Nr. 43/2019 vom 24.10.2019

Wo sich die Dämonen tummeln

«Two Hands» von Big Thief ist die leiseste wütende Platte des Jahres – und eine der schönsten überhaupt.

Von David Hunziker

Bittersüss und cool: Adrianne Lenker mit ihrer Band Big Thief. Foto: Michael Buisha

Es ist nicht die taumelnde Energie. Es sind auch nicht die Linien in einem Gesicht. Oder die Wolken an der Decke. Aber was ist es dann? Adrianne Lenker, die Sängerin von Big Thief, sagt es uns bis zum Ende des Songs, der schlicht «Not» heisst, nicht. Stattdessen reiht sie eine assoziative Verneinung an die andere, bis zur letzten Zeile – als würde sie etwas umkreisen, was sie nicht benennen kann.

Auch die Musik ihrer Band Big Thief, deren sanfte Melancholie zunächst so einladend wirkt, ist mit solchen Spannungen aufgeladen. Wenn man sich durch die tieferen Schichten ihres aktuellen Albums «Two Hands» hört, wo sich die Dämonen tummeln, wird klar, wie phänomenal diese Platte ist.

«Not» zeigt eindrücklich, wie die vier MusikerInnen als Kollektiv harmonieren. Es gibt hier eine einfache Abfolge von Strophen und Refrains, aber eigentlich hören wir nur eine einzige Dynamik: Lenkers elektrische Gitarre und das Schlagzeug von James Krivchenia wirken unmittelbar verbunden, laden sich gegenseitig auf, steigern Schritt für Schritt die Intensität des Songs – bis zum entscheidenden Punkt: Der Bass und die beiden Gitarren fallen plötzlich weg, Lenkers Gesang ist über dem Beat vier Zeilen lang völlig exponiert. Ihre Stimme klingt zwar auch verzweifelt, aber vor allem sehr bestimmt. Erst als die Band wieder einsetzt, überschlägt sie sich in einen kratzigen Schrei, als könnte sie sich diese Schwäche nur leisten, wenn sie von den anderen getragen wird.

Roh und direkt

Es ist wunderbar, wie roh und direkt diese Platte klingt. Big Thief sind im Studio ganz dicht zusammengerückt (wie fürs Foto auf dem Albumcover), haben die Songs live eingespielt, bei manchen den ersten Take stehen lassen. Man hört Unsauberkeiten, Ausläufer oder wie sich die Bassdrum dumpf überschlägt, der Sound der Gitarren fiebrig schimmert. Auch das hören wir in «Not», in dem ein Gitarrensolo von Buck Meek sich fast durch die Hälfte des Songs zieht. Wobei, bei diesem Wort könnte man hier auf falsche Gedanken kommen. Meek baut keine eigentlichen Melodien auf, eher reguliert er mit der Tonhöhe die Intensität. Den Sound lässt er wild heulen und schlingern und bleibt dabei ganz nahe bei der Band, setzt sich nicht über sie hinweg.

Doch bei aller kollektiven Brillanz: Die Seele von Big Thief ist Adrianne Lenker, als kluge Songwriterin und als markante Sängerin. So ist es auch der Gesang, an dem sich hier die Geister scheiden – er klinge manieriert, würden manche vielleicht sagen. Im Titelsong lässt Lenker ihre Stimme bittersüss in der höchsten Lage zittern, in «Forgotten Eyes» verengt sie sie nasal und klingt dabei ziemlich cool, bis sie den Druck erhöht und die Kontrolle zu verlieren scheint. In solchen Momenten kann es einem kalt den Rücken herunterlaufen oder eben nicht, aber manieriert im Sinne zufälliger Eitelkeit ist dieser Gesang keinesfalls.

Man könnte diese Windungen so verstehen: als Regungen einer Wut, die sich gegen nichts und niemanden richtet, auch nicht gegen ihre Trägerin, die sie einfach auszuhalten versucht. «Nur du alleine kannst die Dämonen in Schach halten», heisst es in «Those Girls». Und in «Shoulders» könnte es um familiäre Gewalt gehen, die verinnerlicht und über Generationen weitergegeben wird. Das aufgekratzte Riff dieses Songs ist einer der rockigsten Momente des Albums, in denen Big Thief auch nach Grunge klingen. Doch mit der autoaggressiven Wehleidigkeit der Männer, die damals hinter dem Mikro standen, hat das nichts mehr zu tun. In einem Interview mit dem britischen «Independent» spricht Lenker von ihren seelischen Verletzungen, die sie nur mit Liebe, nicht aber mit Zurückweisung bekämpfen könne.

Mit sechzehn von zu Hause weg

Auch ihren künstlerischen Ausdruck musste sich Lenker erst erkämpfen. Ihr Vater, der Musiker war und sie auf der Gitarre unterrichtete, wollte aus ihr einen Popstar machen. Doch schon in ihrem ersten Song, den sie mit acht schrieb, habe sie über ihre Wut und die Last auf ihren Schultern gesungen. Mit sechzehn lief sie von zu Hause weg und studierte mit einem Stipendium am Berklee College of Music in Boston. Am Tag ihrer Ankunft in New York traf sie den Gitarristen Buck Meek, mit dem sie 2015 Big Thief gründete.

Seit dann hat die Band Hunderte Konzerte gespielt und vier Alben aufgenommen. «Two Hands» ist schon das zweite in diesem Jahr, im Mai erschien das luftiger und verträumter klingende «U.F.O.F.», das mit seinen akustischen Gitarren noch stärker nach Folk klang. Doch dem nostalgischen Zug des Folk oder auch des Indierock geben sich Big Thief nicht hin. Ihre Musik träumt sich nicht an andere Orte, ihre Kraft scheint sie aus einer gegenwärtigen Konfrontation zu ziehen.

Es lässt sich kaum sagen, ob Big Thief nun eine laute oder eine leise Band ist. Spielt sie mit gedrosseltem Tempo und Temperament, scheint die Dunkelheit darunter umso mehr zu brodeln und in Lenkers Stimme aufzuflackern; lässt sie sich im rockigen Crescendo gehen, strahlt sie eine erlösende Ruhe aus. «Not» endet auf einem langen Gitarrenton, der zerbricht, bevor wir dreizehn Sekunden lang nur das Rauschen im Studio hören – alles atmet auf.

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