Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

«Wir haben keine Zehntelsekunde unser Alltagsleben gefilmt»

Wie kriegen wir die bloss raus hier? Ruth Schweikert und Eric Bergkraut haben mit ihren Söhnen eine Low-Budget-Groteske über das neue Bürgertum gedreht.

Interview: Florian Keller

Was passiert da hinter der geschlossenen Zimmertür? Vater, Mutter und der jüngste Sohn in «Wir Eltern». Still: P.S. 72 Productions

WOZ: Ruth Schweikert, Eric Bergkraut, in Ihrem Film «Wir Eltern» heuert einer Ihrer erwachsenen Söhne einen Anwalt an, um zu verhindern, dass Sie ihn vor die Tür setzen. Frei erfunden?
Ruth Schweikert: Reine Fiktion. Aber der Satz «Ihr müsst für uns aufkommen», der ja im Film auch vorkommt, klingt schon recht vertraut im Ohr. Da schien es uns eine passende Zuspitzung. Zugleich ist das natürlich recherchiert, solche Fälle gibt es ja.

Und die Eltern, die ihren Kindern im Film fast schon pfannenfertig die Maturaarbeit vorbereiten: Beruht das auf wahren Begebenheiten?
Eric Bergkraut: Ich glaube, wenn man unter Eltern von Zürcher Gymnasiastinnen und Gymnasiasten eine Umfrage machen würde, ob sie ihren Kindern bei der Maturaarbeit geholfen haben, würden das weit über fünfzig Prozent bejahen. Das hat mit unserem Schulsystem zu tun, das offenbar ein Moloch von Kontrolle ist. Wie stark vertraut man seinen Kindern, dass sie in diesem System ihren eigenen Weg finden, wie stark glaubt man, sie auch coachen zu müssen? Das ist auch für mich eine komplexe Frage.

Schweikert: Im Film versuchen wir, anhand einer Situation etwas zu zeigen, was stattfindet. Bei einem befreundeten Paar mit einer etwas traditionelleren Rollenaufteilung sagt der Mann ganz klar: «Meine Frau hat unsere Söhne durchs Gymnasium gebracht.»

Bergkraut: Wir wollen hier nicht von uns ablenken, aber wie es sich im Film zuspitzt, ist es eindeutig Fiktion – mit Bausteinen aus dem Leben. Wir wollten einen Film machen, dem man nicht ansieht, dass es ein Drehbuch dahinter gibt, obwohl es dramaturgisch sehr pointiert geschrieben ist. Es sollte erscheinen wie Alltagssituationen, fast wie Anekdoten – wie wenn eine Kamera zufällig da gewesen wäre.

Es heisst ja oft, die Kinder von Achtundsechzigern hätten das Problem, dass sie nichts haben, wogegen sie rebellieren könnten. Ist das zu einfach?
Schweikert: In gewisser Weise rebellieren sie ja auch. Es ist eine andere Form der Abgrenzung. Die Weltwahrnehmung hat sich einfach extrem verändert. Heute sind junge Menschen ab dem ersten Schultag mit der ganzen Welt konfrontiert. Und sie empfinden sich oft als Teil eines Problems, nämlich der sogenannten Überbevölkerung. Als ich zwanzig war, dachte ich noch: Auf mich kommts an, ich kann etwas bewirken. Das hat sich komplett verändert. Wie positioniert sich ein junger Mensch in dieser Welt? Das ist eine Riesenfrage.

Bergkraut: Ich würde das nicht nur auf die Jungen abschieben. Die Verunsicherung führt ja auch bei vielen Erwachsenen zu reaktionären Konzepten und zu einer Demokratiemüdigkeit. Die Globalisierung, der rasende Wettbewerb und das latente Gefühl, etwas stimme ja doch nicht an diesem Wohlstand: Das betrifft nicht nur die Jungen. Unser Film ist ja auch eine Parabel über den Umgang mit Freiheit. Wo das auch eine Trägheit oder Bequemlichkeit ist und wo es existenzielle Fragen der Orientierung in der Welt sind: Diese Übergänge sind nicht immer ganz klar, weder im Leben noch im Film.

