Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Zahnärzte dort, Schnupperstifte hier

Die syrischen Zahnärzte Yaser Rafei und Safwan Al Hassoun haben grosse Berufserfahrung. In der Schweiz haben sie aber kaum Chancen, je wieder im Beruf arbeiten zu können.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Manu Friedrich (Foto)

«Viele Stolpersteine»: Safwan Al Hassoun (links) und Yaser Rafei können nur hoffen, dass für sie irgendwann ein Studienplatz frei wird.

Safwan Al Hassoun hat einst gut verdient. Nun sitzt er in der Zigarrenlobby des Hotels Schweizerhof in Bern und freut sich an der Auswahl im Humidor. Doch die E-Zigarette, die er raucht, hat er selbst mitgebracht. Sein Kollege Yaser Rafei trinkt Wasser.

«Yaser hat eine ähnliche Geschichte», sagt Al Hassoun, der Gesprächigere der beiden. Beide leben schon fünf Jahre in der Schweiz; sie sind Mitte vierzig, Väter und verfügen über weit mehr als ein Dutzend Jahre Arbeitserfahrung als Zahnarzt – in Syrien.

Kennengelernt haben sie sich in der Schweiz, in einem Deutschkurs. Nun drohen sie an den bürokratischen Hürden zu scheitern, wenn sie ihren Beruf hier wieder aufnehmen wollen. Al Hassoun arbeitete in Syrien als Kieferorthopäde. «Ich habe in einem Kriegslazarett in Homs Opfer von Assads Armee gepflegt und komplizierte Operationen unter miesen Umständen durchgeführt.» Seine Frau konnte sich in der Schweiz ihren Abschluss als Agraringenieurin anerkennen lassen. Bei Medizinalberufen ist das schwieriger.

Ganz unten auf der Liste

«Wer ein Diplom der Human-, Zahn-, Veterinärmedizin und Pharmazie von ausserhalb der EU/Efta besitzt, kann dieses grundsätzlich nicht in der Schweiz anerkennen lassen», steht auf der Website des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Die syrischen Zahnärzte müssen sich trotzdem ins Medizinalberuferegister eintragen lassen. Dann können sie sich darum bemühen, ein eidgenössisches Diplom zu erwerben – also nochmals zu studieren.

Yaser Rafei hat seine Unterlagen an die Universitäten Basel und Zürich geschickt. Beide Unis haben ihn im Sommer 2018 für den Einstieg ins dritte Bachelorstudienjahr eingestuft. Er wäre bereit, nochmals mindestens drei Jahre zu studieren. Doch der zweite Punkt in den Antworten der Unis, die der WOZ vorliegen, hat ihm das bisher verunmöglicht: Im dritten Bachelorjahr gibt es keine Studienplätze. Er könne es im Frühjahrssemester wieder probieren, hat die Uni Zürich geschrieben.

Die Uni Basel verwies auf die Richtlinie zur Medizinstudienplatzvergabe während des Studiums. Demnach haben Geflüchtete, die bereits ein Medizin- oder Zahnmedizinstudium abgeschlossen haben, Priorität neun von elf. Das heisst: Erst wenn sich kaum sonst jemand um einen Studienplatz bewirbt, haben Rafei und Al Hassoun überhaupt eine Chance. Laut dem Leiter des Studiensekretariats der Uni Basel ist in den Jahren 2014, 2015 und 2018 kein einziger Platz frei gewesen. In den letzten fünf Jahren hat keine einzige geflüchtete Person einen solchen Studienplatz erlangt. Bei der Uni Zürich seien es mal null, in anderen Jahren ein bis fünf freie Plätze im dritten Bachelorjahr gewesen, schreibt ein Sprecher der Uni. Rafei könnte sich also jedes Semester neu bewerben – und immer von neuem hoffen. Ein Glücksspiel.

Der Arzt als Praxisassistent

Stattdessen hat sich Rafei mehr als zwanzigmal für eine Stelle als Praxisassistent beworben. Bisher erfolglos. Bei Al Hassoun kam eine weitere Hürde dazu: Für den Eintrag ins Medizinalberuferegister hatten Dokumente gefehlt, die ein Verwandter in Syrien erst organisieren, übersetzen lassen und in die Schweiz schicken musste. Dafür hat Al Hassoun in der Schweiz in fünf Zahnarztpraxen geschnuppert – und 2018 ein halbes Jahr bei einem Kieferchirurgen hospitiert, der ihm zum Dank eine Weiterbildung schenkte. In den Rückmeldungen zu den Praktika stehen Dinge wie «gute Zusammenarbeit» und «interessanter Fachaustausch unter Kollegen». Nur die Rückmeldung zum Praktikum bei einem Behindertentaxi war nicht so positiv. Al Hassoun will in der Zahnmedizin bleiben.

