff.

Dass in Patricia Purtscherts «Geschichte der weissen Schweiz» eher selten beachtete Werbeanzeigen die wichtigste Quelle sind, ist in diesem Sinn nur folgerichtig. Sie erklärt darin, wie zwei im 20. Jahrhundert national überhöhte Figuren in Absetzung zu einem kolonialen Anderen konstruiert wurden: die Hausfrau und der Bergführer. Bereits im vergangenen Jahr erschienen, ist das Buch in diesen Tagen nur noch aktueller. Fast wie im Kinderspiel erkennt man nach der Lektüre die strukturierende Norm auch der Schweizer Gesellschaft: Ich sehe etwas, was du nicht siehst, und es ist weiss!

Der Haushalt als Schaubühne

Weiss, das ist in den Werbungen mit der modernen Hausfrau, deren Rolle sich in den 1930er Jahren herausbildet, fast alles: «Dieses Mädchen in Weiss wurde von allen bewundert – das Kleid war aber auch wunderbar weiss», heisst es in der Werbung für das Waschmittel Lux. Propagiert wurde das Reinheitsideal häufig mithilfe kolonialer Differenzen zu einem unzivilisierten und dreckigen Anderen. Diese als «othering» bezeichnete Absetzung zeigt sich in der Werbung für einen der ersten Staubsauger der Firma Electrolux. Zu einem Bild von fünf fast nackten Erwachsenen neben einer Strohhütte heisst es: «Die N[…] haben Motten nicht zu fürchten, das ist klar! Wo keine Kleider und Teppiche sind, werden auch keine gefressen.»

1870 waren noch die Hälfte der Erwerbstätigen Frauen, nach dem Ersten Weltkrieg sank ihr Anteil stetig. Das Ideal der Hausfrau, die das eigene Heim nicht als Arbeit, sondern aus Berufung pflegt, musste in der bürgerlichen Gesellschaft also durchgesetzt werden. Die Gesellschaft wurde dafür in eine öffentliche Sphäre der aktiven Männer und eine private Sphäre der liebevoll sich aufopfernden Frauen unterteilt, wobei die beiden Räume eng aufeinander bezogen blieben. Der Haushalt wurde zur Schaubühne für die moderne Lebensweise.

Was bisher in der Forschung nur wenig beachtet wurde: Auf dieser Bühne brachte gerade die Abgrenzung von angeblich primitiven und unzivilisierten Anderen die Fortschrittlichkeit und die erzieherische Aufgabe der Hausfrau zum Vorschein. «Frauen sollen nicht nur in der Führung eines gut organisierten, ordentlichen, wirtschaftlichen und ehrbaren Haushalts aufgehen», schreibt Purtschert, «sondern auch in ihrer Aufgabe als weibliches Rollenmodell für die koloniale Zivilisationsmission und als Vorsteherinnen einer weiss-gemachten Nation.»

In den Werbungen war es häufig der neidvolle Blick der Kolonisierten, der diese eingeschränkte Rolle der Frau als begehrenswert erscheinen liess. Bemerkenswert: Meist sind es Männer, die die Hausfrau um die moderne Warenwelt beneiden, die Schwarze Frau fällt so fast vollständig aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus. Für den «Weisswaren-Verkauf» im Globus wurde sogar ein Schwarzer Mann mit weissem Gesicht kreiert. Als staunender Mittler zwischen den Welten darf er den Kindern weisse Lätzli, Schürzli und Strümpfli anziehen.

Als Ergänzung zur Hausfrau kann der Typus des Bergführers gesehen werden. Bergführer waren weitgehend ein Produkt der städtischen Eliten, die das Bergsteigen für sich entdeckten und sich zu diesem Zweck im Schweizerischen Alpen-Club (SAC) organisierten. Ihnen wurden Mut, Pflichtbewusstsein und Liebe zur Heimat zugeschrieben, dargestellt wurden sie gleichermassen als aussergewöhnliche Gestalten wie als bescheidene Männer, die ihren Freiheitsdrang auf den Kampf mit den Naturgewalten beschränkten. So avancierten Alpinisten zum Sinnbild einer Nation, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mythisch in der Bergwelt verortete.

