Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

Betty Bossi ganz anders

Von Bettina Dyttrich

Ein Buch voller Rezepte: zum Beispiel das Schnellrezept für doppelt und dreifach belastete Mütter (Hörnli mit Brösmeli). Oder das Ratatouillerezept, ergänzt mit Informationen über die miserable Lage der LandarbeiterInnen in Spanien. Oder die Chäs-Chnöpfli mit der Rechnung, wie viel die Arbeitszeit für ihre Herstellung wert wäre. Ringheftung, Layout, Schrift und Fotos: «Betty Bossi kocht vor Wut» kommt täuschend echt daher. Und es gibt darin also tatsächlich etwas zu kochen. Doch es bietet noch mehr – etwa eine Anleitung, wie aus einem «unwiderstehlichen» Sloggi-Unterwäsche-Plakat ein «widerliches» wird. Einen Orgasmus zum Selbermachen, eine Bastelanleitung für ein zwölf Meter langes Transparent und ein Tortenwerfen-Daumenkino. Dazu kommen Informationen über die Frauenselbstverteidigung Wen-Do, Frauenarbeit in der Textilindustrie und vieles mehr. Höchst nachahmenswert ist der Lesevorschlag: einen unbekannten Roman von einer Freundin in Papier einfassen lassen, ihn lesen und anhand der Frauen- und Männerbilder herausfinden, ob er von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde. «Betty Bossi kocht vor Wut» ist das ideale Weihnachtsgeschenk für pubertierende Göttimaitli. Aber nicht nur.

Ein betrüblicher Nachtrag aus WOZ Nummer 1/07:

Das feministische Rezeptbuch «Betti Bossy kocht vor Wut» hat dem Betty-Bossi-Verlag nicht gefallen. Er drohte rechtliche Schritte an. Doch die Auflage ist schon weg.

Zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen vom 25. November 2006 brachte die Berner Frauengruppe gegen Sexismus und Rassismus F. A. M. eine Sammlung «pfiffiger Alltagsrezepte für den feministischen Widerstand» heraus, die vom Titelblatt übers Layout bis hin zur Ringbindung den vertrauten Originalen der Kunstfigur «Betty Bossi» glich. Die Herausgeberinnen nannten ihr Buch «Betti Bossy kocht vor Wut» und vergassen nicht, im Impressum den Satz hinzuzufügen: «Allfällige Ähnlichkeiten mit bestehenden Publikationen sind rein zufällig.» Tatsächlich: Anleitungen für Aktionen gegen sexistische Plakatwerbung, für das Backen von Meitschibeinen und Gielescheiche, für das Anfertigen eines 12-Meter-Transparents, fürs Kochen von 500000 Portionen eines Frauenstreik-Risottos oder für einen entspannenden Orgasmus finden sich bei der «richtigen» Betty nirgends. Auch den Bohneneintopf mit Namen Frauenfurz würde man vergeblich suchen.

Dreieinhalb Wochen nach der Vernissage war die Auflage praktisch ausverkauft – völlig ohne Werbung, nur dank Mundpropaganda. «Damit hätten wir nicht gerechnet», sagt eine der Herausgeberinnen, «aber natürlich freuen wir uns, dass unser Buch so gut angekommen ist. Mit dem Verkaufserlös können wir die Kosten der aufwendigen Herstellung bezahlen, die Arbeit wurde ohnehin unentgeltlich geleistet.» Auf die Idee eines Rezeptbuchs à la Betty Bossi waren die Frauen gekommen, als sie sich Sprüche für eine geplante Transparentaktion ausdachten. Der Spruch «Betti Bossy kocht vor Wut» gefiel ihnen so gut, dass sie spontan beschlossen, daraus auch einen Buchtitel zu machen. Ideen wurden gesammelt, verschiedene Frauen- und Mädchengruppen steuerten Beiträge bei, und jedes Kochrezept musste vorgängig ausprobiert werden. Der Name verpflichtet – obwohl hier eine Betti Bossy und keine Betty Bossi in den Töpfen gerührt hat.

«Etwas mehr Humor erwartet»

«Wir verstehen unser Buch als eine kleine Hommage an Betty Bossi», meint die Mitherausgeberin. «Die Betty-Bossi-Kochbücher haben die Schweizer Kochgewohnheiten revolutioniert und den Küchenhorizont erweitert; die Rezepte sind praktisch und gut.» Der Zürcher Betty-Bossi-Verlag, der je zur Hälfte Ringier und Coop gehört und fürs Jahr 2005 einen Umsatz von 86,5 Millionen Franken ausweist, hatte weniger Freude an der lustvollen Coverversion. Kurz vor Weihnachten teilte er via Anwalt der Frauengruppe gegen Sexismus und Rassismus Bern F. A. M. mit, der Name Betty Bossi dürfe nicht weiter verwendet und die restlichen Exemplare des Rezeptbuchs müssten vernichtet werden. Der Ton des Verlagsschreibens sei «korrekt» gewesen, aber trotzdem hätten sich die Herausgeberinnen ein wenig mehr Humor gewünscht.

Ruth Bannwart vom Betty-Bossi-Verlag sieht das anders: «Uns geht es um den Schutz der Marke Betty Bossi. Betty Bossi ist unser Kochbuch und unser Name. Wir haben 850000 Abonnentinnen, die eine ganz persönliche Beziehung zum Produkt Betty Bossi haben, darauf müssen und wollen wir Rücksicht nehmen.»

Entscheidend sei die Gefahr einer Verwechslung und einer Verletzung der absoluten Verfügungsmacht der MarkeninhaberInnen, meint Regula Bähler, Anwältin und Urheberrechtsexpertin, dazu. In solchen Fällen könne eine Intervention aus Gründen des Urheber- oder Markenschutzes wie auch des unlauteren Wettbewerbs erfolgen. Um als erlaubte Satire durchzugehen, müsse sie den Zweck der Kritik erfüllen und die Vorlage auf eine komische Art und Weise bearbeiten.

Die Herausgeberinnen des unerwarteten Bestsellers haben inzwischen die Forderungen des Betty-Bossi-Verlags erfüllt. Die wenigen noch nicht verkauften Bücher sind bereits eingesammelt. An einen Nachdruck haben sie nie gedacht. Doch in vielen WG- und anderen Küchen lebt die falsche Betti Bossy weiter, solidarisch, kritisch, selbstbewusst.

Charlotte Spindler

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