Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Mit morbidem Charme

Ein Bildband von Sven Creutzmann und Bert Hoffmann blickt auch hinter die malerische touristische Fassade der kubanischen Hauptstadt Havanna. Und findet dort etwa zwei Klassen von Oldtimern.

Von Toni Keppeler

Salsa und Che Guevara: Clara und Valentín in ihrem Wohnzimmer, 1992 auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Foto: Sven Creutzmann

Havanna, die Hauptstadt Kubas, wurde am 16. November dieses Jahres 500 Jahre alt. Die Stadt, gegründet von spanischen Kolonisatoren, wurde zwar nicht zur schönsten und grössten ihres Weltreichs, aber doch zur wahrscheinlich strategisch bedeutendsten: Über ihren natürlichen Hafen in einer geschützten Bucht wurden Tonnen von Silber und Gold, die indigene Zwangsarbeiter in den Hochanden aus dem Boden gekratzt hatten, nach Europa verschifft. Spanien kämpfte deshalb lange um die Insel. Kuba wurde als dessen letzte lateinamerikanische Kolonie erst 1898 unabhängig. Sechzig Jahre später war das Land nach Fidel Castros Revolution wieder ein Ort von Bedeutung, diesmal im Kalten Krieg. Havanna war die Bühne des «Máximo Líder». Und seit der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sein Reich mehr aus Not denn aus Überzeugung für den Massentourismus öffnete, hat die Stadt Millionen Fans in aller Welt. Ihr morbider Charme ist unwiderstehlich. Diesem Havanna haben Sven Creutzmann und Bert Hoffmann einen fast drei Kilo schweren Bildband zum 500. Geburtstag gewidmet.

Porentief nah

Man kann sich im deutschsprachigen Raum kein besseres Autorenteam vorstellen. Der Fotograf Creutzmann, dessen Bilder schon in «Geo», «Stern», «Spiegel» oder der «New York Times» erschienen sind, lebt und arbeitet seit über dreissig Jahren in Havanna. Er hat für diesen Band ausschliesslich Fotos gewählt, die in dieser Stadt aufgenommen wurden. Es ist ein Havanna-, kein Kubabuch. Und Bert Hoffmann, der auch schon für die WOZ geschrieben hat, ist der wohl profundeste deutschsprachige Kenner der Insel. Er leitet die Berliner Niederlassung des Hamburger German Institute of Global and Area Studies und ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Weil er seine berufliche Laufbahn als Journalist begonnen hat, kann er sein breites Wissen auch allgemein verständlich und unterhaltend ausbreiten, und das tut er in diesem Buch.

Natürlich findet man alles, was HavannanostalgikerInnen erwarten: verfallende Prachtbauten, US-Strassenkreuzer aus den fünfziger Jahren, Körperkult nicht nur am Strand und Fidel, sehr viel Fidel. Mal erhebt er im Anzug tadelnd den Zeigefinger vor Papst Johannes Paul II., mal sticht er mit seinem grünen Drillich aus einer Menschenmenge hervor. Und dann die Porträts, porentief nah. Wer weiss, dass Creutzmann nur ungern und äusserst selten ein Teleobjektiv benutzt, kann sich vorstellen, wie nahe er Fidel Castro kam. Fast schon historischen Wert hat das wohl letzte politische Porträt des Staatsmanns, aufgenommen am 8. Januar 2014, gut zwei Jahre vor seinem Tod. Castro ist – gewärmt von einem dicken schwarzen Mantel und einem grünen Schal – von seiner Krankheit gezeichnet. Das Foto ist eher zufällig entstanden. Creutzmann war bei einer Vernissage in einer Kunstgalerie, ausser ihm war kein Journalist im Raum. Castro hatte man damals seit einem Jahr nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Dann tauchte er plötzlich auf. Creutzmann näherte sich, Castro schaute direkt ins Objektiv. Für beide eine vertraute Situation: Der Fotograf hat den «Máximo Líder» schon Hunderte Male abgelichtet.

Im Plauderton erzählt

Castro, Oldtimer und Verfall sind sicher Klischees von Havanna. In Creutzmanns Fotos sind sie gebrochen. Er sieht nicht nur die Fassade, die TouristInnen präsentiert wird, er blickt dahinter. Er geht in die Wohnungen und zu den Dominospielern in die Hinterhöfe. Er zeigt zerlegte und ausgeweidete Karossen und die Tänzerinnen des Cabaret Tropicana nicht auf, sondern hinter der Bühne und wie sie beim Training Blut schwitzen. Und er zeigt das Elend der Menschen, die Havanna auf zusammengebastelten Flössen übers Meer verlassen.

Bert Hoffmanns Essays vertiefen diesen Blick hinter die touristische Kulisse. Er schreibt über die Geschichte Havannas, über Fidel und die Stadt, über Kunst und Körper und die neuen Zeiten, in denen Raúl Castro Dinge erlaubt hat, die unter seinem Bruder Fidel undenkbar waren. Er schreibt auch über Oldtimer, ein ganzes Kapitel. Er zeigt darin, dass es zwei Klassen von diesen Autos gibt: die in schreienden Farben, deren Lack und Chrom auf Hochglanz poliert sind, und die weniger schönen mit stumpfem Lack und durchgesessenen Bänken. In Ersteren lassen sich TouristInnen für teures Geld durch die Stadt chauffieren, Letztere dienen den Einheimischen als sehr viel billigere Sammeltaxis. Alte Karossen als Sinnbild der aufkommenden Zweiklassengesellschaft.

Und noch ein Schreiber kommt zu Wort: der kubanische Erfolgsautor Leonardo Padura, der in Havanna geboren wurde und immer noch dort lebt. Seine sozialkritischen Krimis mit dem Ermittler Mario Conde sind auch im deutschsprachigen Raum längst Kult. Padura blättert durch die Fotos von Creutzmann und erzählt dabei im Plauderton, was ihm dazu in den Sinn kommt. Was ihn mit den beiden Autoren verbindet: Sie alle lieben diese Stadt. Aber diese Liebe macht sie nicht blind für ihre Probleme.

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