Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Die Elefanten bewegen sich nicht

Die Jugend erntet bei den Konferenzen zum Klima und zur Nachhaltigkeit in New York Achselzucken. In den Köpfen von Trump & Co. ist das Thema noch immer nicht angekommen.

Von Roman Elsener, New York

Sorry, Greta! Dein mutiger Weckruf an der Uno droht schnell zu verhallen. Zwar haben die bunten Tafeln zu den siebzehn Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG), die bis 2030 erreicht werden sollen, Farbe vor die Betonwände der Vollversammlungshalle gebracht. Auch die Wut der Jugend war zumindest zu Beginn der 74. Uno-Generalversammlung und an den Demonstrationen in New York zu spüren. Doch das Resultat der Treffen ist dürftig.

Dabei zeigte die Bestandesaufnahme an den Gipfeln zu Klima und Entwicklung, wie gross der Handlungsbedarf ist: Fortschritte gibt es wenige, in manchen Bereichen sind gar Rückschritte zu verzeichnen. So nimmt die Zahl der Hungernden weltweit seit drei Jahren wieder zu. Über die Hälfte der Kinder im Schulalter können nicht richtig lesen oder schreiben. Nur 28 Prozent der Menschen mit schweren Behinderungen werden finanziell von ihrem Staat unterstützt. Frauen in allen Teilen der Welt sehen sich nach wie vor mit strukturellen Nachteilen und Diskriminierung konfrontiert. Um die Entwicklungsziele erreichen zu können, muss eine jährliche Finanzierungslücke von 2,5 Billionen US-Dollar für ihre Umsetzung geschlossen werden.

«Ein Jahrzehnt des Handelns»?

Generalsekretär António Guterres zeigte sich mit dem Nachhaltigkeitsgipfel dennoch zufrieden und kündigte eine «jährliche Plattform» an, um «ein Jahrzehnt des Handelns» einzuläuten. Auch will er noch diesen Monat eine Allianz von Global Investors for Sustainable Development (GISD) gründen, deren Mitglieder zusammen fast 16 Billionen US-Dollar verwalten.

Bis jetzt haben 65 Länder – darunter die Schweiz – angekündigt, bis 2050 Klimaneutralität erreichen zu wollen. Auch haben sich ein paar Dutzend Konzerne dazu verpflichtet, sich an die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu halten.

Zwar betonten im Reigen der Reden der Staatsleute viele den Handlungsbedarf. Oft sahen die SprecherInnen das Heil in der Digitalisierung. So soll durch Digitaltechnik in Energienetzen, in der Landwirtschaft, im Gewerbe und Transport bis 2030 der Ausstoss von etwa 1,34 Gigatonnen Kohlendioxidäquivalent (CO2-Äq.) verringert werden können – rund vier Prozent der globalen CO2-Äq.-Emissionen.

Auch die Schweiz setzt auf die Digitalisierung. Sie stellte eine digitale Initiative vor, die es Anlegern ermöglicht, auf freiwilliger und anonymer Basis die Klimabilanz ihrer finanziellen Investments zu messen. Doch für viele Schwellen- und Entwicklungsländer sind solche Ansätze noch zu abstrakt – für sie muss in dringende Hilfe vor Ort investiert werden.

Bei allem guten Willen, den AktivistInnen in New York an den Tag legen – erreicht werden im Uno-Rahmen immer nur kleine Schritte, solange sich die Elefanten im Raum nicht bewegen: China hat keine stärkeren Klimaschutzmassnahmen in Aussicht gestellt. Die USA haben sich vom Pariser Abkommen zurückgezogen. Russland hat zwar angekündigt, den Vertrag zu ratifizieren, aber keine Strategie vorgestellt, wie seine Öl- und Gasindustrie reguliert werden soll.

Mediale Aufmerksamkeitsdefizite

Die Uno hat ein weiteres Problem: Sie interessiert die Nachrichtenredaktionen der Welt nur dann, wenn die Politelite in New York auftritt, und darunter wächst in diesen neonationalistischen Zeiten die Zahl derer, die von Multilateralismus nicht viel halten. Bilaterale Treffen rücken in den Vordergrund. Die alten «heiligen Hallen», früher voller rauchender und trinkender DiplomatInnen, sind heute leer.

Viele Uno-Bemühungen haben an Fahrt verloren, weil die USA den Karren nicht mehr mitziehen. Trumps unterbesetztes Aussendepartement hat nicht die Kapazitäten, allen Uno-Themen zu folgen, so wie das die USA früher auch zum Beispiel noch unter George W. Bush taten. Nimmt man die konservative US-Berichterstattung als Massstab, gibt es ein Problem mit dem Klima nur dann, wenn wieder einmal ein Hurrikan Verwüstung von Florida bis Virginia bringt. Über die Zusammenhänge wird nicht berichtet. Die US-AmerikanerInnen, die mit roten «Make America Great Again»-Kappen in ihren SUVs zum nahen Supermarkt fahren, erreicht Greta Thunberg nicht.

«Sie wirkt wie ein glückliches junges Mädchen, das sich auf eine (…) wunderbare Zukunft freut», twitterte Trump nach dem Auftritt der sechzehnjährigen Schwedin sarkastisch. Auch den Bundespräsidenten Ueli Maurer beeindruckte die junge Aktivistin wenig: «Es ist das Recht der Jugend zu demonstrieren. Die Politik braucht diesen Hype nicht.»

Und ob!

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch