Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Die Legende vom heiligen Bruno

Der Spielfilm über Bruno Manser kommt eigentlich zur richtigen Zeit – aber so, wie er seine Titelfigur zum Messias der Indigenen stilisiert, ist er von vorgestern.

Von Florian Keller

Filmstill aus «Bruno Manser. Die Stimme des Regenwaldes».

Erst kommt Gott, aber nach dem Allmächtigen kommt gleich schon: Bruno Manser. Ja, so beginnt er tatsächlich, dieser Spielfilm über den Schweizer Aktivisten, gespielt von Sven Schelker. Prächtige Bilder vom mächtigen Urwald, dazu erzählt ein Angehöriger der Penan, wie ihr göttlicher Urahn diese Wildnis einst erschaffen habe – und als der Schöpfungsmythos auserzählt ist, siehe, da kommt schon das Boot mit Bruno daher. Wie ein Geschenk Gottes, sagt der Penan noch.

Der Basler auf Borneo wird also von allem Anfang an als Heiland etabliert in diesem Film von Regisseur Niklaus Hilber («Amateur Teens»). Und diese unselige christliche Ikonografie zieht sich dann durch den ganzen Film, der die Zeitspanne von Mansers Ankunft bei den Penan im Jahr 1984 bis zu seinem Verschwinden im Jahr 2000 umfasst. Sie zeigt sich etwa in der Untersicht, wenn die Stammesangehörigen zu ihrem weissen Erlöser aufschauen, als dieser über Funk den Protest gegen die Holztransporte koordiniert. Auch eine Judasfigur gibt es, die Manser an die Behörden verrät, nachdem ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Und am Ende dürfen die Penan ihren Bruno preisen, weil er ihnen geholfen habe, erst «zu verstehen, wer wir sind».

Ein Jammer, eigentlich: Angesichts von Klimastreiks und brennenden Regenwäldern erscheint Hilbers Film voll auf der Höhe der Zeit – aber darin, wie er seine Titelfigur zum Messias der Indigenen stilisiert, ist er von vorgestern. Anders gesagt: Die Grundration an postkolonialem Bewusstsein, die der Film mitbringt, löst sich restlos in seiner White-Saviour-Dramaturgie auf.

Das ist schade, denn anderswo bemüht sich diese aufwendige Sechs-Millionen-Franken-Produktion durchaus um Differenzierung. Da sind die Ambivalenzen von Mansers Aktivismus mit den fliessenden Übergängen zwischen politischem Engagement und Selbstfindung. Dass Manser bei den Penan auch eine urtümliche Authentizität suchte, die er daheim in der modernen Zivilisation verloren glaubte: Das wird wiederholt thematisiert, auch wenn es meist die zynischen Vertreter der lokalen Behörden sind, die als Sprachrohr für solche Einlassungen dienen.

Bloss, die «Authentizität», mit der Hilbers Film seinerseits hausieren geht, ist ein Zerrbild für den dramatischen Effekt. So werden die Penan zwar von Einheimischen gespielt, sie müssen aber auch bei ihren Protesten gegen jeden historischen Beleg allesamt in Lendenschurz auftreten, die Frauen barbusig.

Seine erhellendsten Momente hat der Film dort, wo er die wirtschaftlichen Zusammenhänge in den Blick nimmt: den globalen Fetisch namens Wirtschaftswachstum, die Abhängigkeiten zwischen auswärtigen Konzernen und regionalen Regierungen. Bruno Manser hätte es kaum gefallen, aber dieser Spielfilm über ihn und seinen Kampf ist dort am stärksten, wo er sich als Wirtschaftsthriller geriert.

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