Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

In Luft leben, Gedichte schreiben

Gewalt ohne Geborgenheit: In «Glück» entwirft Dragica Rajcic Holzner eine düstere Kleinwelt und lässt ihre Protagonistin darin nach Antworten und Auswegen suchen.

Von Alice Galizia

Das Stolpern beim Lesen ermöglicht ein zweites Hinsehen: Autorin Dragica Rajcic Holzner. Foto: Johann Holzner

Suchen muss man es, das Glück, in diesem Buch, obwohl es prominent im Titel steht. Glück: Das ist erst einmal der Name eines kleinen kroatischen Dorfes, aus dem Ana Jagoda kommt, ein armes Dorf, vom Krieg versehrt. Und eben, sehr viel Glück scheint es hier nicht zu geben. Eigentlich möchte Ana schreiben, Dichterin werden: «Ich wollte nicht Mutter werden / ich wollte fliegen / in Luft leben / Gedichte schreiben.» Doch die Enge des Dorfes erlaubt unvorhergesehene Bewegungen kaum, vor allem nicht für eine junge Frau. Aufgewachsen ist Ana mit einer Mutter, die sich stundenlang in ihrem Zimmer verschanzt, und einem Vater, der Regeln mit Schlägen durchsetzt. Ihr Zuhause eingehüllt in Schweigen, das eigentlich nur für Befehle gebrochen wird, sodass sich die Kinder wünschen, der Vater würde wenigstens trinken, so wie einmal im Jahr an Weihnachten: Er wäre dann lustig und erzählte Geschichten.

So betet Ana zu Gott, der Vater solle zum Verschwinden gebracht werden – und ist dabei immer in Angst, dass dieser es erfahren könnte, so nah scheint er beim Allmächtigen. Zwischen diesen beiden Machtfiguren steht nur noch der Pfarrer Don Lilo, der sich für Anas Gedichte interessiert, vor allem aber für ihren Körper. Auch darüber herrscht Schweigen und lässt Ana in Zweifel, ob das Geschehene möglicherweise nicht einfach normal ist. Geborgenheit findet sie in ihrem Umfeld nicht, und auch niemanden, mit dem sie reden könnte. Dass das Leben für Frauen nicht gut ist, scheint nicht nur die Mutter zu glauben. Es entsteht daraus aber nicht Rebellion, sondern bloss Rückzug.

Ein breites Schlachtfeld

Eine düstere Kleinwelt ist das, die Dragica Rajcic Holzner in «Glück», ihrem ersten Roman, entstehen lässt. Nach einigen Gedichtbänden und Theaterstücken hat sich die kroatisch-schweizerische Schriftstellerin nun an diese längere Form gewagt. Ihr vermeintlich fehlerhaftes Deutsch, wenn etwa der kleine Bruder ins Wasser «fehlt», nutzt sie für leise Verschiebungen, das Stolpern beim Lesen ermöglicht ein zweites Hinsehen. Diese kleinen Tricks sind vielleicht zu ihrem Markenzeichen geworden, auch wenn sie sie in «Glück» spärlicher anwendet als auch schon.

Die Geschichte aus dem Dorf Glück erzählt die immer noch sehr junge Ana von Chicago aus, wo sie mittlerweile im «Womenirrhaus» gelandet ist. Mit ihrem Mann Igor war sie nach Chicago ausgewandert, überstürzt hatten sie geheiratet, doch eigentlich war ihre Liebe schon verflogen. Aus der einst flüchtigen zärtlichen Liebe der beiden ist spätestens in der Fremde Unverständnis und daraus Gewalt geworden: «Es ist ein breites Schlachtfeld / welches wir uns eingerichtet haben.» Die Scham, die mit der Gewalt kommt, die Angst und die Suche nach einem Ausweg beschreibt Rajcic Holzner in kurzen, einfachen Sätzen, durchtrennt von Zeilenumbrüchen. Die Erzählerin Ana wirkt dabei jedoch nie naiv.

Anas Sprache ist wach und beobachtend; und damit schmerzhaft, weil sie die Brutalität, die Ana erlebt, so direkt ausdrückt. Geglückt ist auch der Umgang mit Schuld und TäterInnenschaft: Dass auch die Eltern und Igor versehrt sind und mit ihren eigenen Gewalterfahrungen zu kämpfen haben, wird erzählt, aber nicht als Entschuldigung ins Feld geführt. Selbstverständlich wird hier die Perspektive einer gewaltbetroffenen Frau eingenommen, ohne dass sie auf die erlebte Gewalt reduziert wird.

Schutz und Scheitern

Im «Womenirrhaus» ist Anas Geschichte eine unter vielen – «jetzt gehöre ich auch zu ihnen / aber es ist ein Versehen», denkt Ana, als sie dort ankommt. Sind es nicht eigentlich immer die anderen, denen so etwas passiert? Das Frauenhaus ist für Ana Schutz und Scheitern zugleich. Die anderen fragen sie aus, «sie ordneten so Ausmass von eigenem Leid neu an», und als später eine Neue hinzukommt, erzählt auch die ihre gleiche und doch unverwechselbare Geschichte. Eine traurige Hierarchie, die nur durch persönliche Beziehungen durchbrochen werden kann. Die Freundschaft mit Ruth jedenfalls, die nun entsteht, trägt Ana und erlaubt es ihr gleichzeitig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. «Sie hält sich an der Oberfläche / schon lange / mit den Rettungsringen des Schreibens und Trinkens», sagt Ana über Ruth; doch ist es eigentlich auch sie selbst, die im Schreiben vielleicht nicht gerade Glück findet, aber eine Möglichkeit, zu begreifen. Die sich damit ermächtigt, eine Schönheit im Leben wiederzuentdecken, die irgendwo zwischen Glück, Split und Chicago verschollen ist.

Es scheint, als falle ihr erst da wieder ein, dass es eigentlich einmal das war, was sie unbedingt machen wollte: in Luft leben, Gedichte schreiben. Trotzig fast hat sie es schon einmal gesagt, nach einem Streit mit Igor: «Es muss doch Hoffnung in mir sein / ich kenne doch die Abwesenheit und Anwesenheit / diese Gleichzeitigkeit / die Schreiben verursacht.»

Buchvernissage im Literaturhaus Zürich am Mittwoch, 27. November 2019, um 19.30 Uhr.

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