Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Der Machtmensch in der Siedlerkolonie

Der Staatschef von Simbabwe führte das Land in die Freiheit – er stand aber auch für Egomanie und Gewalt. Die schwachen politischen Institutionen vermochten ihn nicht im Zaum zu halten.

Von Markus Spörndli, Nairobi

Ein Held des antikolonialen Befreiungskampfs, der sich später als Staatschef jahrzehntelang an der Macht festklammerte und so Simbabwe in den Abgrund riss: So geht der übliche Nachruf auf Robert Mugabe, der am Freitag 95-jährig in Singapur verstarb. Diese Erzählung ist nicht ganz falsch. Aber sie beruht auf der gleichen Verkürzung, die schon Mugabe selbst gemacht hatte: Sie sieht ihn als allmächtigen Akteur, der quasi allein für das Schicksal seines Landes verantwortlich ist. Was dabei ausgeblendet wird, ist die Macht historisch gewachsener Strukturen – und bestehender oder verhinderter Institutionen.

Vom Freiheitskampf zu Massakern

Als Robert Mugabe 1980 zum ersten Ministerpräsidenten des soeben befreiten Simbabwe gewählt wurde, machte er noch vieles richtig. Er versuchte, das neue Land zu einen, und beteiligte Joshua Nkomo an der Regierung – seinen Hauptkonkurrenten, der sich wie Mugabe im Befreiungskampf verdient gemacht hatte und dafür ebenso jahrelang im Gefängnis sass. Unter dem Einfluss seiner ersten Ehefrau Sally baute Mugabe, der während seiner Gefangenschaft mehrere Universitätsabschlüsse erworben hatte, Strukturen im Bildungs- und Gesundheitswesen auf. Eine Investition, die rasch Früchte trug: Die Kindersterblichkeit nahm rapide ab, die Wirtschaft begann zu florieren.

Doch die verbreitete These, dass Mugabe erst nach langen Jahren an der Macht von dieser korrumpiert wurde, entbehrt jeglicher Grundlage. Immerhin beschuldigte er schon 1982 Nkomo, ihn verdrängen zu wollen – und wies die Armee zu Massakern im Heimatgebiet seines vorherigen Koalitionspartners an. Dabei kamen rund 20 000 Menschen ums Leben.

Die schwachen politischen Institutionen Simbabwes waren nicht in der Lage, einen Machtmenschen wie Mugabe im Zaum zu halten. Das ist auch kein Wunder. Fast alle heutigen afrikanischen Staaten erbten zwangsläufig die politischen Strukturen, die die Kolonialmächte zur Unterwerfung und Ausbeutung aufgebaut hatten. Doch in der Republik Simbabwe war die Hypothek von Anfang an noch höher: Sie war, wie die Republik Südafrika, zuvor eine SiedlerInnenkolonie gewesen. Die EinwanderInnen wurden darin nicht nur zu einer bedeutenden Minderheit, sie wandten sich selbst bereits gegen die britische Kolonialmacht und regierten in ihrem unabhängigen, aber undemokratischen Staat Rhodesien über die grosse afrikanische Mehrheit.

Helden der Vergangenheit

Zum Erbe, das Simbabwe von Rhodesien erhielt, gehörte nicht zuletzt die Landfrage. Die paar Prozent EuropäerInnen besassen einen Grossteil der Agrargebiete und der Wirtschaft. Nachdem Mugabe auf politischem Weg nicht weiterkam (und auch von der Bevölkerung immer stärker unter Druck geriet), griff er 2000 zu entschädigungslosen Enteignungen. Die von den EuropäerInnen dominierte Wirtschaft brach vollends zusammen, Mugabe geriet noch mehr unter Druck und drehte noch mehr an der Repressionsschraube.

Im strukturellen Chaos der Staatsgründung hätte Mugabe selbst Institutionen aufbauen müssen, die seine Macht beschränkt und Simbabwe eine demokratische Zukunft ermöglicht hätten. Stattdessen erklärte er sich selbst zum Staat, wie es früher absolutistische Herrscher in Europa getan hatten. Diese konnten sich noch auf göttliche Autorität berufen – Mugabes Autorität als Held des Befreiungskampfs verblich hingegen zusehends.

Indem es der Held der Vergangenheit verpasste, sich zum Helden der Zukunft zu machen, konnte Mugabe nur noch hoffen, seinen Tod im Amt – wenn auch ohne Würden – abwarten zu können. Fast hätte er es geschafft. Die Opposition und den politischen Willen der Bevölkerung konnte er mithilfe der Armee und der Parteikader jahrzehntelang unterdrücken. Einem parteiinternen Putsch im November 2017 war er aber hilflos ausgeliefert. Die ehemaligen Parteifreunde nutzten die Schwächen des Staates genauso aus wie zuvor Mugabe.

So agiert nun der aktuelle Präsident Emmerson Mnangagwa im gleichen institutionellen Chaos. Auch er ist im Befreiungskampf politisiert worden, auch er bleibt in dieser Vergangenheit verhaftet. Die Zukunft Simbabwes ist erst mal vorgezeichnet – und ziemlich trist.

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