Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Auf ein Selfie mit Salvini

Ruedi Widmer versucht, in Italien eine Postkarte zu verschicken

Von Ruedi Widmer

Der italienische Innenminister Matteo Salvini tourte diesen Sommer durch Italien, der Küste entlang, in den Badehosen an den Badestränden. Einmal hielt er ganz in der Nähe des Ortes, wo ich die Ferien verbrachte. Man konnte am Strand mit ihm ein Selfie machen, ihn sogar berühren. Viele Italienerinnen und Italiener waren deswegen entzückt. Der Politiker, der endlich etwas macht (Selfies), hat hohe Zustimmungswerte, so hohe, dass er Neuwahlen will, die ihm die absolute Macht über das Land geben sollen.

Leider sah ich ihn nicht, ich hätte ihm etwas gesagt.

Nämlich, dass er recht hat. Es muss dringend aufgeräumt werden im Belpaese. Die EU hat schon viel zu viel zerstört. Brüssel kennt keine Gnade. Belgischer Schlendrian an allen Ecken und Enden Italiens. Baustellen, die stillstehen. Sinnfreie Strassensignalisationen. Autofahrende, die vor lauter Angst nur noch an Brüssel denken können und so entweder viel zu schnell oder viel zu langsam fahren und den Verkehr gefährlich machen. Das völlig heruntergekommene Kolosseum in Rom (die EU baut lieber an ihrem eigenen Koloss). Die stillstehende Wirtschaft, die unerträgliche Hitze, der Abfall überall, die Schlaglöcher in den Strassen. Die Mafia, die ihr erbeutetes Geld schnurstracks nach Brüssel überweist, um es dort bei den belgischen Funktionären versickern zu lassen! Kann Italien etwa ohne Belgien nicht mehr leben? Doch. Am samstäglichen Mercato wird einem chinesische Qualitätsware verkauft. Man muss ja mittlerweile Kleider aus China einführen, weil die EU die europäische Kleiderindustrie mit ihren vielen Vorschriften (Kragenkrümmung, giftfrei etc.) in die Knie gezwungen hat. Und zu guter Letzt die Bootsflüchtlinge, die nur nach Europa wollen, weil es Europa gut geht (obwohl Brüssel alles unternimmt, damit es nicht gut geht).

Und das Schlimmste: Man kann in Italien keine Briefmarken mehr kaufen. Selbst Tabacci-Geschäfte, in denen es Postkarten gibt, verkaufen keine mehr. Warum, weiss niemand. «No, non vendiamo più.»

Nur noch auf der Hauptpost der Poste Italiane können Briefmarken erworben werden. Man muss dafür aber eine Ferienwoche mehr nehmen. Es gilt, zuerst eine Stunde in der Halle auf einen freien Schalter zu warten. Dann nimmt der Postbeamte (Beamte! Brüssel! EU!) die Postkarten und wägt jede einzelne ab. Dann muss er sie durch einen Apparat laufen lassen, um eine Frankatur draufzukleben. Der Apparat klemmt dauernd («Apparat», ein typisches EU-Wort, das mir die Nackenhaare zu Berge stehen lässt!). Das dauert gegen eine Viertelstunde bei sechs Postkarten (so lange wie die Brexit-Verhandlungen mit Grossbritannien, die Brüssel blockiert und blockiert!).

Die italienische Post ist ein typisches Beispiel für den Schaden, den die EU anrichtet. Seit den italienischen Beamten jeglicher Fleiss ausgetrieben wurde, weil wegen der Abschaffung der Briefmarken und wegen diesem blödsinnigen Frankierungsapparat (garantiert in Belgien hergestellt) niemand mehr Post verschicken will, ist das Bruttoinlandsprodukt Italiens auf Drittweltniveau angelangt. Ehrlich, die in Brüssel haben doch einen an der belgischen Waffel! Die italienische Fussballnationalmannschaft ist nur noch auf Platz 16 der Weltrangliste. Wenn Belgien nicht auf Platz 1 wäre, wäre Italien auf Platz 15!

Die EU pumpt Geld nach Italien, das dort nach bestem Wissen und Gewissen in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur gesteckt wird. Aber was passiert? Die EU schickt viel zu wenig Geld, sodass die Ausbauten nicht fertig werden. Das alles hätte ich dem badehösernen Salvini gesagt. Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass es dem «Capitano» nach Neuwahlen gelingt, das Kreuzfahrtschiff Italien an einem Felsen der Insel Giglio vollends kentern zu lassen. Der harte EU-Ausstieg quasi, den er will.

Ruedi Widmer ist Cartoonist am Strand des inexistenten Sees von Winterthur.

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