Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

«Novitads catastrofalas»

Von Anne-Sophie Scholl

«Ein solider erster Tag, darauf baut alles auf, das ist wie der erste Aufschlag im Tennis», sagt der Protagonist im neuen Roman von Arno Camenisch. Man kennt das mittlerweile: die schlicht, aber schön gestalteten Büchlein, den mündlichen Sound mit den dazwischengestreuten bildstarken Lebensweisheiten und fremdfarbigen Wörtern, die Charaktere, mit denen der heute 41-jährige Bündner sein Inventar einer untergehenden Welt fortschreibt und diese in den assoziativ verwobenen Geschichten ein letztes Mal aufleben lässt.

«Herr Anselm», das neue Buch, handelt von einem Abwart, der am ersten Tag des neuen Schuljahres entdeckt, dass dieses Jahr das letzte sein wird: Die Schule wird geschlossen. Feige hat der neue Gemeindepräsident, «dieser Peppone», den nur das Geld interessiert, einen Zettel aufgehängt, statt sich hinzustellen und dem Dorf den Entscheid persönlich mitzuteilen.

Von diesen «novitads catastrofalas», den katastrophalen Nachrichten, erzählt Herr Anselm seiner verstorbenen Liebsten, derweil er ihr einen Strauss gelbe Astern aufs Grab stellt, ihre Lieblingsblumen. Dabei lässt er sich von einer kostbaren Erinnerung zur nächsten davontragen: in seine eigene Schulzeit, zu den Dorfkindern, die er in seiner 33-jährigen Amtszeit hat aufwachsen sehen, zu den Glücksmomenten mit seiner Liebsten, zu der Haltung, der Würde, zu seinem Menschenbild. «Mit der Schule stirbt auch die Erinnerung», sagt er. Von jeder Klasse hatte er ein Foto aufbewahrt, zusammen mit einer Liste der Namen der Kinder. Die Schule ist das Archiv des Dorfes, sein Anker. Aber sie ist auch das Schiff, das die Mitglieder der Gemeinschaft hinausträgt in den Fluss des Lebens.

Liebevoll und philosophisch im Tonfall, hinnehmend und doch voller stolzem Widerstand lässt der Autor diese Figur in seinem siebten Roman fast ausschliesslich in einem Monolog Gestalt werden. Wo Camenisch draufsteht, ist Camenisch drin. Und doch gelingt es dem Autor, immer wieder zu überraschen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch