Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

Schrei aus der Zwischenwelt

Von David Hunziker

Manchmal erstaunt es, dass neu gegründete Bands noch einfache und doch treffende Namen finden. Dieses Trio aus Basel jedenfalls hat einen solchen gefunden: Es nennt sich Asbest. Schon das Wort mit seinem zischenden Klang hört man gern. Doch der in Verruf geratene graue Baustoff aus Silikatmineralen, der denselben Namen trägt, ist auch ein treffendes Bild für den Sound der Band: Manchmal klingen die Gitarren wie tausend spitze Fasern, die sich in alle Richtungen zu einem Festkörper verkeilen.

Klar, «Interstates», die erste EP von Asbest, ist roh produziert. Dennoch überrascht die Platte vor allem durch ihre Eleganz. Asbest spielen einen dystopischen Shoegaze-Sound, dessen rhythmisches Temperament vom zackigen Post-Punk-Beat von «Defiance» bis zur schleppenden Noise-Ballade «Insanity» reicht. Doch die Gitarre lässt sich von diesen Wechseln nicht aus ihrer erhabenen Ruhe bringen. Statt ihren kratzigen Sound zum Angriff zu bündeln, fliessen die Riffs ineinander, sodass sich die Akzente zeitweise in droneartigen Flächen verlieren. Obwohl diese manchmal bedrohlich anschwellen, bleibt die Spannung latent.

Das liegt auch an der bemerkenswerten Sängerin, die den Lärm und das Chaos nicht im Stil eines Riot Grrrls anzupeitschen versucht, sondern wie eine gespenstische Dompteurin darüber thront. Sie berichtet ja auch aus einer anderen Welt: Die Stimme, die wir hier hören, gehört einer Transfrau. Die Songs auf «Interstates» berichten von einer Reise durch die Zone zwischen den zwei Geschlechtern, die es für viele gar nicht geben kann. Es überrascht kaum, dass dieser Weg zeitweise ruppig und schmerzvoll ist.

Doch die androgyne Ambivalenz in der Stimme von Robyn Trachsel wird hier nicht zum irritierenden Spiel mit Identitäten gesteigert, wie das etwa beim Bombastpop von Anohni zu beobachten ist. Denn es geht bei Asbest letztlich doch darum, Wut zu kanalisieren. Die Dompteurin beschwört die Geister aus der Zwischenwelt und peitscht sie an, damit sie uns um die Ohren sausen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch