Nr. 43/2019 vom 24.10.2019

Aus dem Blickwinkel der SklavInnen

Die simbabwische Autorin Petina Gappah stand in der Kritik, mit dem Regime zusammengearbeitet zu haben. Doch die Kritik greift zu kurz und lenkt vom Thema ihres neuen Buches ab: Es behandelt das koloniale Erbe Europas.

Von Ulrike Baureithel

Am 14. November 1884 versammelten sich die Vertreter vierzehn europäischer Mächte im Musikzimmer des Palais Schulenburg in Berlin, um den bis dahin tiefsten Eingriff auf dem afrikanischen Kontinent zu planen: Auf der sogenannten Kongokonferenz zogen unter der Regie Otto Bismarcks eine Handvoll Männer in Hofkleidung willkürlich die Grenzen, die noch das moderne Afrika bestimmen würden.

Knapp 135 Jahre später eröffnete die aus Simbabwe stammende Autorin Petina Gappah das Internationale Literaturfestival. «Hier in Berlin», erzählte Gappah im September, habe sich das Schicksal ihrer Familie entschieden und «dass ich Englisch sprechen würde und nicht Portugiesisch wie im benachbarten Moçambique oder Deutsch wie in Namibia».

Männliche Eroberungsgier

Gappahs Erinnerung an auch die deutsche koloniale Vergangenheit, die gar nicht belehrend, sondern von der Bitte um Empathie und Anerkennung der Geschichte begleitet war, stand in Zusammenhang mit ihrem kurz zuvor erschienenen Roman «Aus der Dunkelheit strahlendes Licht». Darin nimmt die 1971 geborene Autorin die Expedition eines jener Missionare und Abenteurer in den Blick, die den afrikanischen Kontinent durchquerten, um ihn für die Kolonialherren besetzbar zu machen: Drei grosse Forschungsreisen unternahm der Schotte David Livingstone mit dem offiziellen Ziel, den SklavInnenhandel zu beenden, getrieben jedoch von männlicher Eroberungsgier. «Der Gedanke, wildes, unerforschtes Land zu bereisen», zitiert Gappah aus seinem Tagebuch, «bereitet mir höchstes körperliches Vergnügen.»

Vor besagtem Festivalabend allerdings stand nicht das englische oder deutsche Kolonialerbe am Pranger, sondern unvermutet die Autorin selbst. Denn im Vorfeld war Gappah in einem Beitrag in der «Süddeutschen Zeitung» vorgeworfen worden, dass sie bis vor kurzem als Beraterin von Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa tätig gewesen war, den seine KritikerInnen einen Diktator nennen, der sein Land weiter in den Abgrund treibe. In der Ära nach Robert Mugabe – der dreissig Jahre lang das Land regierte – hatte sich Gappah, ehemals in Genf arbeitende Handelsjuristin, um die wirtschaftliche Öffnung ihres Landes bemüht (siehe «wobei» Nr. 5/19).

So sah sich Gappah in Berlin genötigt, sich zu verteidigen: Sie wolle in einem Simbabwe leben, sagte sie, das fair und gerecht sei. Mit dem Regime sei sie zwar nicht einverstanden gewesen, «doch ich wollte die Chance ergreifen, Veränderung zu sein, nicht nur über die Notwendigkeit von Veränderung zu schreiben». Kurz darauf trat die FAZ nach und hielt Gappah vor, dass sie eine «Fürbitte» für Mnangagwa verlesen habe, obwohl sie die vom Journalisten beanstandete Passage aus der verschriftlichten Rede gar nicht vorgetragen hatte. Gleichgültig, ob diese Vorwürfe darauf zielten, die Autorin zu demontieren oder das Festival, muss der Vorfall im Kontext von Gappahs aktuellem Roman gesehen werden. Denn durch die perfiden Verdrehungen wurde nicht nur von Gappahs Anliegen abgelenkt, sondern wurden auch die Nachfahren derer verhöhnt, die Livingstone, «Bwana Daudi» genannt, auf seiner letzten Expedition begleiteten.

Im Mittelpunkt des Romans steht nämlich nicht der Forschungsreisende Livingstone, der auf der Suche nach den Quellen des Nils 1873 ziemlich unrühmlich an einer Durchfallerkrankung starb, sondern seine 69 «dunkelhäutigen Gefährten», ehemalige, teilweise christianisierte SklavInnen und AraberInnen, Männer, Frauen und Kinder, die für ihn kochten, seine Lasten trugen und Hütten bauten. «Was aber», heisst es im Prolog, «wenn wir damals gewusst hätten, dass unser letzter Akt der Loyalität den Samen für den Verrat an unseren Kindern und an ihrem Schicksal und auch dem ihrer Kindeskinder säen würde; dass der von ihm gezeichnete Lualaba der Beginn des grossen Kongo unseres Niedergangs war, der schiffbare Fluss, auf dem der weisse Mann kommen würde?»

Erzählt wird die Geschichte der 269 Tage dauernden dramatischen Überführung Livingstones an den Indischen Ozean, von wo aus die Leiche nach England verschifft werden sollte, zunächst aus der Perspektive der redseligen Köchin Halima, einer gewitzten ehemaligen Sklavin des Statthalters von Sansibar. Der Archipel dient als Umschlagplatz des von Banden kontrollierten SklavInnenhandels, der trotz des englischen Sklavereiverbots floriert. Der zweite Teil folgt dem historisch verbürgten, jedoch erst nach Erscheinen des Romans veröffentlichten Tagebuch von Jacob Wainwright, das die Autorin mit fiktiven Erzählungen ergänzt hat. Der befreite Sklave Wainwright wurde in einer indischen Missionsschule christianisiert und stösst durch Vermittlung des Afrikaforschers Henry Stanley zur Livingstone-Expedition. Grösster Wunsch des überanpassungswilligen und zugleich geltungssüchtigen jungen Mannes ist es, Priester zu werden und seinem Volk «Erlösung zu bringen».

Doch wie soll man eine Leiche in der Hitze Afrikas über viele Wochen hinweg konservieren? Die Köchin Halima bringt die Männer dazu, Livingstone die Innereien zu entnehmen und zu vergraben – «sie begruben sein Herz in Afrika», so will es die Legende. Die gedörrten Überreste schleppt der Konvoi, von Krankheiten und Überfällen bedroht, aber auch von internen Zwistigkeiten entkräftet, durch den Dschungel, immer wieder von der Frage begleitet, ob es – genauer ob dieser Mann, von dem bekannt wird, dass er mit Sklavenhändlern zusammengearbeitet hat – der Mühe wert ist.

Der Traum vom eigenen Haus

In der Form eines überaus witzig ausgestalteten Abenteuerromans gelingt es Gappah, die sozialen und geschlechtsspezifischen Hierarchien und die religiösen Spannungen zwischen einfachen Lastenträgern, gebildeten Schwarzen und Araberinnen ins Bild zu setzen, ihre Träume einzufangen: Halimas Traum von einem eigenen Haus, den Jacob Wainwrights, ein «schwarzes Schaf über die Schwelle der Himmlischen Stadt» zu tragen, oder Abdulla Susis Wunsch, unterwegs zu sein auf dem Meer. Die tatsächliche oder nur gefühlte Nähe zu diesem Weissen wird für die Beteiligten zum Zeichen ihrer eigenen Bedeutung.

Gappahs behauptete Multiperspektivität beschränkt sich im Wesentlichen jedoch auf die Sichtweise nur zweier Figuren. Das kappt bei aller differenzierten Zeichnung der übrigen ProtagonistInnen viele narrative Möglichkeiten. Dem einäugigen Chirango etwa hätte man einen eigenen Blick gegönnt: «Wer sind sie», sagt er, «dass sie so ungehindert ins Land kommen?» Und dem Anpassler Wainwright wirft er vor, dass «du ihnen erlaubst, in dich einzudringen und dich selbst zu hassen. Du willst dich anziehen wie sie und sprechen wie sie, aber du wirst nie einer von ihnen sein.»

Dass man ein altes Kleid nicht einfach abstreifen kann, um ein neues überzustülpen, weiss auch Halima, die, glücklich und frei wieder in Sansibar gelandet, stolz auf ihr Haus ist. Am Ende dieser Reise steht eine schwarze Analphabetin im Licht, entzündet von einer schwarzen Autorin, die allerdings von sich sagt, erst in Europa zur «Afrikanerin» geworden zu sein.

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