Freundschaft in der Todeszone

Die Alpengipfel wurden von den britischen Erstbesteigern als unbekannte Landschaft betrachtet, die man in kolonialer Manier erobern und benennen konnte. Auch wenn sich der SAC gegen die britische Konkurrenz formierte, übernahm er diese imperiale Sichtweise: Sein Ziel bestand darin, unbestiegene Gipfel zu erklimmen und bislang unbekannte Gebiete zu erforschen. «Die Popularität von Bergführerfiguren beruhte auf der Möglichkeit, sie – und damit die Schweiz – in die europäische Abenteuer- und Entdeckerkultur zu integrieren und koloniale Fantasien damit nachhaltig in der Populärkultur zu verankern», schreibt Purtschert.

Dies geschah nicht zuletzt auf Expeditionen ins Ausland, bei denen die Schweizer Bergführer den Briten assistierten, etwa in den Anden oder im Kaukasus. Als in den 1950er Jahren, also just zu Beginn der Dekolonialisierung, im Himalaja das Wettrennen um die Achttausender begann, kehrte sich das Verhältnis definitiv um: Nun wurden die Schweizer zu den Sahibs, den Herren, die sich von den Sherpas ihr Material auf die Gipfel schleppen liessen.

Bei den technischen Kenntnissen fühlten sich die Schweizer ihren einheimischen Trägern weit überlegen. Erst in der Todeszone am Everest, als Raymond Lambert und Tenzing Norgay 1952 300 Meter unter dem Gipfel umkehren mussten, finden die beiden in einer Männerfreundschaft zusammen. Gemäss Purtschert wurde mit diesem medial breit rezipierten Ereignis eine «neue, postkoloniale Brüderlichkeit geschaffen», die der Schweiz als Nation einen neuen Platz in der dekolonialisierten Weltordnung gab. Sie sah sich nun als Wegbereiter des postkolonialen Anderen auf seinem langen Weg in die Moderne, den sie in der Entwicklungshilfe mit Technik und Wissen unterstützte.

Bewegungen verbinden

Als soziale Konstruktionen waren Bergführer und Hausfrau in der Schweiz politisch äusserst wirkmächtig. Sie begründeten die Vorherrschaft der Männer und schlossen die Frauen von der Mitbestimmung aus. Im strahlenden Weiss dieser Rollenbilder ging letztlich vergessen, dass die Schweiz tief in den Kolonialismus verstrickt war. Schwarze Schweizer durfte es in diesen Vorstellungen nicht geben, Schweizerinnen schon gar nicht. Die Konstruktionen hatten aber noch einen weiteren Effekt, den Purtschert nur thesenartig anführt und der vertieft weiterzudenken wäre: Das Idealbild von Hausfrau und Bergführer hatte auch den Effekt, dass die sozialen Gegensätze zwischen den ArbeiterInnen und dem Bürgertum homogenisiert wurden. Der Rassismus nach aussen diente immer auch dazu, die Widerspenstigen und die Aufständischen im Innern zu zähmen.

Purtschert verknüpft in ihrem Buch postkoloniale und gendertheoretische Ansätze mit grossem Mehrwert, und gerade darin lassen sich ihre historischen Erkenntnisse auch auf die politische Gegenwart übertragen. Die Kundgebungen von Black Lives Matter und der Frauenstreik finden nicht zufällig nebeneinander statt, sondern haben historisch unmittelbar miteinander zu tun. Beide richten sich gegen ein Gesellschaftssystem, das immer noch auf kolonialen Stereotypen fusst. Wenn sich die Bewegungen verschränken und neben den Fragen der Repräsentation auch die der Ungleichheit stärker thematisieren, dürften sie noch bedeutsamer werden. Dass die alten Muster brüchig geworden sind, zeigen Auseinandersetzungen wie der Namensstreit um den Schokokuss. Die Bewältigung der Muster ist ein Prozess, der vorwärtsgeht. In diesem Sinn: Es hät, solangs hät!

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