Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Von Muttersprachen und Stiefmuttersprachen

Das Fremdsein und das Schreiben in einer Fremdsprache stehen im Zentrum der verstörenden Literatur von Dragica Rajcic. Nun wurde die in der Schweiz lebende kroatische Autorin in Livorno für ihr Schaffen ausgezeichnet.

Von Johanna Lier (Text) und Tommaso Barsali (Foto)

Dragica Rajcic

Ein Schweizer Dichter hat einmal über Dragica Rajcic gesagt, hätte sie Kroatien nicht verlassen, wäre aus ihr eine berühmte, grosse Dichterin geworden. Mag sein, dass er recht hat. Es bleibt aber hinzuzufügen, dass Dragica Rajcic durch die Migration viel mehr geworden ist als gross und berühmt. Sie ist über sich – und vieles andere auch – hinausgewachsen.

1959 im kroatischen Split geboren, kam Rajcic 1978 in die Schweiz. Sie begann, in deutscher Sprache zu schreiben, publizierte Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Im Jahr 1986 erschien ihr erster Gedichtband «Halbgedichte einer Gastfrau» im St. Galler Verlag Narziss & Ego. Das Buch wurde ein grosser Erfolg und Dragica Rajcic auf Anhieb bekannt. Nachdem sie kurze Zeit wieder in Kroatien gelebt und als Journalistin gearbeitet hatte, liess sie sich 1991 in St. Gallen nieder. Sie zog ihre drei Kinder auf, studierte Soziokulturelle Animation und veröffentlichte vier weitere Gedichtbände – 2014 kam ihr erster Prosaband, «Warten auf Broch», heraus.

Im Mittelpunkt ihrer frühen Gedichten steht der Überlebensalltag einer alleinerziehenden Künstlerin, die ihre Familie als Putzfrau und Büglerin ernährt: «Erste Tramm / Kind auf dem Schoss / aussteigen / Kinderort ist voll trennen / Maschine anschalten / Flasche füllen / Mittag Tramm / kochen, staub wischen / Nachmittag / Maschine Tag / Mittag Tramm / kochen, staub wischen / Nachmittag …» Doch im Lauf der Zeit verlagert sich der Schwerpunkt von Rajcics Schreiben vermehrt auf die Auseinandersetzung mit der Sprache an sich: «Schreib kein Gedicht / Schreib kein Gedicht / Gehe / Schreib Telegramm / Kein Fuss gefasst / zu viele Stop / falsche Schritte gelernt / Stop / Schreib nicht / Zurück / Stop».

Die Wandlungsfähigkeit der Sprache

Dass Rajcic das Fremdsein und das Schreiben in einer Fremdsprache ins Zentrum ihrer Arbeit stellt, gibt ihren Gedichten einen unverwechselbaren Charakter. Sie benutzt eine Art Lingua franca. Und doch sieht sich der Leser oder die Leserin nicht mit Übersetzungen oder Teilübersetzungen konfrontiert. Rajcic wechselt nicht einfach die Wörter von einem Idiom in ein anderes, sie verändert die Struktur der Sprachen, die sie vorfindet, und baut den Sprachkörper völlig neu und macht uns auf diskrete Art darauf aufmerksam, dass durch das Hören und Lesen ungewohnter Sprech- und Schreibweisen das eigene Denken tatsächlich eine andere Richtung einschlägt. Sie nutzt die enorme Wandlungsfähigkeit der Sprache, die das Potenzial zur Veränderung in sich trägt und die Kraft hat, uns über das Konventionelle, die Normen und Gewohnheiten hinauszutragen. Rajcic lässt uns aufregenden Sound hören, überrascht mit ungewohnten Formulierungen und macht eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Gegenwart möglich.

Das Nirgendwo wird zur Gegenwart

Will man diese Poetologie jedoch ernst nehmen, muss man Dragica Rajcics Texte wiederum aus dem Kontext der «Gastarbeitersprache» und der tagesaktuellen politischen und sozialen Bezüge herausschälen und sie als das lesen, was sie sind: verstörende, irritierende und wunderschöne Literatur. In einer Zeit, in der die überhitzte Debatte über Migration die Öffentlichkeit beherrscht, Wörter wie «Inländer» und «Ausländerin» in fast jedem Zusammenhang als Attribute herhalten müssen, ist das jedoch nicht einfach, und so sieht sich Rajcic immer wieder mit der Frage konfrontiert: «Wieso schreiben sie? / nicht in muttersprache / aus der hintere Rheihe / Ein Mann mit vergraueten kopf. / (damit mutterverschont bleibt, sag nicht) // Das Publikum weiss / das vor ihnen eine sitzt / wo sich auf Umwegen daran macht / aus ihre sprache / stifmuter zu machen».

Ganz in diesem Sinn hat Franz Kafka im Jahr 1911 in seinen Tagebüchern den Begriff der kleinen Literaturen erfunden, die sich einer Mehrheitssprache bedienen, ohne sich mit ihr identisch zu fühlen. Als deutschsprachiger Jude in Prag gehörte Kafka einer doppelten Minderheit an. Daher hat sich für ihn die Frage gestellt, in welcher Sprache er schreiben soll: auf Tschechisch, Deutsch oder Jiddisch? Und die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari fragen in ihrem Essay über ebendiese kleinen Literaturen: «Wie viele Menschen leben heutzutage in einer Sprache, die nicht ihre eigene ist? Wie viele kennen die eigene Sprache gar nicht, während sie die grosse Sprache, die sie gebrauchen müssen, nur unzulänglich beherrschen? Auf welche Art und Weise eignet man sich als Minderheitensprecher eine Mehrheitssprache an?»

Das Irgendwo oder Nirgendwo wird also zur Gegenwart, die Draciga Rajcic mit aller Entschlossenheit mittels ihrer poetischen Strategie erforscht – und hinterfragt.

Und das ist auch das Politische dieser Literatur. Ist nicht unser Menschsein oft am ehesten zu ertragen, wenn wir realisieren, dass im Grunde nicht die anderen uns fremd sind, sondern wir uns selber? «Es wird geworden / geworden aus stolpern / verwerfen, umstürzen / aus leernächten und dunkeltagen / aus Orangen in Lorca Gedichten / aus Meer im Kopf / vor den Füssen hin- geworfen / vor den Händen so nah / es ist»

Dragica Rajcic ist eine der diesjährigen PreisträgerInnen des Literaturpreises Premio Ciampi L’Altrarte. Am 13. November 2015 wurde sie in Livorno im Atelier Blu Cammello geehrt. Der Preis besteht aus der Publikation einer Auswahl ihrer Gedichte im Verlagskollektiv Valigie Rosse.

www.dragicarajcic.ch

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