Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Jung, links und radikal

Die 36-jährige Labour-Kandidatin Faiza Shaheen fordert in ihrem Wahlkreis einen alteingesessenen Konservativen heraus – und glaubt, dass sie gewinnen kann.

Von Peter Stäuber (Text) und Sheena Sumaria (Foto), Chingford

«Ich würde nicht für eine Labour-Partei antreten, die nur kleine Veränderungen am Status quo vornehmen will.» Labour-Kandidatin Faiza Shaheen in ihrem Wahlkreis.

Faiza Shaheen ist ein bisschen überwältigt. Mit Unterstützung hatte sie gerechnet, nicht aber damit, dass sie am ersten Samstag des Wahlkampfs über 200 AktivistInnen um sich scharen würde, die ihr beim Türklopfen helfen wollen. Es ist ein regnerischer Tag, ein heftiger Wind bläst durch Chingford, einen Vorort in der nordöstlichen Ecke von London. Der Wahlkreis ist seit Jahrzehnten in konservativer Hand, aber das will Shaheen am 12. Dezember ändern: Sie tritt für die Labour-Partei an – und sie glaubt, dass sie gewinnen kann.

Betrachtet man die landesweiten Umfragen, so könnte die Ausgangslage für die Opposition besser sein: Labour liegt weit hinter den Tories zurück, und bis zum Wahltag bleibt wenig Zeit, das Blatt zu wenden. Doch die politische Situation ist volatil: MeinungsforscherInnen berichten, dass die BritInnen bezüglich ihrer politischen Haltung noch nie so unbeständig waren wie jetzt. Bis Mitte Dezember sind noch grössere Verschiebungen möglich.

Der ideologische Kontrast zwischen den zwei wichtigsten Parteien war noch nie so deutlich wie bei diesen Wahlen: auf der einen Seite eine Tory-Partei, die unter Boris Johnson in den Rechtspopulismus gerutscht ist, auf der anderen die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn, die seit dem letzten Urnengang im Sommer 2017 ihr linkes Profil geschärft hat – sie plant die Abschaffung von Privatschulen, die Verstaatlichung der Energieversorgung, massive öffentliche Investitionen in Form eines Green New Deal und vieles mehr.

Auch das Persönliche ist politisch

Die Radikalität des Labour-Programms ist ein Grund, weshalb Faiza Shaheen für den Wahlkreis Chingford und Woodford Green kandidiert. Die 36-jährige Londonerin hat in Oxford Wirtschaft und Politik studiert und danach für verschiedene Thinktanks gearbeitet – ihr Forschungsschwerpunkt ist die ökonomische Ungleichheit. 2016, ein Jahr nach der Wahl Corbyns zum Vorsitzenden, trat sie in die Labour-Partei ein.

Nach langem Überlegen entschied sie sich vor zwei Jahren, in ihrem Heimatquartier Chingford zu kandidieren. «Ich würde nicht für eine Labour-Partei antreten, die nur kleine Veränderungen am Status quo vornehmen will», sagt sie. «Aber unter Corbyn kann ich sehr offen über die radikalen Veränderungen sprechen, die ich mir wünsche.» Und dann hatte sie noch einen persönlichen Grund, den Kampf gegen die Tories aufzunehmen: «Meine Mutter war kurz zuvor gestorben. Die Sparmassnahmen ab 2010 hatten sie schwer getroffen. Sie war zehn Jahre lang krank und erlebte selbst, was für Folgen die Einsparungen im Gesundheitsdienst hatten. Es wurde immer schwieriger, Sozialfürsorge für sie zu organisieren oder das nötige Invalidengeld zu erhalten.»

In der Tory-Partei hatte das Sparprogramm viele enthusiastische FürsprecherInnen – darunter auch den ehemaligen Arbeitsminister Iain Duncan Smith, seit 27 Jahren Abgeordneter für Chingford und Woodford Green. Als Duncan Smith zum ersten Mal gewählt wurde, gewann er doppelt so viele Stimmen wie Labour, der Wahlkreis war ein sicheres Pflaster für ehrgeizige konservative Politiker. Noch in der Parlamentswahl 2010 sicherte sich Duncan Smith den Sitz mit einer satten Mehrheit von fast 13 000 Stimmen. Doch seither ist sein Vorsprung dramatisch geschrumpft.

Noch 2438 Stimmen Vorsprung

Der Speckgürtel von London, wo wenige grosse Industriebetriebe angesiedelt sind und der Anteil weisser BritInnen lange Zeit höher war als in den inneren Stadtteilen, wählt traditionell konservativ. Aber in den letzten zehn Jahren liessen sich Veränderungen beobachten: Immer mehr junge Berufstätige und Familien können sich die exorbitanten Immobilienpreise im Zentrum der Metropole nicht mehr leisten und ziehen hierher – und diese Leute wählen tendenziell links.

«2438 Stimmen», sagt Shaheen zu einem etwa dreissigjährigen Mann, den sie während ihrer Wahlkampftour in ein längeres Gespräch verwickelt: So gross war der Vorsprung von Duncan Smith bei der letzten Wahl. «Die Mehrheit ist dünn. Wir brauchen jede Stimme.» Der Mann, der ursprünglich aus dem Iran kommt, sagt, dass der Brexit für ihn das wichtigste Thema sei. Er handelt mit E-Zigaretten, und ein harter EU-Austritt würde seinem Exportgeschäft ernste Probleme bereiten. «Ich habe bislang stets die Tories gewählt», sagt er. «Aber die Brexit-Politik der Regierung halte ich für eine Katastrophe.»

Shaheen verweist auf die Haltung ihres Rivalen: Duncan Smith gehört zum harten Kern der EU-GegnerInnen, er spricht gern vom «Brexit-Verrat» und hält einen Austritt ohne Deal für eine akzeptable Lösung. Der Mann schüttelt missbilligend den Kopf. Dann sprechen sie über lokale Themen – Messergewalt unter Jugendlichen, Raser auf den Quartierstrassen. Shaheen kennt die Probleme: Sie ist hier aufgewachsen, ihre Primarschule liegt keine zwei Strassen entfernt; auch das ist ein Kontrast zu Duncan Smith, der in einem Nest im fernen Buckinghamshire residiert. Zum Schluss sagt der Mann: «Ich werde für dich stimmen.»

Wenn Shaheen – und die Labour-Partei landesweit – gewinnen will, werden sie und die Hunderte AktivistInnen unzählige solche Gespräche führen müssen. «Es steht viel auf dem Spiel», sagt Shaheen. «Ob es darum geht, Boris Johnson zu stoppen, oder um das Klima, die Sparpolitik oder Obdachlosigkeit: Ich sehne mich nach einem Wandel.»

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