Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Die Ameisen verstehen, die unterm Stuhl durchkriechen

Warum wird eine Dichterin im Iran wie eine Ikone verehrt und die moderne Lyrik im Westen derart vernachlässigt? Worin läge denn die subversive Kraft eines Gedichts? Gedanken einer Lyrikerin auf dem Hintergrund von Erfahrungen auf verschiedenen Kontinenten.

Von Johanna Lier

Makoto Ooka: «Ein Kätzchen sitzt …»; ausgewählt von Johanna Lier, gestickt und fotografisch inszeniert von Ursula Häne. Aus: Makoto Ooka: «Botschaft an die Wasser meiner Heimat. Gedichte 1951–1996». Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. edition q. Berlin 1997.

Als ich mich vor zwölf Jahren während eines Jahres immer wieder im Iran aufhielt, erzählte mir eine Freundin folgende Geschichte: «Du triffst zwei Iraner, einer von ihnen ist mit Sicherheit ein Poet. Als 1999 die Studentenzeitung ‹Sadaan›, in der ausschliesslich Gedichte publiziert worden waren, verboten wurde, demonstrierten die Studenten zu Tausenden. Die Polizei marschierte auf, schoss, und einer der Demonstranten starb. Er war selbstverständlich ein Poet.»

Die leicht ironisch erzählte Episode unterstrich, was mir täglich begegnete: eine ungewohnte Freude und fast schon irritierende Verehrung, die mir entgegengebracht wurde, wenn ich erwähnte, dass ich Gedichte schriebe. Ich weiss nicht mehr, wie das jeweils zustande gekommen ist, erinnere mich aber, dass sich solche Gespräche beim Kauf eines Leberspiesschens, beim Auftanken des Autos, beim Teetrinken im Teehaus oder während einer Taxifahrt ergeben konnten.

Ich erinnere mich auch, dass wir FreundInnen eingeladen hatten und sich nach dem Mittagessen Gespräche über Gedichte und Poesie im Allgemeinen bis in die Abendstunden hinzogen. Das kann nicht nur der Gewohnheit, auf dem Boden zu essen und sich danach auf den Kissen auszustrecken, zugeschrieben werden – obwohl ich zugeben muss, dass sich in solcher Lage entschieden länger und entspannter reden lässt.

Den Namen Forugh Farrokzhad hörte ich zum ersten Mal, als ich mit einem befreundeten Galeristen in Isfahan in einem dieser grässlichen Staus feststeckte. Um uns liessen Menschen ihre Wut an ihren Hupen aus, schossen in jede sich öffnende Lücke, um dann hoffnungslos für Stunden ineinander verkeilt zu sein. Hadi zeigte sich angesichts der Verkehrslage gelassen, jedoch wegen meines Unwissens entsetzt. Westliche Ignoranz! Anders vermochte er meine Unkenntnis nicht einzuordnen.

Was ich dann entdeckte, verblüffte mich: Forugh Farrokzhad war eine Dichterin, die 1965 im Alter von 32 Jahren mit ihrem Cabriolet gegen eine Wand fuhr. Eine Dichterin, die auch von der heutigen Jugend im Iran in einer Weise verehrt wird, wie es sich mancher Popstar kaum zu erträumen wagt.

In der Folge machte ich mich auf, herauszufinden, wie es kommt, dass eine Dichterin zur Ikone, ja geradezu zur Göttin avanciert war, deren Gedichte das Leben unzähliger Menschen beeinflusst, wenn nicht sogar verändert hatten. Unglückliche Liebe, mysteriöser Tod, Scheidung, das Sprechen über den weiblichen Körper und über Sex, Einsamkeit, Hoffnung und deren Verlust: Dies waren die Ingredienzen und auch die Themen ihrer Popularität – eine Frau auf der Schwelle zwischen Tradition und Moderne. Junge Mädchen verkleistern heute noch ihre Zimmerwände mit den Plakaten dieser Dichterin, deren berühmtestes Gedicht den wunderschönen Titel «Let Us Believe in the Beginning of the Cold Season» trägt und deren Lyrik in ganze Generationen von Schulmöbeln geritzt worden ist.

