Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Die Fischer von Gaza

Dreizehn Jahre lang erlaubte die israelische Marine BewohnerInnen des Gazastreifens, nur innerhalb eines schmalen Streifens aufs Meer hinauszufahren. Die Blockade wurde im April gelockert, aber die Bedingungen für die Fischer bleiben schwierig.

Von Felix Wellisch (Text) und Mohamed Ibrahim (Fotos), Gaza City

«Man weiss nie, wie sich die Auseinandersetzungen entwickeln und ob das Meer vielleicht gesperrt wird»: Fischer im Hafen von Gaza City.

Wenn Ahmad al-Saidi von der Mole im Hafen von Gaza City aufs Meer schaut, kann er den Konflikt einen Moment lang vergessen. Die israelischen Patrouillenboote sind heute nicht zu sehen. Bis vor acht Monaten lagen sie manchmal nur gut fünf Kilometer vor der Küste. Dort war Schluss für die palästinensischen Fischer – was dazu führte, dass der schmale Küstenstreifen stark überfischt wurde. Im April einigten sich Israel und die Hamas auf eine Lockerung der Seeblockade.

Ahmad al-Saidi ist einer der etwa 3600 Fischer von Gaza. Der stämmige Palästinenser ist 42 und fährt seit dreissig Jahren aufs Meer. Sein Haus steht in Gehweite vom Hafen. Acht Stockwerke aus Beton und Ziegeln, das Zuhause von 72 Menschen, die alle irgendwie zur Familie Saidi gehören – und fast alle von der Fischerei leben.

«Mit zwölf werde ich Fischer»

Die Arbeit beginnt für Saidi, wenn es dunkel wird. Fast jeden Abend fährt er hinaus aufs Meer, kommt im Morgengrauen zurück. Der Fang ist mal besser, mal schlechter. Gestern war er schlechter. Jetzt hofft Saidi auf die Fahrt von heute.

Ahmad al-Saidi

Abends erwacht der Hafen von Gaza City zum Leben: Plastiktische und fahrende Kaffeeküchen. Fischer kommen zum Arbeiten, Familien, um Tee zu trinken und die Zeit totzuschlagen. Jeder zweite Palästinenser in Gaza ist arbeitslos, unter jungen Menschen sind es fast siebzig Prozent. Ein Grund mehr für Saidi, an seinem Beruf festzuhalten. Während der Blockade sei das nicht einfach gewesen, sagt er. Saidi schlängelt sich durch die Menschen. Er muss noch Treibstoff für den Motor sowie Köder besorgen. Er hat aufgehört, mit einem grossen Netz zu fischen: «Zu teuer für die wenigen Fische.» Stattdessen liegen in seinem Boot zwei lange Nylonschnüre, an denen jeweils über 500 Haken angebracht sind. Saidi sucht bei den Händlern kleine Fische, die er als Köder daran befestigen kann.

Es ist kurz vor zehn am Dienstagabend, als sein Handy klingelt. Gerade wurden zwei Raketen in Richtung Israel abgeschossen, berichtet sein Crewmitglied Atef Hajo. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu musste bei einer Wahlkampfveranstaltung eilig von der Bühne. Das israelische Abwehrsystem Iron Dome funktionierte dieses Mal: Die Raketen wurden noch in der Luft zerstört, wie die israelische Armee wenig später meldet. Normalerweise antwortet die israelische Luftwaffe auf Attacken mit Angriffen gegen Einrichtungen der Hamas oder anderer militanter Gruppen. Saidi beschliesst daher, heute an Land zu bleiben: «Man weiss nie, wie sich die Auseinandersetzungen entwickeln und ob das Meer vielleicht gesperrt wird.»

Zu Hause im Wohnzimmer gibt es Tee und Teigtaschen. Saidi zeigt Fotos. Eine Gruppe von Fischern, hinten in der Mitte ein bartloser zwanzigjähriger Ahmad al-Saidi, vorne sein Vater, ein Neffe, zwei Brüder. Das Foto ist von 1997. Saidis Sohn Anas schaut ihm mit grossen Augen über die Schulter. Der Neunjährige war schon oft mit auf dem Meer. Für ihn ist klar: «Mit zwölf werde ich Fischer.» Saidi will, dass er die Schule fertig macht und vielleicht studiert. Anas antwortet nur: «Mit Studium gibts doch auch keine Arbeit.»

«Wenn er hinausfährt, mache ich mir Sorgen, ob er wieder zurückkommt», erzählt Saidis Schwester Susanna. 1990 sei einer ihrer Brüder von einer israelischen Kugel getötet worden, er hinterliess eine zweijährige Tochter. Saidi hat sein Boot nach ihr benannt: Hanan, Zärtlichkeit. Und erst im Februar sei ein Neffe auf See von einem israelischen Wasserwerfer im Gesicht getroffen worden, seitdem könne er nichts mehr sehen.

500 gefangene Fischer

Zakaria Baker hat ein wettergegerbtes Gesicht, er trägt ein blütenweisses Hemd, die Ärmel sind hochgekrempelt. Zwanzig Jahre hat Baker als Fischer gearbeitet. 2002 begann er, eine Dokumentationsstelle aufzubauen, um Zwischenfälle zwischen Fischern und dem israelischen Militär zu dokumentieren. Auf fast vierzig Kilometer hatte man sich im Oslo-Abkommen von 1995 ursprünglich geeinigt, damals, als viele noch an einen Frieden zwischen Israelis und PalästinenserInnen glaubten. So weit hinaus hätten die Fischer allerdings nie fahren dürfen, und nach dem Wahlsieg der Hamas habe Israel das Meer schliesslich bis auf elf Kilometer abgeriegelt.

Die Preise für Treibstoff sind wegen der israelischen Blockade des Gazastreifens gestiegen, