Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

Mit den vier Evangelien gegen Evo Morales

In Bolivien haben sich rassistische und ultrareligiöse Kräfte an die Macht geputscht. Allein der Umstand, dass das nicht klar und deutlich benannt wird, ist alarmierend. Ein Gastbeitrag.

Von Tomás Bartoletti

Seit dem 12. November ist Evo Morales in Mexiko im Exil: Der indigene Politiker, der vierzehn Jahre lang Bolivien regiert hat, ist auf «Vorschlag» des Militärs zurückgetreten – um sich, seine Familie und die Mitglieder seiner Partei MAS (Movimiento al Socialismo) zu schützen. Trotzdem wurde sein Haus zerstört, das seiner Schwester niedergebrannt.

Nur Stunden später proklamierte die Oppositionssenatorin Jeanine Áñez sich selbst zur neuen «Präsidentin» – vor einem Parlament, in dem nur wenig ParlamentarierInnen, dafür umso mehr Militärs anwesend waren. Als Áñez später vor die Presse trat, liess sie sich mit einem riesigen Buch mit dem Titel «Die vier Evangelien» in der Hand fotografieren. Die Bilder gingen um die Welt.

Applaus aus den USA

Auf dieselbe Symbolik griff auch der bürgerliche Oppositionsführer von Santa Cruz, Fernando Camacho, zurück, als er mit der bolivianischen Flagge und einer Bibel in der Hand im Regierungspalast niederkniete. Bolivien sei christlich, und die Pachamama, das Symbol der indigenen Weltanschauung, werde nie wieder in diesen Palast zurückkehren, sagte Camacho der Presse.

Draussen auf den Plätzen wurden währenddessen die bunten Wiphala-Flaggen verbrannt, die seit Evo Morales’ Amtsantritt die Idee einer «plurinationalen Demokratie» repräsentieren, in der die Indigenen als vollwertige BürgerInnen anerkannt werden; und PolizistInnen rissen sich ebenjene Flagge von ihren Uniformen. Als einen «bedeutenden Moment für die Demokratie» bezeichnete dies das Weisse Haus in Washington; die USA applaudierten der bolivianischen Armee, erklärte Präsident Donald Trump.

In ganz Bolivien finden derweil Demonstrationen für den Präsidenten im Exil statt – im Schatten der Armeeflugzeuge am Himmel. Während bei den anhaltenden Unruhen zahlreiche Menschen vom Militär getötet wurden, unterzeichnete die selbsternannte Präsidentin Áñez ein Dekret, das Polizei und Armee «von der strafrechtlichen Verantwortung befreit».

Die Ereignisse in Bolivien lösten in ganz Lateinamerika – und darüber hinaus – eine Debatte aus: Ist das, was dort geschah, ein Putsch – oder nicht? Allein dass über diese Frage gestritten wird, ist alarmierend. Wenn wir im Fall Boliviens nicht klar und deutlich auszusprechen vermögen, dass es sich tatsächlich um einen Putsch handelt, müssten wir alle Geschichtsbücher des 20. Jahrhunderts umschreiben. Es ist dringend notwendig, den Konsens aufrechtzuerhalten, der am Ende der Erfahrungen mit den lateinamerikanischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts und dem Staatsterrorismus stand: «Nunca más» – nie wieder Putsch, nie wieder Menschenrechtsverbrechen.

Im soziohistorischen Kontext Lateinamerikas ist es nicht nur bezeichnend, dass das Militär ausgerechnet einem Präsidenten den Rücktritt «vorgeschlagen» hat, der der erste bäuerlich-indigene Präsident nach mehr als 500 Jahren Kolonialherrschaft und Herrschaft der weissen Eliten war – in einem Land mit rund siebzig Prozent indigener Bevölkerung. Es ist überdies bemerkenswert, dass sich nun die AnführerInnen der Opposition genau auf die historischen Insignien der kolonialen Christianisierung des 16. und des 17. Jahrhunderts beziehen.

Morales hat zwar die Verfassung geändert, um sich eine dritte Amtszeit zu ermöglichen, und der Wahlprozess enthielt mutmasslich Unregelmässigkeiten, die seine Rechtmässigkeit infrage stellten. Doch die Opposition handelte nicht aus demokratischer Überzeugung: Es geht den weissen Eliten nicht um die Verteidigung republikanischer Institutionen – es geht ihnen um den Schutz ihrer seit der Kolonialzeit erworbenen Privilegien. Genau jene Privilegien also, die mit der Sozial- und der Umverteilungspolitik von Evo Morales (die allerdings wenig Rücksicht auf die Natur nahm) deutlich geschmälert wurden. Warum auch sollte ebenjene weisse Elite jetzt plötzlich die Demokratie verteidigen, wenn es doch dieselbe Elite ist, die mit der konservativen Kirche und dem Militär verbandelt ist und die bereits die vorhergegangenen Putsche im 20. Jahrhundert unterstützt hat?

Wirtschaftlich gesehen sind die vergangenen vierzehn Jahre unter Morales die erfolgreichsten in der Geschichte Boliviens. Das Land ist eines der sich am schnellsten entwickelnden des Kontinents. In kultureller Hinsicht wurde zum ersten Mal die Pluralität der Bevölkerung anerkannt. Und mit ihrer Sozialpolitik hat die Regierung mehr als drei Millionen BolivianerInnen aus der Armut geholt und den Analphabetismus auf ein Minimum reduziert.

Bolivien verfügt über eine der weltweit grössten Rohstoffreserven an Lithium – das Leichtmetall ist ein elementarer Bestandteil für die Herstellung von Batterien. Das internationale Interesse daran ist gross, etwa vonseiten Chinas, der USA, aber auch Deutschlands. Was in Bolivien zu beobachten ist, ist ein Kampf um den Profit aus den natürlichen Ressourcen. Wie einst zur Kolonialzeit, als die Gold- und Silberminen in der Stadt Potosí im Süden des Landes ausgebeutet wurden, soll der Reichtum wieder in die Hände der weissen Elite und ihrer Verbündeten auf globaler Ebene fliessen.

Diese kolonialistische Verankerung und ihre rassistische Matrix werden heute um eine Version des Christentums ergänzt, die sich nicht mehr auf den Vatikan bezieht. Neue evangelikale Kirchen, oft nordamerikanischen Ursprungs, breiten sich in der Region aus.

Das Bild der selbsternannten Präsidentin Áñez mit den «Vier Evangelien» in der Hand und jenes von Oppositionsführer Fernando Camacho, der im Namen Christi gegen die Pachamama hetzt, zeugen vom Vordringen radikaler sektiererischer Gruppen mit starker Wirtschaftskraft und bis in die USA reichenden Netzwerken. Der politische Einfluss dieser Evangelisation ist auch in anderen Ländern, etwa Brasilien, zu erkennen. Was nun in Bolivien geschah, ist eine Demonstration ihrer Macht.

Der Rassismus war nie weg

Die Tatsache, dass der Konsens «Nunca más» infrage gestellt wird, zeigt, dass in Lateinamerika rassistische und antidemokratische Kräfte immer wieder neu aufleben. Selbstverständlich haben Rassismus und Faschismus nie aufgehört zu existieren – sie haben lediglich andere Formen angenommen.

Wie beispielsweise in Brasilien, wo die demokratisch gewählte Regierung unter dem Rechtsextremisten Jair Bolsonaro rassistische Gewalt ausübt, OppositionsführerInnen verfolgt und die indigene Bevölkerung bedroht. Oder wie in Chile, wo die Repression seit Wochen ununterbrochen anhält, im Namen der Demokratie – und unter Verletzung aller internationalen Menschenrechtsverträge.

In Bolivien wiederum haben wir es offensichtlich mit einem zivil-militärischen Putsch zu tun, begleitet von radikal-evangelikalen Tönen. Das Erscheinungsbild dieses Putsches ist sehr klassisch. So klassisch und archaisch, dass seine ProtagonistInnen mit der Bibel in der Hand einen Indigenen aus dem Land jagen.

Der Argentinier Tomás Bartoletti ist Historiker an der ETH Zürich und assoziiertes Mitglied der Swiss School of Latin American Studies sowie des Lateinamerika-Zentrums der Universität Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch