Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Beziehungsstatus: Kompliziert

Spielplatz der Reichen und Mächtigen oder emanzipatorisches Projekt? Ein Buch beleuchtet das ambivalente Verhältnis der Linken zur Kunst. Und findet Widersprüche, aber auch viel Aufbruchstimmung.

Von Paul Buckermann

In der Kunstwelt sind unruhige Zeiten angebrochen. Zusätzlich zu den ständigen Angriffen von rechts auf das vermeintlich allzu liberale Treiben einer kosmopolitischen Szene stehen die Museen auch von links unter Beschuss. Die US-Fotografin Nan Goldin protestierte etwa in New Yorker und Pariser Museen gegen deren Verbindungen zur MäzenatInnenfamilie Sackler. Die global agierenden Sacklers stehen in der Kritik, weil sie hinter dem Pharmakonzern Purdue stehen. Purdue vertreibt das Schmerzmittel Oxycontin und gilt deshalb als mitverantwortlich für die verheerende Opioidkrise in den USA.

Die öffentlichen Protestaktionen führen zu unerwarteten Erfolgen: Zahlreiche Museen lehnen das Geld der Sacklers mittlerweile ab und benennen Ausstellungskomplexe um, die ihren Namen trugen. Um das Erdölunternehmen BP oder den in die Waffenproduktion verwickelten Warren Kanders gibt es ähnliche Kontroversen. Die deutsche Videokünstlerin Hito Steyerl forderte kürzlich einen Stopp der Waffenlieferungen in die Türkei und eine Kündigung des EU-Flüchtlingsabkommens mit Präsident Erdogan. Bis dies geschehe, verbiete sie deutschen Kunstinstitutionen, ihre Werke auszustellen.

Alles leere Gesten?

Doch sind diese Aktionen von linken Kulturschaffenden nicht vor allem leere Gesten privilegierter Kreise? Wird Politik hier nicht für die eigene Karriere instrumentalisiert und gleichzeitig das ganze Machtsystem grundlegend gestärkt? Ist das nicht alles nur verkürzte Kritik an den gröbsten Verwerfungen des Kapitalismus, wenn doch vielmehr die etablierten Kunstinstitutionen und das in ihnen verkörperte Kapital als Ganzes anzugehen wären?

Derartige kritische Reflexe, das schreibt Jens Kastner einleitend in seinem neuen Buch «Die Linke und die Kunst», seien tief im Verhältnis von Linken zur Kunst verankert. Die soziologische Forschung bestätige zwar manche negativen Einschätzungen zu einer elitären, rigoros verwertenden und auch ausgrenzenden Kunstwelt. Doch Kastner erinnert auch an die lange Tradition positiver linker Einschätzungen und Bezüge zur Kunst. Sein instruktiver Überblicksband widmet sich dem schwierigen Verhältnis systematisch und zeigt auf, wie widersprüchlich das linke Denken und Reden über Kunst manchmal sind.

Trotz des maximal weiten Titels gibt es klare Einschränkungen. Es geht in «Die Linke und die Kunst» weder um linke Kunstproduktion noch um Kunst in sozialen Bewegungen. Kastner setzt abstrakter an und diskutiert ausschliesslich linke Theorien. Einschlägige Ansätze – von Marxismus und Leninismus über Frankfurter Schule, Poststrukturalismus, feministische Theorie bis zu postkolonialer Theorie – werden systematisch über drei Fragen erschlossen: Was versteht man überhaupt unter Kunst? Welche gesellschaftliche Rolle soll die Kunst spielen? Welche emanzipatorischen Entwicklungen werden von der Kunst erwartet?

Zwischen Dogma und Naivität

Dabei führt Kastner keine rein akademische Debatte. Vielmehr zeigt sein zugänglicher und materialreicher Text ganz grundlegend, warum sich Einblicke in komplexe Theoriegebäude auch für NichttheoretikerInnen lohnen: Die Analyse wissenschaftlicher Theorien macht nicht bloss blinde Flecken in politischen Ansichten und Alltagstheorien sichtbar. Sie erlaubt auch, das eigene Weltbild zu reflektieren und in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.

