Nr. 50/2021 vom 16.12.2021

Unter dem Vorplatz liegt das Meer

Migo und Buzz legen mit «Warte uf ds Meer» ein nachdenkliches, wie immer selbstironisches Album vor. Politrap, aber lustig: Schliesslich gehe es nicht um Verzicht, sondern um Verweigerung.

Von Alice Galizia (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Sich gegen einen finanziell einträglichen Weg entscheiden zu können, ist auch ein Privileg»: Migo und Buzz in Bern.

«Schau, das ist mein Lieblingshund», sagt Alex und zeigt auf einen Berner Sennenhund, den ein älterer Mann an der Leine führt. «Er heisst Beni. Ein Coronahund, macht immer noch, was er will.» Am Berner Eigerplatz zieht es kalt um die Häuser, Alex und Manuel sitzen vor der Pizzeria da Nino, trinken Kaffee. Als Migo und Buzz machen sie seit über zehn Jahren zusammen Musik, ganz in der Nähe liegt ihr Studio. Hier ist in den letzten drei Jahren ihr viertes Album «Warte uf ds Meer» entstanden.

Manuel rappt als Migo, Alex macht als Buzz die Beats, alles andere ist fifty-fifty aufgeteilt, das Administrative, die Videos, die Werbung und so weiter. Eine gut funktionierende Beziehung, ein Glücksfall, wie sie sagen. «Das gemeinsame Musikmachen ist eine ständige Konfliktbewältigung», sagt Alex und meint das durchwegs positiv. Migo ist auch Teil der Chaostruppe, eines losen Zusammenschlusses von Berner Rapper:innen, sowie der Fischermätteli Hood Gäng (FHG) – eher ein Spassprojekt unter Freunden. «Das mit Alex ist schon am wichtigsten», meint er. Buzz die feste Liebesbeziehung, FHG das Gspusi? «Ja», sagt Migo, lacht, «genau.»

Nicht so cool, aber real

Das erste Mixtape, «Partys im Blauliecht», erschien 2011. Ein Jahr vor dem ersten grossen «Tanz dich frei» war das: Eigentlich eine Demo für Freiraum, wurde es in den Schweizer Medien zur unpolitischen Strassenparty geschrieben – und war für viele junge Berner:innen trotzdem ein wichtiger politischer Moment. Das leichte Gefühl damals zwischen Ausgang und Aktivismus: Migo und Buzz haben mit «Partys im Blauliecht» genau diesen Ton getroffen – versierter, auch selbstironischer als andere aus der Politrap-Ecke. Die Beats von Buzz meist eingängiger, treffsicherer Boom bap, bis heute. Nicht so cool, aber real.

«Rap war in Bern immer politisch», sagt Migo und zählt Namen der Generation vor ihnen auf: Greis, Tommy Vercetti, Steff la Cheffe. Das habe auch damit zu tun, dass die Stadt recht eng sei, die Szenen nah beieinander, Hip-Hop, Graffiti, Politos – so beeinflusst man sich gegenseitig. «Wir haben fast alle unsere ersten Konzerte illegal gespielt, in besetzten Häusern, an Sauvages, auf Traktoranhängern an Demos.» Und die Generation nach ihnen? «Die sind auch politisch, vielleicht etwas weniger explizit», sagt Migo. Alex ergänzt: «Sie sind vor allem musikalisch besser, als wir es je waren.»

«Undergroundhelden», so haben sich Migo und Buzz auf ihrem zweiten Album, «Partys im Blauliecht II» (2014), genannt: stolz darauf, kein Label zu haben, keine Promo, und eben doch gehört zu werden, zumindest von den Kids auf dem Vorplatz der Reitschule. Ihre Gesichter zeigen sie mittlerweile – «wir spielen ja sowieso Konzerte» –, aber ihre Nachnamen mögen sie immer noch lieber nicht in der Zeitung lesen. In Bern sei eine Do-it-yourself-Mentalität verbreitet, sagt Alex, wohl stärker als in anderen Städten, wo es wichtiger sei, die Dinge vermarkten zu können. «Lieber etwas Gebasteltes machen, dafür mit Haltung.»

Das mag ein wenig prätentiös klingen, ist aber doch eine reflektierte Position. Migo sagt: «Sich gegen einen finanziell einträglichen Weg entscheiden zu können, ist auch ein Privileg.» Und wenn man die beiden da so sitzen sieht, wie sorgfältig sie über ihre Arbeit sprechen, die Worte abwägen, wie höflich sie einander ausreden lassen – nimmt man ihnen die Bescheidenheit ab.

Es geht um Verweigerung

Jetzt sind die Partys auf Pause gestellt. Migo und Buzz erzählen auf dem aktuellen Album eher die leiseren Geschichten; in «Lorraine» etwa, das von der Kindheit auf dem abschüssigen Fussballplatz handelt und von der Veränderung seither. In den letzten Jahren ist das Quartier wie kaum ein anderes in Bern zum Symbol unsozialer Stadtaufwertung geworden. Auf dem Vorplatz sind die Kids auf einmal sehr viel jünger, Freund:innen bekommen Kinder – und Migo hat keine Lust mehr auf Battlerap (obwohl er, 2015 an der Virus Bounce Cypher, leichtfüssig gezeigt hat, wie gut er es kann). «Und o ds Battle-Rap-Ding – du weisch wie guet i bi – / lat mi chaut, lug i schlaf uf dire Mueter ii», rappt er in «Wi viu Zit».

«Warte uf ds Meer» ist nachdenklicher als die «Partys im Blauliecht»-Serie (der dritte Teil kam 2018 und gondelte eine Weile durch die Schweizer Albumcharts). «Es ist eine melancholische Zeit», sagt Migo. Eine Zwischenzeit: Älterwerden, Corona, Klimakatastrophe, Fluchtthematik, «es brennt an allen Ecken und Enden, aber es fühlt sich an, als würden wir nur dahocken und warten. Das ist manchmal schwer auszuhalten.» Wie sich der Alltag unter diesen Vorzeichen einigermassen erträglich bewältigen lässt, das beschreibt Migo treffend in dichten, gut getakteten Reimen.

Manchmal gerät die Sache ein wenig zu sehr zum Appell. Keine Angst, als Moralapostel zu gelten? «Manche finden schon, dass wir Bünzlis sind», sagt Alex. Und Migo: «Aber es geht uns nicht um Verzicht, sondern um Verweigerung.» Trotzdem ein Glück, dass auch diesem Album der Humor nicht abhandengekommen ist. «Triff mi vercrackt imne Mac, mini Wärte verrate – es git kes richtigs Läbe im Kater», heisst es in «Mache». Am schönsten ist es immer da, wo der Zweifel aufblitzt.

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