Es gehe ihm nicht um die Höhe des Lohns oder das Ansehen. ZahnärztInnen verdienen in der Schweiz sehr gut, das weiss Al Hassoun – und ergänzt sofort, dass er auch in Syrien einst privilegiert gelebt hat: «Mit 29 hatte ich zwei Autos, eine eigene Wohnung und eine eigene Praxis.» Rafei und ihm gehe es aber vielmehr darum, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem sie ihre Erfahrung einbringen könnten. «Ich habe nichts gegen Köche, aber was soll ich mich als Koch bewerben? Ich bin ein ganz schlechter Koch», sagt Al Hassoun.

Vor etwa zehn Jahren hat er als Kieferorthopäde in leitender Funktion in Saudi-Arabien gearbeitet. Dort zu leben, kann er sich nicht vorstellen. Doch da er in Saudi-Arabien noch immer eine Zulassung hat, habe er das Thema mit seiner Sozialarbeiterin angesprochen. Ein Geflüchteter, der zwischen der Arabischen Halbinsel und der Schweiz pendelt? Die Sozialarbeiterin hielt das anscheinend nicht für abwegig. Darum ist Al Hassoun letzten Winter nach Saudi-Arabien geflogen. Vier Wochen war er dort. Er hätte eine Stelle bekommen. Aber erst als er wieder in der Schweiz gewesen sei, habe er erfahren, dass er mit dem Unterzeichnen eines Arbeitsvertrags im Ausland sein Aufenthaltsrecht in der Schweiz verloren hätte. Rafei versuchte, eine Zulassung in Deutschland zu erlangen und dann in der Schweiz anerkennen zu lassen. Dafür hätte er eine Kenntnisprüfung und ein Praktikum absolvieren müssen.

Al Hassoun und Rafei kennen Landsleute, die nach ihnen nach Europa gekommen sind und längst wieder als ZahnärztInnen praktizieren: in Deutschland, Frankreich oder Luxemburg. In der Schweiz jedoch kann man Zulassungen aus EU-Ländern nur anerkennen lassen, wenn sie von EU-BürgerInnen, EhepartnerInnen von SchweizerInnen oder von EU-BürgerInnen stammen. So absurd es klingt: Würden die beiden syrischen Zahnärzte eine Schweizerin heiraten, könnten sie mit einer deutschen Zulassung in der Schweiz als Zahnärzte arbeiten. Das fusse auf dem Freizügigkeitsabkommen und einer EU-Richtlinie über die Diplomanerkennung, teilt ein Sprecher des BAG mit.

«Wenn ich das gewusst hätte …»

Monica Ehrenzeller, Leiterin des Berufseinstiegskurses Co-opera beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk in Bern, sagt, in diesem Fall sei das Programm an seine Grenzen gestossen: «Die syrischen Zahnärzte sind für uns bisher die schwierigste Konstellation.» Es gebe natürlich auch Berufe – wie Hebamme, Lehrer oder Sozialarbeiterin –, bei denen die Gleichwertigkeitsanerkennung möglich sei, aber die Chancen auf eine Stelle trotzdem gering blieben.

«Wenn ich all das von vornhinein gewusst hätte, wäre ich nicht in die Schweiz gekommen», sagt Al Hassoun. «Hier unterschätzen sie unsere Erfahrung und geben uns keine Möglichkeit, diese zu beweisen.» – «Ich will unabhängig werden. Dabei begegne ich vielen Stolpersteinen», ergänzt Rafei.

Dass diese Stolpersteine bewältigt werden können, hat mindestens ein geflüchteter Zahnarzt bereits bewiesen. Vergangenes Jahr habe ein Flüchtling das Masterstudium der Zahnmedizin abgeschlossen, teilt die Uni Zürich auf Anfrage mit. Aus Datenschutzgründen konnte sie keine weiteren Angaben machen, aber die WOZ hat den Zahnarzt ausfindig gemacht. Er ist aus Syrien und erhielt gleich bei der ersten Bewerbung einen Studienplatz. Er hatte Glück.

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