Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

Ein Leben lang gegen die Tyrannei

Die marxistische Philosophin Agnes Heller gehörte zu den wichtigsten KritikerInnen des Totalitarismus. Zuletzt warnte die Ungarin vor einer Refeudalisierung demokratischer Gesellschaften.

Von Ralf Leonhard

Das Appartement, das Agnes Heller zuletzt in Budapest bewohnte, gewährt einen grosszügigen Blick auf die Donau und die Petöfi-Brücke. Nur wenige Hundert Meter flussaufwärts erinnern bronzene Schuhe an das Massaker an Tausenden von JüdInnen im Jahr 1944. Das Wasser des Stroms, so berichteten es AugenzeugInnen, sei rot gefärbt gewesen. Sie selbst, die damals fünfzehnjährige Tochter aus jüdischem Bürgerhaus, hat mit ihrer Mutter durch eine Mischung aus eigenem Geschick und purem Glück überlebt. Drei Mal soll sie der Deportation oder dem Erschiessungskommando entkommen sein. Der Vater, der selbst vielen JüdInnen zur Ausreise verholfen hatte, als die Nazis kamen, hatte weniger Glück: Er starb 1945 in Auschwitz, wohin ihn die faschistischen Pfeilkreuzler deportiert hatten.

Einen guten Teil ihres philosophischen Lebens wurde Heller von der Frage umgetrieben, wie Auschwitz und die sowjetischen Gulags passieren konnten: «Wie können Staaten und Gesellschaften zustande kommen, in denen so etwas selbstverständlich praktiziert wird?» Im hohen Alter resümierte sie: «Auf diese Fragen habe ich keine Antwort bekommen, denn wo es Tausende Antworten gibt, gibt es keine Antwort.»

Theorie der Bedürfnisse

Agnes Heller hatte beim marxistischen ungarischen Starphilosophen Georg Lukács studiert und promoviert. Die glühende Zionistin trat der Kommunistischen Partei bei, landete aber beim ungarischen Volksaufstand von 1956 im Lager der DissidentInnen. Sie stellten den sogenannten real existierenden Sozialismus unter der Schirmherrschaft der Sowjetunion infrage. Als Konsequenz ihrer kategorischen Ablehnung totalitärer Systeme wurde sie von der Universität ausgeschlossen und erhielt ein Publikationsverbot. Diesem war eine demütigende Selbstkritik vorausgegangen, die mit der Drohung der Hinrichtung erpresst worden war.

Mit marxistischer Analyse formulierte Heller 1976 ihre «Theorie der Bedürfnisse», der eine Kritik an der «Bedürfnisdiktatur» in den Ländern des osteuropäischen Realsozialismus entsprang. Heller charakterisiert die Gesellschaften als «totalitäre Systeme», in denen der Mensch Untertan sei und keine staatsfreien Räume vorfinde. Sie glaubte nicht an das «Klasseninteresse» als Triebkraft für den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus: «Historische, die Lebensweise verändernde Umschwünge geschahen stets durch ein Geltendmachen von Massenbedürfnissen; es fragt sich, wie angesichts heutiger globaler Nöte entsprechende Umwälzungen durch ganz neue Massenbedürfnisse erreicht werden können.»

Hellers Erstlingswerk, «Der Mensch der Renaissance», war noch 1967 in Ungarn erschienen. Nach Protesten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes, darunter auch ungarische, wurde Agnes Heller im August 1968 neuerlich mit Berufsverbot belegt. 1977 konnte sie sich ihm dank eines Rufs an die La-Trobe-Universität in Melbourne entziehen, später wurde sie auf den Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der New School for Social Research in New York berufen.

Wenige PhilosophInnen haben ihr eigenes Denken so sehr infrage gestellt und immer wieder kritischer Reflexion unterzogen wie Agnes Heller. In ihrem 2017 erschienenen Buch «Eine kurze Geschichte meiner Philosophie» warf sie einen kritischen Blick auf ihr eigenes Denkgebäude. Dabei habe sie nicht alles verworfen, was sie vorher geschrieben hatte, vielmehr «muss ich Teile durch andere Teile ersetzen, aber nicht das ganze Gebäude niederreissen». Sonst könne man «kein anderes Gebäude aufbauen», erklärte sie damals in ihren Vorträgen.

Orbans absoluter Wille

Mit dem politischen Umbruch im Gefolge des Mauerfalls kehrte Heller nach Ungarn zurück, behielt aber ihren Zweitwohnsitz in New York. In Ungarns Premier Viktor Orban sah Heller einen Tyrannen, «weil in Ungarn nichts gegen seinen Willen geschehen kann und weil in Ungarn alles, was er will, auch geschieht». In einem Interview, das im letzten Jahr in der WOZ erschien, ging Heller indirekt auch auf Orbans Vorstellungen einer «illiberalen Demokratie» ein: «Die wahre Gefahr besteht in der Refeudalisierung: dass die sich auch in Europa durchsetzt, wie sie in den meisten Teilen von Asien und Afrika und in vielen Teilen Lateinamerikas herrscht. Ein einziger oder wenige Tyrannen bestimmen die Politik eines Landes und werden durch Wahlen bestätigt. Deshalb ergibt, nebenbei bemerkt, das Wort ‹Demokratie› ohne Liberalismus auch keinen Sinn mehr» (siehe WOZ Nr. 36/18).

Agnes Heller hielt sich für ihre anstrengende Vortrags- und Reisetätigkeit körperlich fit, indem sie täglich im Pool im Keller ihres Hauses ihre Runden zog. Ihr noch immer voller Terminkalender enthielt einen Eintrag für den 14. August im Tiroler Bergdorf Alpbach, wo sie das Europäische Forum zum Generalthema «Freiheit und Sicherheit» als Gastrednerin eröffnen sollte. Davor erholte sie sich noch in einem Ferienhaus der ungarischen Akademie der Wissenschaften am Plattensee. Am 19. Juli schwamm die Neunzigjährige auf den See hinaus und kam nicht mehr zurück.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch