Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Rohr frei!

Stefan Gärtner über die Weisheiten eines Rock ’n’ Rollers

Von Stefan Gärtner

Man ist ja im Leben vieles nicht geworden, und grad dass es zum Rockstar nicht gelangt hat, nagt mitunter. Schön, via WOZ hören mich Hunderttausende, aber wie wenig ist das gegen das Publikum selbst eines Schweizer Rockstars! Sechzehn Millionen Platten soll Chris von Rohr (68), Gründungsmitglied von Krokus und Produzent von Gotthard, seit 1975 verkauft haben, und jetzt hören ihm alle zu, und wie viel kann er bewegen! «Wenn die Monarchie wie in England geführt wird, wo Queen Lizzy eine ehrwürdige Haltung zelebriert, ist das ja noch okay», zelebrierte von Rohr im «Tagblatt» ein grosses Interview vorm letzten Schweizer Krokus-Konzert. «Aber wenn sie gegen den Willen des werktätigen Arbeiters installiert ist, dann sicher nicht.» Denn dessen Wille geschehe.

Ich bin schon wesensmässig kein Rockstar, weil mir der «Rebellencharakter» («Tagblatt») fehlt: «Nein, bei Krokus herrscht keine Basisdemokratie. (…) Es braucht einen Oberhirten, der erfolgsorientiert führt, aber natürlich auch Verantwortung übernehmen muss, wenn’s nicht läuft. Als Alphatier und Motivator liegt mir diese Rolle von Natur aus im Blut.» Letzte Woche war ich zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Tour einer alten Lieblingsband, die zwanzig Jahre nicht aufgetreten war. Es war ganz prima, aber einen Oberhirten gabs da nicht, und als es damals nicht mehr lief, da sind sie auseinander. Eine verantwortungsvoll mittelständische Firmenpolitik geht anders! «Von nix kommt nix. Nachhaltiger Erfolg ist nur durch knallharte Arbeit und hartnäckiges Dranbleiben zu erreichen», jede Firmenchefin und jeder Lobbyist weiss das. «Aber das Wichtigste, und das müssen wir auch unseren Kindern vermitteln: Man darf hinfallen. Pleiten sind erlaubt, solange man wieder aufsteht, die Spur wieder aufnimmt und seinen Traum weiterverfolgt. Rückschläge und Niederlagen gehören zum Leben und sind als Chancen zu sehen», denn das Leben ist kein «ständiger Schiffbruch» (Ortega y Gasset), sondern eine grosse Chance. Sonst gäbe es ja die Chancengesellschaft nicht, und wer arm wäre, der bliebe es. Nicht auszudenken!

Doch muss man liefern, sonst ist man geliefert, und auch in dieser Hinsicht hat es mir stets am rebellischen Geist gefehlt: «Es ist wie im Fussball. Wenn du es 90 Minuten bringen willst, musst du fit sein. Die Musik ist unsere Droge, das genügt. Wir brauchen keine Droge zur Droge.» Denn Arbeit ist das halbe Leben / und die andere Hälfte auch, aber sei ein freier Unternehmer, eine freie Unternehmerin, «mach es auf deine Art. Egal was die anderen Leute sagen. Rock ’n’ Roll stellt Autoritäten und Prinzipien in Frage» – es sei denn, du bist bei Krokus und nicht das Alphatier, weil das von Rohr schon ist. «Etwas wagen und seinen Weg gehen. Eine Lebenshaltung», die der von Christoph Blocher vertretenen ähnelt, weshalb ihn CvR auch als «geschichtsbewussten und interessierten Zeitgenossen» erlebt hat.

Doch ein in der Wolle gefärbter SVP-Mann ist von Rohr nicht, denn er lehnt nicht nur den «Tugendwahn» ab, sondern auch Qualfleisch und Rassismus. Aber das klischiert Authentische des allzeit ehrlichen Rockers ist die Unverdorbenheit des kleinen Mannes, der die da oben allenfalls dann nicht hasst, wenn sie auf Bühnen stehen. Rock ’n’ Roll als rebellisches Freiheitsversprechen erlaubt den Anschluss ans nicht nur Libertäre, sondern sogar Trumpische, und also leben von Rohrs Fans «in der echten Welt, an der Basis und gehen arbeiten. Die wissen, wo der Schuh drückt. Nur weil viele sagen, dass wir ein Integrations- und zunehmendes Migrationsproblem haben und unsere Sozialwerke von den Falschen ausgetrickst werden, heisst das noch lange nicht, dass man rechtsradikal ist.»

Sollte ich als Schweizer Rockstar wiedergeboren werden, dann bitte als Stephan Eicher.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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