Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Hurra, der Willy ist wieder da!

Was wir wollen sollen: Die Schweizer Grossparteien haben Wahlspots gedreht – die sich alle erstaunlich ähnlich sind.

Von Valerio Meuli

«Für üsi Freiheit, da müemer zämestah.» Kennen Sie noch? Nein? Vielleicht das hier: «Wo e Willy isch, isch ou e Wäg.» Ja, genau, der lustige SVP-Troubadour mit blondiertem Vokuhila und dem herzigen kleinen Hund namens Willy. Der Wahlkampfsong der SVP sollte damals vor allem eins zeigen: Wir – also wir richtigen Eidgenossen – lieben unsere Schweiz. Und die soll bitte auch so heil und frei bleiben, wie sie ist. Nun haben wir nicht mehr 2015 und vom Willy zum Glück auch schon länger nichts mehr gehört. Doch halt.

Zwar gibts im gegenwärtigen Wahlkampf keine Welpen, die über sattgrüne Wiesen hopsen, auch keine johlende Bierzeltromantik. Aber es gibt den Willen. Unseren Schweizer Willen. Dieses Mal reklamiert ihn nicht die SVP für sich, sondern die FDP. Ich will, du willst, wir wollen, sie wollen, alle wollen. Alle müssen wollen. Das ist die Botschaft. Was genau wir alle wollen sollen, das wird nicht klar. Ausser FDP wählen, natürlich.

Die Partei des Willens

Obwohl sie auf die bekannte Bezeichnung der Willensnation Schweiz verweist, geht es der FDP nur ums individuelle Wollen. «Hier musst du wollen», verlangt der Erzähler im Video. Er weiss auch: «Wollen ist nie einfach.» Aber zum guten Glück könne man hier, in der Schweiz, alles erreichen. Wenn. Man. Nur. Will! Das Willensgesinge findet nun also nicht mehr in der Schweizer Bergwelt statt und ist kein Gesinge mehr. Willy ist auch kein Hund mehr, er ist nun ein Willensmensch. Er trägt Massanzug und macht Karriere am Zürcher Paradeplatz.

Das Video wirkt wie eine Werbung eines Lifestylecoachs. Damit die Zuschauerin den Spot doch noch im weitesten Sinn mit Politik verbinden kann, zeigt die FDP darin: Menschen. Verschiedenartige Menschen. Menschen wie du und ich, so die Message. Und der Erzähler ist dein persönlicher Karriereberater. Egal, von wo du bist, wie du aussiehst, ja, du darfst sogar jung sein und Tattoos haben. Du musst einfach – richtig – wollen.

Die FDP rennt also Willy nach. Die SVP hat ihn jedoch längst überholt – und das gemeinsam mit der SP. Während die FDP noch schöne Landschaften und Städte mit pathetischer Musik untermalt, sind SVP und SP richtig ins Filmbusiness eingestiegen: Blockbuster, grosses Kino!

Es war einmal in Hollywood

Klaviermusik. Pfäffikersee, die Sonne scheint. Ein Mann sitzt auf einem Holzsteg. Er trägt einen Strohhut, kritzelt in sein Notizbuch und schaut dann wieder in die Ferne. Ein Schriftsteller, ein grosser Künstler? Nein, es ist Christoph Blocher. Blocher, der – so suggeriert der Film – immer noch die Fäden seiner Volkspartei in den Händen hält. Er ruft zur «geheimen Mission» auf, und nacheinander trudeln sie alle ein, im «Bunker»: Unternehmensberater Aeschi, Banker Matter, Chefredaktor Köppel, Parteipräsident Rösti, Unternehmerin Martullo und, ach ja, Grenadier Amstutz. Alle hören sie dem Anführer Christoph zu. Geht es doch darum, die Schweiz zu retten.

Natürlich ist klar, was die SVP da tut. Es ist ein Spiel mit Klischees. So kommt auch Glarner vor, der gerade einen Stacheldrahtzaun anbringt. Was ja eigentlich gar kein Klischee ist, der liebe Andreas hätte ja wirklich gerne einen Zaun um die Schweiz. Was für eine Plattform für eine linke Kritik, für einen linken Wahlkampf!

Dummerweise lieferte die SP aber schon ab, bevor die SVP die erste Episode ihrer Serie raushaute. Seither wissen wir, dass die SP auch auf Action steht. In «Day of Decision» kämpfen SP-PolitikerInnen gegen fiese Grosskapitalisten, die sich «nicht einen Scheissdreck» für den Klimawandel interessieren. Aber auch die HeldInnen haben sich Dialoge aus irgendeinem schlechten Hollywoodreisser in den Mund legen lassen. So wünscht sich Fabian Molina eine Zukunft, «in der wir sein können, wer wir sind», wie er seiner Freundin beim Kuscheln im Bett verrät. Auch die NationalrätInnen Mattea Meyer und Beat Jans sondern Sätze ab wie «Was für ein perverses System!» oder «Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir clever sein». Und Actionheld Wermuth, der gerade einem Kapitalisten eins auf die Nase gehauen hat, weiss: «Nicht irgendwann, genau jetzt.» Auch bei der SP also: der Wille!

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