Anstatt die Kunst einseitig nur als Spielplatz der Mächtigen und der Reichen zu sehen, wurde sie von der Linken immer auch als «Mittel der Aufklärung, als Behälter von Wahrheit, als Entlarvungsgeste, als Teil von Emanzipationspraxen, als Ermächtigungspraxis» und als kreatives Instrument gegen die scheinbar unveränderbare Normalität verstanden. Früh ist diese Ambivalenz schon in der Entwicklung marxistischer Theorien zu erkennen. Während Kunst im marxschen Materialismus Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse reproduziert und verdeckt, soll sie diesen ideologischen Schleier zugleich auch durchbrechen können. Kunst (und insbesondere der künstlerische Realismus) könne die objektiven Bewegungsgesetze der Gesellschaft, die Wahrheit über Kapital und Arbeit widerspiegeln – so Lenin und Lukács. Und nach Engels entlarvt Kunst die scheinbar naturgegebenen Verhältnisse als etwas Gemachtes und gegebenenfalls Falsches, wodurch sich revolutionäre Potenziale für Agitation, Propaganda und Förderung des Klassenbewusstseins auftun. Trotzdem denken manche MarxistInnen, dass zu viel Beschäftigung mit Kultur zu einer Vernachlässigung ökonomischer Analysen und zu einer Abkehr von der ArbeiterInnenklasse und ihrer proletarischen Kultur führe.

Kastner liefert zugängliche Einführungen in komplexe Theoriegebäude. Weil die Positionen klar und kritisch dargestellt werden, lassen sich auch allgemeinere Fluchtlinien und Brüche ausmachen. Können Kunstwerke überhaupt emanzipatorisches Potenzial haben? Oder anders gefragt: Warum sollte gerade die Kunst mächtigen Ideologien und Herrschaftsapparaten widerstehen, wenn sie doch direkt in den entsprechenden kapitalistischen, diskriminierenden und technologischen Strukturen entsteht?

In der linken Theoriegeschichte werden solche Fragen durchaus ambivalent und auch widersprüchlich beantwortet. Neben dem Verweis auf Verstrickungen mit symbolischer Gewalt und kapitalistischer Arbeitsteilung, denen man nicht entrinnen kann, zeigt «Die Linke und die Kunst» auch optimistischere Perspektiven auf: Kunst könne verdeckte Strukturen offenlegen oder utopische Sichtweisen eröffnen, weil nur sie sich dem stählernen Gehäuse instrumenteller Vernunft entziehe und (zweck)freie Formen bilde.

Ebendieser Freiheit der Kunst steht die Linke mit gemischten Gefühlen gegenüber. Entweder wird dogmatisch die «richtige Kunst» im Sinne der revolutionären Perspektive gefordert, oder es wird naiv behauptet, dass die Kunst bloss in Ruhe gelassen werden solle, damit sie neue Formen und Ideen schaffen könne. Dieser Spagat zwischen politischen Ansprüchen und dem Zugeständnis von Unabhängigkeit zieht sich durch alle Theorietraditionen hindurch, und Kastner legt auch immer wieder den Finger in die Wunde theoretischer Widersprüche oder Abkürzungen.

Kurzschlüsse verhindern

Kritik am Kunstbetrieb und an seinen Institutionen kommt im Buch vor allem auch im Zusammenhang mit rassismuskritischen, feministischen und postkolonialen Ansätzen zur Sprache. Eine stärkere Berücksichtigung unterrepräsentierter Gruppen in Museen und dem Markt sei zwar potenziell progressiv, doch Kastner warnt bei solch emphatischen Bezugnahmen auf Frau- oder Schwarzsein auch ausdrücklich vor einem Abrutschen in Essentialismus oder Separatismus. Gut möglich, dass diese Passagen schneller altern werden als der Rest des ansonsten ziemlich zeitlos gehaltenen Buchs.

Auch deshalb kann der Band nicht als letztes Wort zum Thema verstanden werden (und will es auch gar nicht). Aber Kastner legt einen gelungenen und zugänglichen Einstieg in ein hochaktuelles politisches und theoretisches Feld vor. Der eine oder andere Kurzschluss wird dadurch in Zukunft hoffentlich verhindert werden.

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