Nr. 43/2019 vom 24.10.2019

Ein grosser Sieg der Frauen

42 Prozent im Nationalrat und viele aussichtsreiche Ständeratskandidatinnen: Die Wahl vom Sonntag verleiht den Frauen enormen Schub. Und ist auch eine Absage an den Typus der Männeralphas.

Von Sarah Schmalz

Welle für die grüne Welle: Die wiedergewählte Basler Nationalrätin Sibel Arslan bejubelt die Resultate. foto: Georgios Kefalas, Keystone

Gabriela Suter verbringt den Wahlsonntag hin- und hereilend: zwischen dem Wahlfest der SP im Restaurant Krone und dem Aargauer Grossratskeller, wo sich die lokale Presse installiert hat. Sie freue sich über die guten Zwischenresultate, sagt die Präsidentin der Kantonalpartei schon nach der allerersten Hochrechnung in die Kamera. Doch die Anspannung fällt erst im Lauf des Nachmittags immer mehr von der 47-Jährigen ab, die kurz nach diesem ersten Interview sagt: «Es bleibt immer diese Unsicherheit, ob es am Ende tatsächlich reicht.»

Suter trat im Aargau an, um das Parlament weiblicher zu machen. «Hier», sagt sie auf einem der vielen Fusswege und zeigt auf das Aarauer Rathaus, «von diesem Balkon haben wir das Transparent entrollt. Ich habe dann das Aargauer Manifest des Frauenstreiks verlesen, das war ein grossartiger Moment.»

Schwergewichte verdrängt

Das Frauenthema war vor dem Wahlsonntag zwar in den Hintergrund gerückt, doch je länger der Tag dauert, desto klarer wird: Das hier ist auch eine Frauenwahl! Und zwar nicht nur im Aargau, wo sich Gabriela Suters positives Resultat im Lauf des Nachmittags immer weiter verfestigt. Erst sind es nur einzelne Nachrichten, die in die Newsticker sickern: Zug schickt mit der Grünalternativen Manuela Weichelt-Picard erstmals eine Frau nach Bern. In St. Gallen schafft es die 28-jährige Grüne Franziska Ryser auf Kosten der SVP in die grosse Kammer. In Solothurn verdrängt SP-Präsidentin Franziska Roth ihren Parteikollegen Philipp Hadorn.

Im Tessin zieht die Grüne Greta Gysin auf Kosten der Lega ins Parlament ein. Und in Graubünden gelingt der SP mit dem Sitzgewinn durch Sandra Locher Benguerel eine Sensation. Tamara Funiciello wiederum verdrängt in Bern ein männliches SP-Schwergewicht aus dem Nationalrat. Am späten Abend dann fügt sich das ganze, grossartige Bild zusammen: Die Frauen gewinnen im Nationalrat 30 Prozent dazu, sie haben nun 42 Prozent inne, 84 Sitze. Das ist der grösste Schub in Richtung einer angemessenen Frauenvertretung, den es in der Schweiz je gab.

Was ist da passiert? Da war natürlich der 14. Juni, als sich Hunderttausende Frauen versammelten, um in der Grossstadt oder im Bauerndorf gegen das Patriarchat zu demonstrieren. Seit dem Frauenstreik spricht man vom Frauenjahr. Er war jedoch bloss der Höhepunkt einer gesellschaftlichen Entwicklung, die schon viel früher eingesetzt hatte: mit der #MeToo-Debatte im Jahr 2018, als Frauen über ihre Erfahrungen mit Sexismus, Machtmissbrauch und Männerherrschaft zu sprechen begannen.

Am 8. März 2018 habe man das Wahlprojekt «halbe-halbe» lanciert, sagt Yvonne Schärli, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF) und Luzerner Altregierungsrätin. «#MeToo hat eine Debatte wiederbelebt, die davor ganz lange tot war. Die Bewegung hat extrem viele Frauen politisiert, gerade auch in der jungen Generation.» «Halbe-halbe» wurde zur Grundlage für Kampagnen wie «Helvetia ruft!» des Frauendachverbands Alliance F oder die Frauenwahlkampagne der SP. Man habe mit dem frühen Aufruf, bei den Wahlen mehr Frauen zu portieren, fast alle Parteien und Frauendachverbände erreicht, sagt Schärli, «sogar den Bäuerinnen- und Landfrauenverband. Diese Breite hat zum Erfolg geführt.»

Das gilt selbst für einen Kanton wie die SVP-Hochburg Aargau. Gabriela Suter beugt sich am Nachmittag im Restaurant Krone über ihren Laptop und ärgert sich, dass sie in der Stadt Aarau knapp hinter Cédric Wermuth zurückbleibt. Gerade hier, wo beim Frauenstreik etwa 3500 Frauen protestierten, habe ihr Wahlkampf eine grosse Dynamik entfaltet. Im Gegensatz zum nationalen Trend legte die SP im Aargau denn auch um 0,4 Prozent zu, was neben den Frauen wohl auch der Mobilisierungskampagne von Wermuth zu verdanken ist.

Auch in Chur hat die SP bei den Wahlen zugelegt. Mit Sandra Locher Benguerel schickt Graubünden neben Jon Pult deshalb überraschend eine zweite SP-Vertreterin nach Bern. Locher Benguerel sagt am Telefon, sie habe ihre Wahl ganz stark der Frauenbewegung zu verdanken. «Ich verkörpere in Graubünden geradezu die Frauen in der Politik.» Sie sei zehn Jahre lang die jüngste Frau im Bündner Parlament gewesen, habe in Graubünden das Mädchenparlament mitinitiiert und war an der Organisation des Frauenstreiks beteiligt.

Weil die SP national verloren hat, gewannen ihre neu gewählten Frauen auf Kosten von bisherigen Männern. Der Berner Gewerkschafter Corrado Pardini musste über die Klippe springen wie auch Travail-Suisse-Präsident Adrian Wüthrich. Dass stattdessen Frauen wie Tamara Funiciello siegten: Ist das ein Statement gegen die männlichen Alphatiere? «Ein Stück weit sicher», sagt EFK-Präsidentin Schärli. «Man traut jungen Frauen wohl eher echte Erneuerung zu» Überhaupt: Unter den abgewählten NationalrätInnen sind 27 Männer und bloss 4 Frauen. SP und Grüne haben ihren Frauenanteil im Nationalrat auf über 60 Prozent gesteigert, bei den Grünen sind 10 von 17 neu Gewählten weiblich.

Bei den Bürgerlichen haperts

Anders sieht es bei den Bürgerlichen aus. Auch die FDP und die SVP haben punkto Frauen zwar zugelegt, liegen aber immer noch bei tiefen gut 35 beziehungsweise knapp 25 Prozent. Bei der CVP, die den Frauen 50 Prozent der oberen Listenplätze zugesichert hatte, sank der Frauenanteil trotz positiver Wahlbilanz gegenüber 2015. Dies, weil während der letzten Legislatur viele Männer in den Nationalrat nachgerückt sind. Solange es bei den Bürgerlichen nicht vorwärtsgehe, sagt Schärli, sei Parität nicht zu erreichen. Man dürfe nun ohnehin nicht zu euphorisch werden. Es gebe noch viel zu tun. «Erst 50 Prozent sind zufriedenstellend.»

Schärli hofft dennoch auf einen Schub für Frauenanliegen. Zentral seien nun Gleichstellungsfragen wie die Elternzeit, aber auch die Frage des Frauenrentenalters. Über die Parteigrenzen hinweg verbinde Frauen das Bewusstsein dafür, «dass nach wie vor keine Geschlechtergerechtigkeit herrscht». Locher Benguerel sagt: «Ich werde mich in Bern vehement gegen ein höheres Frauenrentenalter einsetzen.»

In Aarau macht Gabriela Suter abends um sechs in der Fernsehrunde der kantonalen ParteipräsidentInnen eine Ansage: Man dürfe nun nicht darüber hinweggehen, dass gerade eine Frauenwahl stattgefunden habe. Gleichstellung müsse jetzt zum grossen Thema werden. Die nächste Chance dazu sind die zweiten Wahlgänge bei den Ständeratswahlen: Die Frauen haben dort die Chance, ihren Sitzanteil in der kleinen Kammer zu verdoppeln.

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