«Im Wald» : Wenn der letzte Baum gefällt …

Nr.  13 –

Die neue Ausstellung im Landesmuseum Zürich macht nachdenklich, ja wehmütig: eine Elegie auf den Wald als verlorenes, von Menschenhand zerstörtes Paradies. Nur, warum wird sie fast ausschliesslich von Männern vorgetragen?

Vögel zwitschern, Blätter rascheln im Wind, in der wandfüllenden Videoprojektion erstrahlt der Sihlwald in lichtdurchfluteter Pracht. Und doch zieht Ferdinand Hodlers Holzfäller an der baumstammbraunen Stellwand davor den Blick auf sich und macht gleich zu Beginn klar: Die Kulturgeschichte des Waldes, die im Landesmuseum erzählt wird, ist eine Geschichte der Zerstörung. Willkommen im Anthropozän.

Eingriffe des Menschen in die Natur ziehen sich wie Beilschläge durch die chronologisch aufgebaute Ausstellung. Das unberührte Paradies – ein ausgedehnter Tropenwald auch auf dem Boden der heutigen Schweiz – liegt dreizehn Millionen Jahre zurück. Schon die Römer holzten rund um das Mittelmeer die Wälder nieder, so erfahren wir, und mit grossen Zeitsprüngen schreitet der Kahlschlag voran. Eine grössere Kerbe wird nur noch in der frühen Neuzeit geschlagen, als mit dem Bevölkerungswachstum auch die Rodungen für Ackerbau, für Haus- und Gerätebau und für Brennholz sowie das Verköhlern zu Holzkohle massiv zunehmen. Dann entfesselt die Industrialisierung Prometheus vollends: Von ihrem Energiehunger bleibt kein Baum verschont, auch nicht im hintersten Alpental. Historische Fotografien zeigen, wie vom Wildbach bis zum Fluss Baumstämme in die Verarbeitungszentren getriftet und geflösst werden. Zurück bleiben versehrte Landschaften, die Erdrutschen, Lawinen und Überschwemmungen nichts entgegenzusetzen haben.

Dazwischen liegen auf einem raumfüllenden Tisch die Werkzeuge der Zerstörung aus: vom «Waldhammer», mit dem Bäume markiert werden, über die Vier-Mann-Säge bis hin zum «Wurzelstocksprengapparat». Auch Bauern und ländliche Unterschichten werden in die grosse Erzählung gezwungen. In Gemälden ist festgehalten, wie sie ihr Vieh im Wald weiden lassen oder Eicheln für ihre Schweine von den Bäumen schlagen. Und auf einer der sparsam eingesetzten Schrifttafeln lässt sich nachlesen, dass nach 1810, als das dem Adel vorbehaltene Privileg der Jagd fällt, der Hunger der wenig Begüterten die Waldfauna innert weniger Jahrzehnte gefährlich dezimiert.

Virile Mythen

Je augenfälliger das Ausmass der Zerstörung mit der Industrialisierung wird, desto deutlicher treten zwei Gegenbewegungen zutage: eine ideelle Überhöhung und Mystifizierung des Waldes auf der einen und politische Initiativen zu seinem Schutz auf der andern Seite.

Die Romantik taucht die Wände der Ausstellung in tiefes Bordeauxrot, vor dem die grossformatigen, in Ölfarben schimmernden Eichenwälder von Robert Zünd (1827–1909) zum Versinken einladen und Alexandre Calames «Wettertannen auf Haneck» (1855) besonders erhaben wirken. Weitere Gemälde, aber auch Manuskripte von Jean-Jacques Rousseau (auf Jasskarten), Joseph von Eichendorff, Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Robert Walser fangen die verschiedenen künstlerischen Darstellungsformen des Waldes ein. An einer Hörstation erzählen zeitgenössische Autor:innen Kurzgeschichten, Henry David Thoreaus «Lob der Wildnis» liegt zum Blättern auf, und in einer Kinonische laufen Filmausschnitte von Charlie Chaplin bis zu «Herr der Ringe» über die Leinwand. Das ist zwar facettenreich präsentiert, bietet aufgrund der einschlägig bekannten Namen aber kaum Neues und ist in der Auswahl in schon fast grotesker Weise männerlastig.

Auch wo es um den Schutz des Waldes geht, werden Männer als Macher raumgreifend in Szene gesetzt: Johann Wilhelm Coaz (1822–1918) etwa, erster Oberforstinspektor der Schweiz und «Vater» des eidgenössischen Forstgesetzes von 1876. Dass damit weltweit erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit definiert und gesetzlich verankert wird (es darf nicht mehr Wald abgeholzt werden, als nachwächst), geht – ausgerechnet! – in dieser Ausstellung aber ziemlich unter.

