Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Wer bestimmt die Hautfarbe deiner Emojis?

Weil sich möglichst alle repräsentiert fühlen sollen, wird der Emojikatalog ständig erweitert. Dahinter steckt ein Konsortium, das auch für obskure alte Schriftzeichen und die Neutralität technischer Standards zuständig ist.

Von Markus Unternährer

Manchmal haben es gerade diejenigen kulturellen Dinge politisch in sich, die uns irrelevant und unschuldig scheinen. Auch Emojis, die niedlichen und oftmals etwas lächerlich aussehenden Piktogramme, die viele von uns täglich verwenden, sind politisch nicht so unschuldig, wie man meinen könnte.

Die ersten Emojis tauchten 2008 auf dem japanischen iPhone auf. Seither hat sich der Katalog stetig erweitert, allein dieses Jahr kamen 230 neue hinzu. Die cartoonartigen Symbole, die sich gemäss EnthusiastInnen zu einer eigenen Sprache entwickeln könnten, haben ihren Siegeszug durch die Betriebssysteme, Nachrichtenapps und sozialen Netzwerke angetreten.

Aber wer entscheidet eigentlich, wie und mit welchen Symbolen wir uns auf unseren Telefonen und Computern ausdrücken können? Verantwortlich ist das Unicode-Konsortium, eine Nonprofitorganisation mit Sitz in Mountain View, Kalifornien – wo sich auch der Hauptsitz von Google befindet. Die Mitglieder des Konsortiums bestimmen, welche Emojis sie in den Katalog aufnehmen – und damit über das kulturelle Ausdrucksrepertoire, mit dem NutzerInnen von iOS, Android oder Social-Media-Apps kommunizieren können. Privatpersonen können zwar Vorschläge für Emojis einreichen, volles Stimmrecht haben aber nur elf Mitglieder, die einen Jahresbeitrag von 21 000 US-Dollar bezahlen. Aktuell sind das: Adobe, Apple, Facebook, Google, Huawei, IBM, Microsoft, Netflix, Oracle, SAP sowie das Ministerium für religiöse Stiftungen und religiöse Angelegenheiten des Sultanats Oman. Letzteres ist Teil des Konsortiums, weil es sich speziell für die Darstellung der arabischen Schrift und des Korans im Internet engagiert. Zum Beispiel bei der Digitalisierung des Korans: Weil nicht alle verwendeten Schriftzeichen digital verfügbar waren, musste der Text angepasst werden.

Ein Standard für alle

Die Hauptaufgabe des Unicode-Konsortiums besteht aber nicht nur darin, die Aufnahme neuer Emojis zu regeln, es muss auch einen gemeinsamen Standard für die fehlerfreie Übertragung und Darstellung von Schriftzeichen für unterschiedliche Betriebssysteme oder Apps zur Verfügung stellen: den Unicode. In den späten achtziger Jahren existierten noch unterschiedliche Standards, was die Kommunikation zwischen Computern erschwerte. Deutschsprachige NutzerInnen hatten etwa oft das Problem, dass Umlaute als kryptische Zeichen dargestellt wurden. Als wichtigster Standard vereint der Unicode die verschiedenen (nationalen) Standards in einem einzigen für alle Sprachen und Schriftsysteme der Welt. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Liste von Zeichen sowie dazugehörigen Computercodes, auf die sich Hardware- wie Softwareanbieter verständigen müssen. Von diesem Vorgang bekommt man als Userin oder User kaum etwas mit: «Wenn wir unseren Job richtig machen und alle Zeichen richtig auf den Bildschirmen erscheinen, bleiben wir unsichtbar», so Mark Davis, Mitbegründer und Präsident des Unicode-Konsortiums.

Öffentliche Aufmerksamkeit bekommt das Konsortium vor allem dadurch, dass es die Aufnahme neuer Emojis regelt. 2016 berichtete «BuzzFeed», dass dieses hohe öffentliche Interesse an Emojis zu internen Konflikten geführt habe: Die öffentlichkeitswirksame Weiterentwicklung des Emoji-Sets kollidiert für einige Mitglieder mit anderen Aufgaben der Organisation: der Codierung alter Schriften und weiterer Sprachen. Der US-Linguist und Typograf Michael Everson hat den Unicode mitentwickelt, sitzt im Konsortium und erforscht mittelalterliche Schriften. Er beklagte, dass sein Vorschlag für ein mittelalterliches Satzzeichen schon seit Jahren hängig sei, während Emojis rasch durchgewinkt würden. «Es macht mich wütend, dass eine Organisation, die sich der Standardisierung der Codierung aller Sprachen der Welt widmet, auf die Organisation reduziert wird, die ‹Emojis macht›.»

Scheisshaufen schicken

Der Schriftdesigner John Hudson, ebenfalls Mitglied im Unicode-Konsortium, beschwichtigt: Es habe schon immer Konflikte und Interessenabwägungen zwischen der Aufnahme obskurer alter Schriftzeichen und der Aufnahme lebender und sich weiterentwickelnder Sprache gegeben. Allerdings ist der Vorwurf, Emojis würden von wichtigeren Fragen ablenken, nicht von der Hand zu weisen: Everson macht darauf aufmerksam, dass es für einige Minderheiten immer noch nicht möglich sei, Computer in ihrer eigenen Sprache und Schrift zu bedienen. Der Ingenieur und Statistiker Aditya Mukerjee formuliert die Kritik etwas drastischer: «Ich kann dir einen Scheisshaufen per Textnachricht senden, aber ich kann nicht mal meinen eigenen Namen schreiben.»