Schweikert: Das ist ja das Absurde: dass wir so frei sind wie noch nie und zugleich offenbar nicht so richtig damit zurande kommen. Ob das jetzt die Überwachung ist oder dass die Kinder in die Schule begleitet werden, bis sie in der Oberstufe sind: Diese Formen der Absicherung in unserer Gesellschaft sind ja immer auch ein Versuch, Grenzen zu setzen.

Bei den Zwillingen im Film habe ich diese Verunsicherung nicht gesehen, die kamen mir eher vor wie die Maden im Speck.
Schweikert: Maden im Speck? Das kann man schon so sehen. Aber die jungen Menschen werden ja nicht einfach blöd dargestellt. Wir erzählen die Geschichte konsequent aus der Perspektive der Eltern. Was sich im Kopf der Jungen abspielt, ist für die Eltern oft ein Rätsel und darf es auch für die Zuschauer sein. Wir hoffen natürlich, dass es ein Hin und Her ist – dass man sich durchaus mit diesen Figuren identifizieren kann, die etwas überbetreut und zugleich vernachlässigt sind.

Aber hatten Sie keine Bedenken, dass Sie Ihre eigenen Kinder blossstellen könnten?
Bergkraut: Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Deswegen ist es so wichtig zu sagen, dass das eine Fiktion ist. Wir haben keine Zehntelsekunde unser Alltagsleben gefilmt, das hat mit Reality-TV nichts zu tun. Natürlich gibt es künstlerische Formen, wo jemand radikal Tag und Nacht sein Familienleben filmt. Das kann sehr wertvoll sein, aber das würde ich nie mit mir selber oder mit meinen Nächsten tun. Wir haben geschafft, dass alle, auch die Jungs, zu ihren Figuren eine bestimmte Distanz einnehmen. Deswegen wird gelacht, deswegen ist es kein Missbrauch, sondern auch eine schauspielerische Performance. Unsere Söhne haben zugesagt, als sie sahen, dass es eigentlich die Eltern sind, die sich sehr oft blamieren. Ich hatte auch oft das Gefühl, ich spiele wie in einem Lehrfilm, wie Erziehung nicht sein soll.

Ein Stück weit karikieren Sie im Film auch Ihr eigenes linksbürgerliches Milieu.
Bergkraut: In gewisser Weise zeigen wir das neue Bürgertum. Das Ganze hat ja auch etwas Selbstironisches. Ich möchte jetzt nicht, dass uns die «Weltwoche» zu Kronzeugen gegen 50 : 50-Familienmodelle erklärt. Ich glaube, wir sind nicht so schlecht unterwegs mit diesem Modell. Aber wir sind keine Dogmatiker. Wir wissen, dass es auch Schwächen hat, und mit diesen spielen wir hier. Ich habe auch Silvia Blocher angefragt, als eine der Erziehungsexpertinnen im Film aufzutreten, weil sie sich auf ihrer Website oft geäussert hat, 68 sei des Teufels. Sie hat das Dossier gelesen und sagte dann, dass sie nicht mitmachen möge. Ich hätte sie gerne im Film gehabt. Ich glaube, es ist gefährlich, als Eltern einen Plan zu haben, wie die eigenen Kinder später die Welt lesen sollen. Das Tauglichste ist, was man selber tut. Elternschaft ist kein Feld für Besserwisserei.

Kinder seien heute ein «Ego-Projekt», war jüngst in der NZZ zu lesen. Auch wenn die Autorin damit nur die politische Idee einer Elternzeit diskreditieren wollte: Ganz falsch liegt sie nicht, oder?
Schweikert: Ein Kind als Egoprojekt, das kann längerfristig gar nicht funktionieren, weil eben ein neues Lebewesen seinen Weg geht. Es kommt uns bloss egoistischer vor, weil wir es als berechenbarer erfahren, seit wir mitentscheiden können, ob wir Kinder haben wollen oder nicht. Wenn ich mich heute trotz Klimawandel entscheide, noch ein Kind zu haben, stehe ich plötzlich ganz anders in der Verantwortung. Wobei, wir wollen ja nicht den Bestand der Erde retten, sondern den Bestand der Menschheit. Und dafür braucht es dann doch die Natalität. Da möchte ich manchmal lieber hinten etwas abschneiden: Die ewige Verlängerung des Lebens trägt ja auch zur Problematik bei.

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