Noch problematischer ist der blinde Fleck im Fall von Paul Sarasin (1856–1929), der hier gross als Mitbegründer des Nationalparks und des Weltnaturschutzbundes gefeiert wird. Sein «Verantwortungsbewusstsein des ‹weissen Mannes über den Planeten›», wie es im Ausstellungskatalog heisst, soll angesichts der Regenwaldzerstörung gewachsen sein, die er auf seinen Expeditionen auf den Inseln Ceylon und Celebes erlebt hat. Von seinen Verstrickungen in koloniale Verbrechen an der indigenen Bevölkerung ist dagegen nirgendwo die Rede. Ob das mit dem Schwerpunkt rund um Bruno Mansers Wirken im Urwald von Borneo an der Seite der Penan kompensiert werden sollte?

Die Klimajugend im Museum

Abseits des grossen Pfades, den das Szenografie- und das Kuratorinnenteam ausgelegt haben, lässt sich aber auch Überraschendes entdecken, kleine subversive Geschichten wie jene der drei Männer, die 1906, als das Bündner Wappentier längst ausgerottet ist, dem italienischen König junge Steinböcke stehlen und in Kisten über die Grenze schmuggeln. Festgehalten ist dies auf einer Fotografie, die eine Prozession gut gekleideter Männer auf einem schmalen Saumpfad zeigt. Unerwartet trifft auch ein kleines Bild des Aktionskünstlers Joseph Beuys im Kreis einer wilden Horde schaufelbewehrter Student:innen den Blick: 1972 ruft er mit verschiedenen Aktionen zur Rettung des Waldes auf. Zehn Jahre später lässt er im Rahmen der Documenta in Kassel 7000 Eichen pflanzen und verteilt Flyer mit verschiedenen Sujets und der Aufschrift «Eine Idee schlägt Wurzeln».

Auch wo sich zeitgenössische Künstler:innen mit dem Wald auseinandersetzen, beherrschen Männer Raum und Inszenierung, zuweilen mit religiös anmutender Geste, wie etwa bei Guido Baselgia, der in einem Schwarzweiss-Triptychon den Stamm eines Urwaldriesen fotografisch einzufangen versucht (und an den Dimensionen scheitert). Ungleich komplexer ist die Geschichte, die Denise Bertschi in ihrer Videoinstallation über die ehemalige Schweizer Kaffeeplantage Helvécia in Brasilien erzählt: Sie handelt vom Zusammenhang zwischen Abholzung, Waldnutzung und brutaler Sklavenarbeit, über die ein indigener Nachkomme berichtet.

Grellweiss sind die Stellwände im letzten Abschnitt der Gegenwart. Noch rasch ein paar Fakten zu Wäldern als Klimaschutz und wenige, kleinformatige Fotografien von Frauen, die mit sehr viel Mut und physischem Einsatz um den Erhalt von Urwald und Biodiversität kämpfen, wie etwa die Waldwächterinnen auf Sumatra. Das wirkt alles etwas beiläufig und irritiert spätestens beim Anblick eines Protestbildchens mit dem Label «Klimajugend». Oder ist ihre Musealisierung Programm?

Die Schneise der Zerstörung jedenfalls begleitet als Hintergrundrauschen auch durch die letzten Abschnitte der Ausstellung und ruft sich zuweilen mit einer erneuten Kerbe in Erinnerung – mit dem «Kehlschlag»-Plakat «Rettet den Wald» von Hans Erni von 1976 etwa. Oder einem holzschnittartig gezeichneten Bagger, der sich wie ein gigantisches Tier durch den Urwald frisst: Die Kugelschreiberzeichnung ist Teil einer Serie, in der zeitgenössische Künstler:innen aus dem Gran Chaco südlich des Amazonasbeckens ihre Beziehung zum Wald reflektieren.

Spätestens im grellen Scheinwerferlicht der Gegenwart drängt sich das thematische Hintergrundrauschen auch akustisch ins Bewusstsein. Da ist ein Knirschen und Knarzen, und hinter der letzten Stellwand weitet sich der Raum und gibt den Blick frei auf das traurige Finale: die grossflächig projizierte Videoinstallation «Ever Since We Crawled Out» von Julian Charrière – ein Zusammenschnitt von Filmszenen in Schwarzweiss. Mächtige Baumriesen, die wie in Zeitlupe aus dem Lot kippen. Ihr Stöhnen breitet sich dabei im Raum aus wie ein allerletztes Aufbäumen.

Als ob Ugo Rondinones nackter, weisser, toter Olivenbaum davor als Menetekel des Anthropozäns nicht unheimlich genug wäre.

«Im Wald. Eine Kulturgeschichte», Landesmuseum Zürich, bis So, 17. Juli 2022. www.landesmuseum.ch/wald