Vereinzelte Betretenheit

Eine andere Erfahrung machte ich vor acht Jahren, am Festival Internacional de Poesía de Rosario, einer Stadt dreihundert Kilometer nördlich von Buenos Aires. Nach der Lesung eines älteren Dichters brach unter den rund 200 konzentriert lauschenden ZuhörerInnen frenetischer Applaus aus. Eine Stunde später las ein junger Dichter aus Buenos Aires vor höchstens zwanzig Leuten, von denen mindestens die Hälfte verärgert das Gesicht verzog. Zu unserem Erstaunen erfuhren wir später, dass der erfolgreiche Dichter Epen vorgetragen hatte, die vom argentinischen Unabhängigkeitskrieg aus dem 19. Jahrhundert erzählten, der junge Dichter jedoch moderne Lyrik. Des Spanischen nur mangelhaft mächtig, erinnere ich mich lediglich an die unterschiedlichen Rhythmen der Vorträge und die völlig unterschiedlichen Reaktionen des Publikums.

Bereits im Iran hatte mich Farzaneh Amiri – die Dichterin, die sich in ihrem Zimmer in ihrem Haus in Teheran einschloss, ihr Bett kaum noch verliess und umgeben von Büchern und Zeitungen ihre Tage in weichen Kissen und Decken verbrachte – darauf aufmerksam gemacht, dass die übergrosse Liebe zur Dichtung in ihrem Land vor allem dem Umstand geschuldet sei, dass auch junge Leute immer noch im Stil des grossen Hafes (um 1320–1389) oder des Mystikers Rumi (1207–1273) zu dichten pflegten. Und sie zitierte einen jungen Freund, der soeben ziemlich heftige Polemiken in der lokalen Literaturszene ausgelöst hatte: «Wir gehen neue Wege. Wir bauen die Sprache um. Wir wissen nicht, wohin es führt. Und wir verstehen die Klassiker nicht. Revolution. Krieg. Sollen wir unsere Eltern kopieren? Sie sind uns kein Vorbild. Wir gehen auf die Strasse, hören zu und schreiben in der Sprache der einfachen Leute. Gut, wir werden nicht gelesen. Und unsere Gedichte verstehen wir selbst nicht. Wir sind faul, rauchen und trinken. Einige werfen uns vor, wir würden uns gegenseitig mit leerem Geschwätz langweilen.» Farzaneh bemerkte müde, das sei das Ende der iranischen Lyrik, die PoetInnen würden von nun an gehasst, und deshalb habe sie beschlossen, das Bett nicht mehr zu verlassen.

Beim Aufhängen der Wäsche

Das Gedicht sei jedoch weiterhin die Königsdisziplin der Literatur, hört man immer wieder. Doch gibt es kaum Leute, die es lesen wollen. Eine Beurteilung, die vor allem auf das moderne Gedicht zutrifft, das sich weitgehend aus den Verpflichtungen gelöst hat, sich an das Metrum zu halten, Teil von nationalen Ereignissen zu sein oder kulturelle und religiöse Mythen zu transportieren. Der südafrikanische Dichter Lesego Rampolokeng schilderte mir, wie bei der Feier zu Nelson Mandelas neuer Präsidentschaft mehrere Dichter in Johannesburg ins Stadion einzogen und Mandelas Sieg in Versen zelebrierten, sie tanzten und sangen wie zu Sapphos altgriechischen Zeiten.

Aber eben – diese Zeiten sind vorbei. Und so beklagt sich etwa der deutsche Dichter Gerhard Falkner: «Wer von sich sagt, er sei Dichter, oder in Gottes Namen Lyriker, und die Betretenheit nicht spürt, die er damit auslöst, sollte dafür weniger seinem Selbstbewusstsein den Dank abstatten als viel eher seiner Dickfelligkeit.»

Worin liegt denn aber die Krise des modernen Gedichts? Ist es, «dass die Leute von der Lyrik eingeschüchtert sind», wie die US-amerikanische Lyrikerin Cynthia Atkins bemerkt? Ist es, weil es die Rolle der Poesie sei, alternative Sprachsysteme zu produzieren und stärkstmögliche Intimität zu erzeugen, wie Joachim Sartorius festhält? Oder ist es, weil die DichterInnen zu viel wollen? Zu Grosses? So schrieb die argentinische Dichterin Olga Orozco: «Der Dichter glaubt, über fast magische Kräfte zu verfügen. Er versucht, die verborgenen Bezirke, die unaussprechlichen Wünsche und die riesigen Steinbrüche des Traums zu erforschen. Er trachtet danach, die Harnische des Vergessens aufzubrechen, den Wind und die Gezeiten anzuhalten, die Zukunft zu erfahren, zwischen den Toten zu leben. Er versucht, die Perspektive zu verändern, die Mächte zu schwächen, die ihn letztlich zum Schweigen bringen.» Im Grunde sind das hochpolitische Eigenschaften, die dem modernen Gedicht zugeschrieben werden – dem Gedicht, das als das Unpolitische schlechthin gilt.

