Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

Die Luft riecht nach Sprengstoff

Der Krieg ist im Herzen der ukrainischen Hauptstadt angekommen. Keller, Tiefgaragen und Metrostationen sind zur Parallelwelt geworden. Und die einst beschaulichen Kiewer Vororte haben sich in ein Schlachtfeld verwandelt.

Von Annalisa Camilli, Kiew (Text und Foto)

Eine russische Rakete zerstörte ihr Zuhause: Eine Frau wartet am 14. März in Kiew darauf, dass ihre Tochter sie abholt.

«So stinkt Krieg», sagt Pawlo, der Fahrer, der mich in das Viertel Obolon am nördlichen Stadtrand Kiews bringt, wo am 14. März um fünf Uhr morgens eine Rakete in ein neunstöckiges Haus eingeschlagen hat. Ein Mensch wurde dabei getötet. Der Krieg ist mit seinen unwiderlegbaren Zeichen im Herzen der ukrainischen Hauptstadt angekommen: Explosionen, Sirenen, schwankende Häuser, zerberstende Fenster, Tote.

Fünf Stunden nach der ersten Detonation traf eine weitere Rakete sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt eine Strassenbahn. In der Luft liegt der beissende Geruch von Sprengstoff, vermischt mit einem feinen, grauen, kohleähnlichen Pulver. «Der Gestank dieses Krieges ist unverkennbar!», kommentiert Pawlo, während er ins Auto steigt.

36 Stunden Ausgangssperre

Als wir vor dem zerstörten Gebäude ankommen, haben Feuerwehrleute den Brand bereits gelöscht und die Anwohner:innen in Sicherheit gebracht. Etliche Menschen kehren nun zum Haus zurück, um noch ein paar Dinge mitzunehmen, bevor sie es für immer verlassen. «Es war das schönste Gebäude in der ganzen Gegend, mit blühenden Grünanlagen», sagt die Anwohnerin Ania Methelyzia. Jetzt stehen wir vor einem kahlen, von Flammen zerstörten Betonskelett. Ein Mensch liegt am Boden, mit einer Plastikfolie zugedeckt.

«Ich hasse sie!», schreit Methelyzia ins Telefon. Dann dreht sie das Handy so, dass ihre Mutter das zerstörte Gebäude sehen kann. Sie weint ohne Tränen. Seit sie auf der Welt sei, habe sie in diesem Haus gewohnt. Zuletzt lebte sie dort mit ihrem achtjährigen Sohn Timur und dem Kater Wasilio. Um fünf Uhr morgens schrie das Kind, und auch der Kater schrie, als unter lautem Getöse das Haus durch den Einschlag der Rakete erschüttert wurde. «Die Fenster flogen auf, dann zersprang das Glas.»

In der Ferne ist Mörserfeuer zu hören, nur wenige Kilometer entfernt kämpfen in Irpin und Butscha russische gegen ukrainische Soldaten. Der Vormarsch am Boden kommt offenbar nur langsam voran, gekämpft wird sowohl in den westlichen wie auch in den östlichen Bezirken der Stadt. Am Montag vor einer Woche, dem 14. März, begann derweil die vor allem aus der Luft geführte Offensive auf die ukrainische Hauptstadt.

In den vier Wochen seit Kriegsbeginn sind bereits über die Hälfte der 3,4 Millionen Einwohner:innen Kiews geflohen. Diejenigen, die geblieben sind, haben sich in den Untergrund zurückgezogen und schlafen in Luftschutzbunkern. Am Dienstag vor einer Woche verhängte Bürgermeister Vitali Klitschko eine 36-stündige Ausgangssperre. «Ich bitte Sie, zwei Tage lang in Ihren Häusern zu bleiben», hatte sich der Bürgermeister an die Bevölkerung gewandt, «dies ist eine schwierige und gefährliche Zeit!» Haus für Haus durchkämmte der ukrainische Geheimdienst während der zweitägigen Ausgangssperre die Stadt, auf der Suche nach russischen Infiltranten und Saboteurinnen, und kontrollierte sämtliche Pässe und Dokumente von Ausländer:innen.

Während des Besuchs der Premierminister Polens, Tschechiens und Sloweniens vergangene Woche kam es zu weniger Luftangriffen. Viele befürchten jedoch, dass sich die russische Armee bereit macht, um einen massiven Bodenangriff auf Kiew zu starten. Vor Beginn der Ausgangssperre deckten sich die Einwohner:innen mit Lebensmitteln ein – aber die Regale in den Supermärkten sind bereits halb leer. Im Fall einer Belagerung könne Kiew vierzehn Tage lang standhalten, sagte der Bürgermeister.

Die Parallelwelt in der Metro

Die Keller, Tiefgaragen und U-Bahn-Stationen sind zu einer Parallelstadt geworden: Über der Erde ist die ukrainische Hauptstadt menschenleer, die Geschäfte sind geschlossen, alle Aktivitäten ruhen. Das Leben hat sich unter die Erde verlagert.

Katarina Dikoriuk, Dozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kiew, schläft seit Tagen mit ihrer fünfjährigen Tochter Tania und der Dackeldame Agata in der U‑Bahn-Station «Palast der Künste». Zwischen zwei Pfeilern hat sie ein Zelt aufgebaut, eine Luftmatratze aufgeblasen und Lebensmittel- und Wasservorräte verstaut. Auf einem Tischchen steht sogar eine Blumenvase, die die unterirdische Unterkunft wie ein echtes Zuhause aussehen lassen soll.

Während Tania im Skianzug mit dem Hund spielt, erklärt Katarina, die U-Bahn-Stationen seien die einzigen warmen und sicheren Orte in der Stadt, und dies sei die einzige Möglichkeit für sie, weiterzuleben, ohne verrückt zu werden. «Wenn sie Kiew einnehmen wollen, müssen sie uns alle umbringen», sagt sie mit harter Miene.

Eugenuo findet in der U‑Bahn-Station keine Ruhe. Seit Tagen hat er nichts mehr von seiner Frau Ematerina und den drei kleinen Kindern gehört. Die Familie lebt in Hostomel, einer der Städte nördlich von Kiew, die von Russland erst bombardiert und dann besetzt wurden. Bei ihrem letzten Telefonat sagte seine Frau, dass sie im Keller Zuflucht suchen würden; doch es gebe weder Internetanschluss noch Strom. Jedwede Kommunikation ist inzwischen unmöglich, und Eugenuo ist schrecklich besorgt.

Am 24. Februar, dem Tag, an dem der Krieg begann, war er zum Arbeiten in Kiew und konnte nicht mehr nach Hause zurückkehren. Seine Augen sind vor Müdigkeit gerötet. Er schläft mit einem Schlafsack in einem der Gänge der U-Bahn. Zum Essen benutzt er eine hölzerne Obstkiste als Tisch. Seine Tage sind erfüllt von der Sorge um seine Familie und der Frage, ob er sie je lebend wiedersehen wird: «Wenn ihnen etwas zustösst, würde ich mir das nie verzeihen. Ich hätte sie verteidigen müssen.»

Die Berichte, die uns aus Irpin, Butscha und Hostomel – den drei Städten nordwestlich der Hauptstadt, entlang derer die Frontlinie verläuft – erreichen, sind entsetzlich. Innerhalb von zwanzig Kriegstagen haben sich die einst ruhigen und beschaulichen Vororte Kiews in ein Schlachtfeld verwandelt. Russische Truppen haben die Kontrolle übernommen, die Einwohner:innen mussten in ihre Keller flüchten, wo Wasser und Lebensmittel knapp werden und die Temperaturen oft unter den Nullpunkt sinken.

In einem Kiewer Kindergarten sind ältere und bewegungseingeschränkte Geflüchtete aus Hostomel und Butscha untergebracht. Die 73-jährige Olga Martschenko kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie von ihrer Flucht aus Hostomel erzählt. «Die Stadt wurde durch die Bombenangriffe völlig zerstört. Die Häuser gingen in Flammen auf», sagt sie. Sie harrte vierzehn Tage lang in einem Keller aus, konnte nicht weg, weil sie nicht gut zu Fuss ist und ausserdem einen fünfzigjährigen Sohn mit Behinderung hat. «Freiwillige Helfende schleppten uns von Keller zu Keller, bis wir in Irpin ankamen und sie uns über die Brücke trugen», erzählt Martschenko.

In Butscha wurden sechzig Leichen in einem Massengrab in der Nähe einer Kirche bestattet. Andri Lewkiwski, ein im Krankenhaus von Irpin tätiger Arzt, postete ein Video davon auf Facebook. Die Ärzt:innen begruben die Opfer, die im Krankenhaus gestorben waren. Nicht alle Toten konnten identifiziert werden, und «niemand weiss genau, wo die Angehörigen sind». Die Bilder der Massengräber wecken die Geister der Vergangenheit, viele Ukrainer:innen erinnern sie an den Zweiten Weltkrieg.

Alle Glocken der Welt

«Als ich in Kiew ankam, fing ich an zu weinen», sagt Dmitro Tkatschuk. Ihm und seiner Familie gelang am 8. März die Flucht aus Butscha. Bomben haben die Stadt zerstört, die angerückten russischen Panzer schossen auf Häuser und beschädigten die Kuppel einer Kirche. «Es war, als läuteten alle Glocken der Welt gleichzeitig», schildert Tkatschuk. Irgendwann hatte seine Familie gemeinsam mit den Nachbar:innen beschlossen, über Nebenstrassen nach Kiew zu fliehen. Sie umgingen die russischen Kontrollpunkte und suchten vor dem Überqueren des Flusses Zuflucht in der Kirche von Irpin.

Sobald sie wieder ins Freie traten, um über die Brücke nach Kiew zu gelangen, hörten sie Schüsse und Explosionen. Die Grossmutter stürzte, Tkatschuk hob sie hoch, trug sie zum Fluss und über die Brücke, in ständiger Angst, von Scharfschützen erschossen zu werden. «Wenn das nicht die Hölle ist, was dann?», fragt er. Jetzt ist er in Kiew. Aber bald wird er auch hier nicht mehr sicher sein.

Aus dem Italienischen von Elke Mählmann.

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