Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

Im schmelzenden Eis verewigt

Der Alpinismus ist zusehends zum ökologischen Problem geworden. Dennoch gehört er seit kurzem zum Unesco-Kulturerbe. Wie konnte es so weit kommen?

Von Walter Aeschimann

Ende 2019 war es so weit. Die Unesco beschloss, den Alpinismus in die «Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit» aufzunehmen. Die Idee stammte aus dem französischen Departement Haute-Savoie und war ursprünglich auf das Mont-Blanc-Gebiet fixiert. Der Französische Verband der Alpen- und Bergvereine (FFCAM) startete das Projekt bereits im März 2011 in Chamonix. Aber es gab ein Problem.

Die Gemeinden Courmayeur im italienischen Aostatal und Chamonix auf der französischen Seite des Gipfels strebten schon seit zwanzig Jahren gemeinsam an, den Mont Blanc auf der «materiellen» Weltnaturerbeliste zu verewigen. Das starke Verlangen der zwei Tourismuszentren nach Unesco-Nähe hatte Gründe. Der höchste Alpengipfel ist ein Rummelplatz für Renommiertouristen und dilettierende Egomaninnen. Jährlich nehmen sich 25 000 Menschen vor, den Gipfel zu besteigen. Das Refuge Vallot (4362 Meter über Meer), eine Biwakschachtel auf dem Weg dorthin, dient als Abfalldeponie. Das lädierte Image sollte mit dem Kulturdiplom hingebogen werden.

Recht auf freien Zugang

Die Unesco signalisierte gegenüber den AlpinistInnen des FFCAM Zuneigung. Deren Arbeit kam trotzdem nicht voran. Der französische Verband fragte daraufhin Klubs anderer Staaten an. Der Club Alpino Italiano (CAI) und der Schweizer Alpen-Club (SAC) sagten im Jahr 2017 zu.

Die AktivistInnen waren allerdings alles «Amateure» – zwar in Fels und Eis erprobt, mit komplexen Antragsformularen und der Unesco-Etikette jedoch ziemlich überfordert. Dies schildert Bernard Debarbieux in der «Revue de géographie alpine». Der Professor für kulturelle und politische Geografie an der Universität Genf war von Anfang an dabei. Seine Bilanz lautet: «Die Registrierung einer kulturellen Praxis auf der Unesco-Welterbeliste war ein Abenteuer.»

SAC-Präsidentin Françoise Jaquet sass ab 2017 in der Arbeitsgruppe. Wir treffen uns in Bern und sprechen über das Unesco-Abenteuer, über die Schwierigkeit der Länder, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu definieren, und über die SAC-Politik.

Gemeinsam ist den Verbänden, dass sie den freien Zugang in die Berge verteidigen wollen. Und das Recht auf eigenes Risiko. Sie gewichten die individuelle Freiheit höher als den Schutz der Natur. Dass etwa Jean-Marc Peillex, der Bürgermeister von Saint-Gervais, auf dessen Gebiet ein guter Teil des Mont-Blanc-Massivs liegt, den Irrsinn regulieren will, passt ihnen nicht. Ihr ökologisches Bekenntnis verhallt zu oft als hohles Echo in den Felsformationen.

Helis, Abfall, Verkehrskollaps

Als Beleg führe ich beim Treffen mit Jaquet diverse Beispiele an. Der SAC zeichne im Magazin «Die Alpen» eine verniedlichte touristische Hochglanzwelt. Er wehre sich gegen Wildschutzzonen. Um massenhaft Menschen auf die Gipfel zu bekommen, baue er hochalpine Wege zu familientauglichen Erlebnispfaden aus. Alpine Schutzhütten gestalte er in Luxusherbergen um.

Jaquet reagiert gelassen. Ihre Antworten gleichen offiziellen Versionen: Immer mehr Menschen wollten in die Berge. Der SAC könne diesen Trend nicht stoppen. Er könne die Menschen jedoch für mehr Respekt vor der Umwelt sensibilisieren. Er hoffe, mit dem Unesco-Label mehr Gewicht zu erhalten bei Debatten über den freien Zugang sowie Nutzung und Schutz der Alpen. Das Gespräch in Bern ist kontrovers, atmosphärisch jedoch entspannt. Jaquet retourniert den Text nach dem Gegenlesen ohne Änderung. Die promovierte Mikrobiologin beklagt aber die schriftliche Kritik am SAC und das zu wenig euphorische Lob zum Unesco-Werk. Am Tag danach verbietet sie gar, die autorisierten Zitate zu publizieren. Weitere Gespräche lehnt sie ab.

Die Unesco-Idee zu verteidigen, war für die Alpenverbände nicht einfach. Viele BerggängerInnen wollten nicht verstehen, was Alpinismus mit vergorener Stutenmilch aus der Mongolei oder omanischen Dattelpalmen gemeinsam haben soll – auch sie gehören zum Unesco-Welterbe. Laut Professor Debarbieux kritisierten viele, der Alpenraum habe ernstere Probleme: exzessiver Leistungssport und Konkurrenzverhalten, boomende Expeditionen mit rein kommerziellen Geschäftsmodellen, überlastete Autostrassen in die Alpentäler, von Menschen überfüllte und zugemüllte Moderouten, Projekte mit gigantischen Transportanlagen inklusive touristischer Helikopterflüge, künstlich beschneite Pisten, ein zunehmend globalisierter Bergtourismus.

Schon beim Thema Helikopterflüge zerstritten sich die Länder. Für den SAC gehören sie zum Alpinismus. Für den französischen Verband kam das nicht infrage. Die Unesco-BürokratInnen in Paris verwiesen auf die Unesco-Konvention. Gemäss Absatz 2 geht es um «kulturelle Ausdrucksformen und Traditionen» und «Massnahmen zur Sicherung des kulturellen Erbes». Das Team musste sich neu formieren und nahm kundige VermittlerInnen in die Seilschaft auf: Chefbeamte und auf kulturelles Erbe spezialisierte Wissenschaftlerinnen.

Die von der Unesco akzeptierte Version zeichnet nun eine romantische Retrowelt und lädt sie mit frühmodernem Pathos auf. Es gehe um die «Kunst» und die «Ästhetik», einen Gipfel zu besteigen, um physische, technische und intellektuelle Fähigkeiten, diese Kunstform zu beherrschen. Dieses Wissen gelte es, künftigen Generationen zu vermitteln. Es gehe um «Respekt» vor den KameradInnen und der Natur. Ausserdem um «Teamgeist». Die «Kontemplation», das beschaulich-sinnliche Nachdenken über die Landschaft im «harmonischen Einklang mit der natürlichen Umgebung», soll AlpinistInnen bei ihren schöpferischen Tätigkeiten leiten.

Die Kreation erhält nur zögerlich Applaus. Tim Marklowski, Projektleiter Bergsport bei der Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness, hätte es begrüsst, wenn die Unesco moderne Aspekte des Bergsports stärker gewichtet hätte: «die Anreise, die Ausrüstung und das Verhalten im Naturraum». Für Roland Stierle, Präsident des Europäischen Bergsport-Dachverbands (EUMA), könnte der Alpinismus «ohne diese Anerkennung leben». Sie sei vielleicht «hilfreich, weil es den vorbildlichen Umgang der Bergsteiger untereinander beschreibt, aber auch den Umgang mit der Natur».

Vorerst dürfen Frankreich, Italien und die Schweiz exklusiv mit dem Kulturabzeichen werben. Ein Unesco-Label löst oft einen zusätzlichen Ansturm von TouristInnen aus, die noch mehr Schaden hinterlassen. Die beteiligten Verbände sehen diese Bedrohung allerdings nicht. Sie hoffen auf einen gegenteiligen Effekt. Das glaubt auch Debarbieux: Das Unesco-Verfahren habe bei allen Beteiligten ein «tiefes Nachdenken über Alpinismus und seine Bedeutung ausgelöst», schreibt er. «Dank der Registrierung wird Bergsteigen künftig auf eine andere Weise ausgeübt.» Die Unesco steht nun in der Pflicht, dieses Versprechen einzufordern.

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