Micha Lewinsky : «Dieser Hype ist ja schon etwas Schönes, aber ...»

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Der neue Film «Der Freund» des Drehbuchautors und Regisseurs ist in vier Sparten für den Schweizer Filmpreis nominiert. Micha Lewinsky über Parallelen zwischen seinem Film und seinem Leben, Filmpolitik und das Verhältnis zu seinem Vater.

WOZ: Ihr Spielfilm «Der Freund» erzählt neben einer Liebes- auch eine Familiengeschichte. Auch in Ihren früheren Drehbüchern wie «Sternenberg» oder «Little Girl Blue» spielt die Familie eine wichtige Rolle. Was interessiert Sie am Phänomen Familie?

Micha Lewinsky: In meinen Geschichten geht es in erster Linie um die Menschen, und die Familie ist ein Ort, wo man den Menschen sehr nahe kommt und deren innere Konflikte gut sichtbar werden. Ich habe mich nie bewusst für das Schreiben von Familiengeschichten entschieden; es hat mich einfach nie gereizt, eine Geschichte zu schreiben, in der dauernd Dinge explodieren und Leute einander hinterherrennen.

Wie viel hat «Der Freund» mit Ihrem eigenen Leben zu tun?

An einigen Punkten vieles, als Ganzes eigentlich nichts. Aus verschiedenen Schnipseln und Mosaiksteinen aus meinem Leben ist eine völlig neue Geschichte entstanden. Ich habe vor Jahren mit meiner Band Fingerpoke im Zürcher Musikclub Helsinki gespielt und bin als Teenager oft in irgendwelche Sängerinnen verknallt gewesen. Aber ich selber war nie in der Situation, wie sie der Protagonist Emil erlebt.

Was war denn der Auslöser zum Drehbuch?

An meinem ersten Schultag im Gymnasium wurden die Namen der anwesenden Schülerinnen und Schüler verlesen. Auf einen Frauennamen meldete sich niemand. In der nächsten Stunde sagte der Lehrer, die Frau sei gestorben. Das ist mir eingefahren. Ich überlegte mir, wer sie wohl gewesen war und wie es gewesen wäre, wenn ich sie kennengelernt hätte. Bis heute habe ich keine Ahnung, wer sie gewesen und warum sie gestorben ist.

Jahre später kam mir dieser Gefühlszustand wieder in den Sinn. Das war der Auslöser. Aber das, was man in der Geschichte sieht, ist etwas völlig anderes. Wenn man mehrere Jahre an einem Drehbuch schreibt, verändert sich vieles.

Wie wichtig ist es Ihnen, über etwas zu schreiben, das Ihnen nah ist?

Ich habe gar keine andere Wahl. Die Figuren müssen mir vertraut sein. Ich muss sie vor mir sehen und ihr Umfeld spüren, sie müssen zu sprechen beginnen und die Handlung übernehmen. Solange ich meine Figuren zu etwas zwingen muss, klappt es nicht. Natürlich könnte ich auch über den amerikanischen Präsidenten schreiben, aber das würde sehr oberflächlich werden - ich kenn den ja nicht, weiss nicht, wie es sich so lebt als amerikanischer Präsident.

Das Leben als junger Mann in Zürich jedoch ist mir vertraut. Und wenn dieser junge Mann im «Helsinki» sitzt, eine Sängerin anschaut und schmachtet und sie nicht anzusprechen wagt, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Geschichte so stimmt - weil ich das Umfeld kenne.

Nach mehreren Drehbüchern, der Regie eines Kurzfilms und nun der ersten Regie eines Langspielfilms werden Sie bereits als Hoffnungsträger des Schweizer Films gehandelt?

Na ja, erst einmal schauen. Dieser Hype ist ja schon etwas Schönes, und ich freue mich, wenn mein Film vielen Leuten gefällt. Aber man kann nicht sagen: «Die Herbstzeitlosen» war gut, «Tell» ist abgesackt, jetzt muss «Der Freund» die Quote aufbessern. Das ist sinnlos. Im Moment haben alle Angst, weil Nicolas Bideau, der Filmchef des Bundesamtes für Kultur, zu sagen wagte, er wolle mit dem Schweizer Film auch die Zuschauerzahlen erhöhen. Das finde ich grundsätzlich gar nicht schlecht. Jetzt aber wird alles daran gemessen, und das geht auch nicht.

Inwieweit lässt man sich bereits beim Drehbuchschreiben vom Ziel beeinflussen, hohe Zuschauerzahlen zu erreichen? Und vom Wunsch, der Filmkommission zu gefallen und Subventionen zu erhalten?

Das passiert mir nicht. Ich weiss ja gar nicht, was den Leuten dort gefällt. Auch kann man nicht einfach so Kommerz produzieren, weil man nie im Voraus wissen kann, was beim Publikum ankommt. Es gibt viel Theorie darüber, wie es sein müsste, und es gibt viele Leute, deren Beruf es ist, darüber nachzudenken, wie es sein müsste. Aber im Einzelfall ist jeder Film anders. Wenn ein Drehbuch in sich stimmt, dann glaub ich, dass das auch alle merken, die das lesen.

Bei diesen Theoretikern konzentriert sich auch viel Macht?

Das finde ich auch richtig. Allerdings fände ich es folgerichtig, wenn diese Leute auch zur Verantwortung gezogen würden. Nicht nur, was die Zuschauerzahlen der einzelnen Filme, sondern auch die Förderung und die allgemeine Unterstützung des Schweizer Films betrifft.

2006 war ein guter Jahrgang für den Schweizer Film, 2007 gab es ein paar weniger starke Filme. Dieses Risiko lässt sich nicht vermeiden, weil man hier in der Schweiz so wenig Geld zur Verfügung hat. Die Schweiz ist nun mal ein kleines Land, mit wenig Filmemachern und wenig Projekten.

Von wem wurde «Der Freund» finanziell unterstützt?

Vom Bundesamt für Kultur und der Zürcher Filmstiftung, nicht aber vom Schweizer Fernsehen. Die Geldbeschaffung ist ein mühsamer Teil des Filmemachens. Es entstehen unangenehme Konkurrenzsituationen: Wer bekommt den Rest, der vom Budget übrig bleibt? Ich oder meine Kollegin? Das ist nichts Schönes. Wenn aber ein Drehbuch einmal sitzt, dann ist die gesamte Filmpolitik vergessen.

In den Geschichten der aktuellen Schweizer Spielfilme scheint Politik keine grosse Rolle zu spielen. Interessieren sich junge Filmschaffende in der Schweiz nicht für Politik?

Ich glaube, man sollte diese Frage nicht nur in Bezug auf die Filmemacher stellen. Man sieht diese Tendenz auch im Theater und in der Literatur. Ich persönlich bedaure das, aber anscheinend ist das, was die jungen Leute momentan in der Schweiz bewegt, nicht sehr politisch.

Sie haben nie eine Regieausbildung genossen. Wie haben Sie sich das Handwerk beigebracht?

Ich habe einige Kurse besucht. Vor ein paar Jahren habe ich mich in Hamburg an einer Filmschule für die Drehbuchklasse beworben, erhielt jedoch eine Absage. Deshalb habe ich einfach so mit Schreiben begonnen. Vier Jahre später habe ich mich an derselben Schule für die Regieklasse beworben. Es wurde mir gesagt, ich sei ein guter Drehbuchautor, aber als Regisseur unbrauchbar. Und so habe ich auch mit der Regiearbeit einfach so begonnen.

Wie stark hat Ihnen Ihr bekannter Nachname geholfen, ohne Ausbildung innerhalb der Schweizer Filmszene so weit zu kommen?

Mich erstaunt, dass ich immer wieder darauf angesprochen werde. Was mich vor allem verwundert, ist, dass mein Vater, Charles Lewinsky, offenbar wirklich prominent ist. Normalerweise stehen Drehbuchautoren ja eher im Hintergrund. Es ist aber nicht so, dass ich über ihn Kontakte geknüpft hätte. Was ich nicht weiss, ist, ob mein Name bei Entscheidungen in Kommissionssitzungen geholfen hat.

Inwiefern hat Ihr Vater Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich wollte nie in die Fussstapfen meines Vaters treten. Als ich Drehbücher zu schreiben begann, hat er Sitcoms und Literatur geschrieben. Das sind Dinge, die ich nicht mache und wohl auch nie machen werde, weil ich das gar nicht kann. Die Arbeit im Filmbereich, das war gefühlsmässig schon immer mein Ding.

Haben Sie ein neues Projekt?

Ich bin momentan mit verschiedenen Projekten beschäftigt. Was mir schon lange im Kopf herumgeistert, ist eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die versuchen, gute Taten zu vollbringen und daran scheitern. Das, finde ich, hat durchaus etwas Politisches.



«Der Freund»: ab 17. Januar 2008 in Deutschschweizer Kinos.