Sogar vermeintlich neutrale technische Standards wie Unicode sind durchdrungen von gesellschaftlichen Normen und Machtverhältnissen. Die Erweiterung des Emoji-Katalogs in den letzten Jahren verweist darauf, dass die technische Infrastruktur der digitalen Kommunikation keineswegs neutral ist. Es überrascht also nicht, dass Emojis Gegenstand politischer Diskussionen werden, die für die starke Vergrösserung des Katalogs mitverantwortlich sind. Darin zeigen sich politische Kämpfe um die Repräsentation von ethnischer Diversität, Geschlecht und LGBTQ.

Die US-Autorin und Englischprofessorin Roxane Gay («Hunger») kritisierte 2014 die «unerträgliche Weissheit» der Emojis. Apple reagierte auf die zunehmende Kritik und beteiligte sich an der Entwicklung eines Sets von fünf Emoji-Hauttönen. Seit 2015 können Emoji-NutzerInnen zwischen diesen Hauttönen oder einem angeblich generischen Gelb wählen. Die Autorin Amy Butcher fragte Anfang 2016 in der «New York Times», wie es sein könne, dass die Berufe der Emoji-Frauen auf Shopping und Schönheit reduziert seien, während Männer in allen möglichen Tätigkeitsbereichen gezeigt würden. Michelle Obama forderte ein Emoji für «studierende Frau». Google reagierte auf diese Forderungen und setzte sich für eine bessere Repräsentation von Frauen ein: Seit 2016 sind sämtliche Berufs-Emojis in männlicher wie weiblicher Variante wie auch in den sechs verschiedenen Hauttönen verfügbar. Das heisst, für den Beruf LehrerIn stehen insgesamt zwölf Emoji-Varianten bereit.

Ein Jahr später kamen geschlechtsneutrale Emojis hinzu. Beispielsweise kann der Zombie (einheitliche Hautfarbe grün) in dreifacher Ausführung erscheinen: geschlechtsneutral, weiblich und männlich. Dieses Jahr wird der Katalog auf Apples Vorschlag hin ergänzt um Personen, Frauen und Männer mit Behinderungen (etwa eine Person im Rollstuhl). Die Organisation Emojination erwirkte zudem die Aufnahme von händehaltenden Pärchen in 71 nach Geschlecht (neutral, männlich, weiblich) und Hautfarbe unterschiedlich kombinierten Varianten.

Warum kein «Karrieremann»?

Das Beispiel der Emojis mit unterschiedlichen Hautfarben verweist darauf, dass technische Standards gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber nie neutral sind – selbst wenn sie noch so viele Auswahloptionen anbieten. Der Soziologe Eviatar Zerubavel unterscheidet Markiertes von Unmarkiertem: Das Markierte ist das Auffällige, dasjenige, was sich nicht von selbst versteht; das Unmarkierte das Selbstverständliche, das als «normal» in den Hintergrund tritt. Zum Beispiel wird eine Frau, die sich ihrer Karriere widmet, als «Karrierefrau» bezeichnet; umgekehrt klingt es absurd, von einem «Karrieremann» zu sprechen, wenn ein Mann sich so verhält. Zwischen dem Markierten und dem Unmarkierten besteht also ein asymmetrisches Verhältnis: Unmarkierte Verhaltensweisen oder Identitäten sind dominant und durch ihre scheinbar selbstevidente Normalität geschützt.

Doch solche Selbstverständlichkeiten verändern sich, was auch die Ausweitung des Emoji-Angebots zeigt. Der universalistische Anspruch des Unicode-Standards beruht aber auf der Idee der technischen Neutralität: «Universal-Emojis für Personen und Körperteile sollten nicht zu spezifische Grafiken erhalten. Die allgemeine Empfehlung ist, bezüglich Rasse, Ethnizität und Geschlecht so neutral wie möglich zu sein.» Die Emojis sollen so neutral wie möglich gestaltet sein, damit sie mit Hautfarbe und Geschlecht modifiziert werden können. Gemäss Emojipedia soll das klassische Gelb dabei klarmachen, dass diese Default-Emojis keine spezifische Ethnizität haben.

Wie eine aktuelle Studie zum Gebrauch der Hautfarbe-Emojis zeigt, setzen sie weisse und schwarze US-AmerikanerInnen aber ganz unterschiedlich ein. Weisse AmerikanerInnen sehen die Emojis als eine Möglichkeit der Individualisierung ihrer Kommunikation. Die Auswahl der Hautfarbe erscheint ihnen als eine weitere Möglichkeit, ihre Individualität auszudrücken. So sieht es das Unicode-Konsortium auch vor und beschreibt die Hautfarbe-Emojis als eine Variante menschlicher Diversität unter vielen, wie Haar- oder Augenfarbe oder das Tragen von Sonnenbrillen.

Für schwarze US-AmerikanerInnen ist die Auswahl aber um einiges schwieriger: Die Wahl eines Hautfarbe-Emojis macht ihre Hautfarbe sichtbar – in einem Kontext, in dem sie eigentlich unsichtbar bleiben könnte. Umgekehrt löscht die Wahl des gelben Defaults ihre Identität als schwarze US-AmerikanerInnen aus. Für weisse US-AmerikanerInnen ist die Wahl desselben Defaults eine Möglichkeit des «Opt-outs», das heisst eine Möglichkeit, sich nicht mit Hautfarbe, Rassismus und Ungleichheit befassen zu müssen. Schwarze US-AmerikanerInnen können nur auswählen zwischen verstärkter Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit: Hyperthematisierung oder Löschung von Identität – ein simpler Opt-out existiert nicht. Wenn die nichtmarkierte, gesellschaftlich dominante Identität eine weisse ist, ist der Default – auch wenn er gelb ist – nicht neutral, sondern eben auch weiss.

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