Nr. 42/2019 vom 17.10.2019

Eine Bombe, eine Wucht

Vor einem Jahr war Aljona Sawranenko noch Kindergärtnerin in der ukrainischen Provinz. Inzwischen ist die 28-Jährige die Musiksensation des Landes. Ein Treffen.

Von Simone Brunner, Kiew

«Aus­serdem wollte ich beweisen, dass auch Mädchen verdammt gut rappen können.» Foto: Alexander Dobrev

Eigentlich war es ein ganz normaler Mittwochmorgen im Oktober 2018. Doch bevor Aljona Sawranenko ihre Tasche packte und zur Arbeit eilte, lud sie noch ihr neues Musikvideo ins Netz hoch. Tagsüber, beim Dienst im Kindergarten, war der Handyempfang ohnehin so schlecht, dass es sich gar nicht lohnte, die Benachrichtigungen zu checken. Am Feierabend staunte sie dann nicht schlecht, wie die Zahlen auf Youtube immer weiter nach oben schnellten: 70 000, 100 000, 130 000 Klicks. «Und am nächsten Tag stand dann ein Fernsehteam vor dem Kindergarten», erinnert sie sich heute. «Das war für mich erst mal ein Schock.»

Aufgestiegen und angefeindet

Sie ist die ukrainische Musiksensation des Jahres: Vor zwölf Monaten arbeitete Aljona Sawranenko noch als Kindergärtnerin in einem 500-Seelen-Dorf, eine gute Autostunde von Kiew entfernt, heute spielt sie als Alyona Alyona in der Ukraine vor ausverkauften Hallen. Etwa im Grünen Theater, einem Freiluftveranstaltungsort nur eine Metrostation von Kiews Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, entfernt. Ihre dunklen Haare zu einem Haarknoten gebunden, im bodenlangen, schwarzen Boxermantel mit grellgelben Aufschlägen, schleudert sie die Lyrics in den schwülen Kiewer Abendhimmel: «Ich bin eine puschka, pyschka, puschka!» Eine Bombe. Eine Wucht. Ein Gustostück. Hinter ihr wummert der Beat aus den Boxen, vor ihr wogt die Menge im Takt auf und ab. Die «New York Times» zählte Alyona Alyona zuletzt zu den «fünfzehn europäischen Pop-Acts, die Sie kennen sollten».

An einem Sommermorgen sitzt die 28-Jährige im Gastgarten eines Kiewer Innenstadtlokals, mit pinker Bauchtasche und knallblauen Fingernägeln, und zieht Limonade aus einem Strohhalm. Es ist neun Uhr morgens, ihr Terminkalender ist voll. Proben, Interviews, Termine. Sie lacht gerne und viel und bietet sofort das Du an. Immer wieder halten PassantInnen an, um nach einem Selfie zu fragen. «Dawai» (na klar), sagt Sawranenko jedes Mal.

Mit dem Musikvideo «Rybky» (zu Deutsch: Fischchen), das sich vor knapp einem Jahr viral verbreitete, traf Alyona Alyona den Nerv der Zeit. Da sieht man die Plus-Size-Rapperin im Badeanzug, wie sie auf dem Jetski über das Wasser flitzt, auf gängige Schönheitsideale pfeift und von den «Fischchen unter dem Schutzglas» rappt – eine Anspielung auf junge Frauen, die nicht in das strenge Korsett der ukrainischen Gesellschaft passen wollen. Bald hängte Sawranenko, studierte Psychologin und Pädagogin, ihren Job an den Nagel, um sich nur noch der Musik zu widmen. «Erzieherin und Rapperin – das passte irgendwie nicht mehr zusammen», sagt sie. Zu Jahresbeginn nahm sie ihr Album «Puschka» auf, ihre Musikvideos werden mittlerweile millionenfach geklickt.

Kiew hat sich mit seiner Musik- und Technoszene schon den Ruf eines «zweiten Berlins» erworben. Aber Hip-Hop ist hier vor allem eines: männlich geprägt. Gerade im Netz, das ihren kometenhaften Aufstieg erst ermöglichte, wurde Sawranenko stark angefeindet. «Eine Frau sollte besser Borschtsch kochen, statt zu rappen» war noch einer der freundlicheren Kommentare, «Spring wieder zurück ins Wasser, von wo du hergekommen bist, du Nilpferd» ein anderer. Darauf angesprochen, lacht sie nur. «Ich denke, dass es den Leuten ja gerade gefällt, dass ich mich nicht dafür schäme, so zu sein, wie ich bin», sagt sie. Und schiebt nach: «Ausserdem wollte ich beweisen, dass auch Mädchen verdammt gut rappen können.»

Die Provinz verlassen

Den Hip-Hop hat Sawranenko schon als Kind für sich entdeckt, zuerst mit Coolio, dann mit Eminem. Ihre Texte heute haben aber so gar nichts mit den düsteren Visionen der US-Vorstädte zu tun. Bei ihr geht es um Toleranz, Reizüberflutung in den sozialen Medien oder die Sehnsucht nach der Heimat. Wie ihr Hit «Salyschaju swij dim» (Ich verlasse mein Zuhause) über das Verlassen der Provinz. Als sie den Song bei ihrem Konzert in Kiew anstimmt, singen Tausende Fans aus voller Kehle mit. Sie selber wirkt bodenständig, fast bieder. Die grosse Attitüde um Sex, Drogen und Geld kommt nur noch als ironisches Zitat vor. «Wenn die Leute Erfolg haben, vergessen sie schnell, woher sie kommen», sagt sie. «Heute fühlen sie sich wie Gott, aber gestern haben sie noch die Kühe gemolken.»

Heimat – das ist in der Ukraine sowieso so eine Sache. Besonders nach den Maidan-Protesten vor mehr als fünf Jahren. Damals schmierte Sawranenko im Kindergarten Brote zur Versorgung der Protestierenden im siebzig Kilometer entfernten Kiew. Sawranenko wurde 1991, dem Jahr der ukrainischen Unabhängigkeit, geboren. Dass sie als erste Frau auf Ukrainisch rappt – der Rap ist eigentlich noch immer eine klare Domäne des Russischen –, trifft den Nerv der Maidan-Generation, die sich vom postsowjetischen Erbe lösen will. «Heute wissen die Ukrainer ihr Land und ihre Sprache mehr zu schätzen», sagt sie. Im Sommer tourte sie zum Sziget-Festival in Budapest und nach Deutschland, Österreich, Frankreich und Island. In Russland spielt sie keine Konzerte. Seitdem Russland einen verdeckten Krieg gegen die Ukraine führt, machen ukrainische Kulturschaffende einen Bogen um Russland. Keine nationalistische Geste, sondern ukrainisches Empowerment, betont Sawranenko: «Die Leute in Europa sollen einfach wissen, dass auch wir in der Ukraine coolen Rap haben.»

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