Und so machte ich mich vor acht Jahren in Buenos Aires auf, argentinische DichterInnen zu befragen, wo sich das Gedicht im Verhältnis zum Ökonomischen und Politischen befinde, wo allenfalls die subversive Kraft des modernen Gedichts zu finden sei. Ich wurde fündig: Alle tun sie das zwar, was man von DichterInnen erwartet. Sie suchen Inspiration bei einsamen windigen Spaziergängen am Meer wie Irene Gruss, warten, bis die Nacht hereinbricht, um die Stille der Dunkelheit zu nutzen wie Héctor Miguel Ángeli, schnappen Gesprächsfetzen im Supermarkt auf wie Alicia Genovese, oder sie entdecken beim Wäscheaufhängen hoch über den Dächern der Stadt, wie Liliana Lukin, dass einem Gedichtfetzen Vögeln gleich zufliegen – aber alle sind sie sich einig, dass die subversive Kraft des Gedichts gerade darin liege, dass es sich radikal den ökonomischen Gesetzen des Markts verweigere.

Was aber macht den schon fast mythischen Erfolg von Forugh Farrokzhad aus? Weder ist ihr Werk traditionell, noch verhält es sich irgendwie zum Markt. Ich bin dem Übersetzer, der einige meiner Gedichte ins Arabische übersetzt hat, dankbar, dass er mir einen Aspekt aufgezeigt hat, worum es bei der Lyrik auch gehen könnte: Als ich mich nach der Lesung in Tunesien mit einem begeisterten Zuhörer konfrontiert sah, der überschwänglich von meinen Gedichten sprach, ich aber beim besten Willen nicht verstand, wovon er redete, fragte ich den Übersetzer, was er eigentlich übersetzt habe. Darauf erklärte er mir liebenswürdig, es ginge nicht in erster Linie um das Gedicht. Er wies auf mein Bild, das im Programmheft abgebildet war. Seine Aufgabe sei es, das Gedicht so zu übersetzen, dass es den Erwartungen entspräche, die mein Porträt beim Betrachter erweckte. Als ich Genaueres über diese Erwartungen wissen wollte, meinte er ungehalten: «Ja, was denn! Liebe und Sex!»

Die Welt im Innersten

Die Kraft der Forugh Farrokzhad liegt anderswo. Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa sagte einmal, er brauche nur lebenslang vor seiner Haustür zu sitzen und die Ameisen zu studieren, die unter seinem Stuhl durchkröchen. Habe er eine von ihnen verstanden, offenbare sich ihm die ganze Welt. Oder eine Freundin erzählte, sie habe Mascha Kaléko gelesen, die in einer Art und Weise banalste Alltagsangelegenheiten aufzeichnete, dass man meine, die Welt in ihrem Innersten zu verstehen. Die Dichterin Lavinia Greenlaw spricht vom Wachsen und Sterben in der Wüste, «nichts zu tun, ausser Blumen zu fotografieren / die diese wahnwitzigen Bedingungen ausnutzen / zum Wachsen und Sterben …», und erinnert damit an Marcel Reich-Ranicki, der berichtete, dass es Gedichte gewesen seien, die ihm die Kraft verliehen hätten, im Ghetto zu überleben.

Joachim Sartorius hingegen hält fest, dass man in der neuen Poesie viel über die Autonomie der eigenen Sprache «und somit über die Möglichkeit, eigensinnig in der Welt zu sein», erfahre. Immanuel Kant sprach vom Erhabenen: dem Unaussprechlichen, dem Unfassbaren, das einem den Atem raubt, die Worte stiehlt, die Gedanken zerstieben lässt – das einen sprachlos lässt. Und Jean-François Lyotard fügte an, dass es einer reduzierten Form bedürfe, die innerhalb der Begrenzung menschlicher Sprachfähigkeit versuche, dieses Unfassbare «denkbar» zu machen: im Bild einer Ameise. Oder einer Katze. Oder eines Kusses. Nicht mehr und nicht weniger. Das könnte ein gutes Gedicht sein.

Und wenn Sie das nächste Mal spontan sagen: «Oh, das ist schön!» – dann hat das Gedicht seine Bestimmung gefunden.

Johanna Lier, Journalistin, Autorin und Lyrikerin, lebt und arbeitet in Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch