Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Rock hoch

Stefan Gärtner hört Alpenpop

Von Stefan Gärtner

Ich bin jetzt Mitte vierzig, und mit Popmusik komme ich nicht weiter. Ich habe zu viel Popmusik gehört, «oder die Popmusik hat zu viel Popmusik gehört» (Benjamin Schiffner). Neue Platten kaufe ich fast gar nicht mehr, und wenn, stammen sie meist von alten Weggefährten; das sind aber auch nur vier oder fünf, und #MeToo-Experte Morrissey («Die Person, die als Opfer bezeichnet wird, ist lediglich enttäuscht»), na ja. Zu meinen Cordhosen passt Miles Davis auch besser.

Da kommt mir die liebe WOZ zu Hilfe, indem sie mich mit einem Song (und dem Video) eines Herrn namens Trauffer bekannt macht. Der Song heisst «Geissepeter», ist auf diese Après-Ski-Weise eingängig und handelt davon, wie die blonde Heidi auf der Alm dem strammen Geissepeter nachstellt: Der versteht das gar nicht, weil, er stinkt ja nach Ziege; aber die Heidi «schüttlet ihri Zöpfli / und lupft ihres Röckli / Si tänzled mir adrett entgäge / und i weiss nid, was i ihre söll säge / Si macht s Chnöpfli vo dr Bluse uuf / Heidi, chume nümme druus», Refrain: «Geisse-Geissepeter, früecher oder speter / Geisse-Geissepeter, wosch du mi de scho oo / Geisse-Geissepeter, früecher oder speter / wirdeni de di scho übercho / Jolo, jolo, joloooo!» Ein Traum von einem Männertraum; und er wird geradezu noch feuchter: Heidi «leit mini Hand uf ihre Schooss / und i frage: Heidi, was isch loos?», der reine Porno (im Wortsinn). «Sit nöischtem het si en Minirock / und chunt uf d Weid cho singe / Ihres Dekolleté isch plötzlich gross» – im Video stopft Heidi sich an dieser Stelle Gras in die Körbchen – «I weiss nid, wieni das söll finge», und das ist halt genau dieses Männerproblem, dessentwegen z. B. ich mir jahrzehntelang von Popmusik das Leben retten lassen musste: Verfolgt von notgeilen Weibern, die das Wörtchen «nein» nicht verstehen! «Di meischti Ziit, da sägi nüt / Doch wenns mi zfescht duet störe / de luägeni si a und säge: / I chas nümme ghöre», Refrain!

Geil, doch. Bzw. «sexistische Kackscheisse», wie Gülsha Adilji in ihrer Fernsehsendung «Zoom Kaboom» fand. Daraufhin muss der Künstler gesagt haben, wem die Musik nicht passe, der brauche sie ja nicht zu hören. Darauf Adilji: «Es kann nicht sein, dass heute jemand mit solch sexistischen Äusserungen Erfolg hat.»

Kann es freilich unbedingt, denn derlei regelt der Markt, und der Bedarf an herrlich unkorrekten Schweinereien ist riesig, weil die Sache mit der Gleichberechtigung halt eine des Überbaus ist, sprich: verordnet wird und verordnet werden muss. Die (zumal männliche) Basis will sich aber nichts verordnen lassen, denn freies Staatsvolk pfeift auf den Verbots- und Bevormundestaat und weiss selbst am besten, was gut für es ist, und die Sache mit Mann und Frau, die läuft halt mal so herum und mal so herum, es ist die Natur, dagegen kann (und soll) Zivilisation nicht an. Unter diesem Blickwinkel ist Trauffers Song bewusstseinsindustriell vorbildlich, weil er sich die freiheitlich-libertär (und national) aufgeladene Schweizer Bergwelt mopst, um im Gewand von Radiopop noch viel massenwirksamer Anti-Gender-Propaganda zu betreiben, als es deutsche Altherrenkolumnisten vom Schlage Martenstein oder Hacke vermögen.

Dass die Heidi im Video streng tätowiert ist, ist freilich eine Pointe mit noch grösserer als bloss misogyn-biologistischer Reichweite: Wer Härte und Widerstand markiert, hält am willigsten den Arsch hin. Jolo, jolo, joloooo.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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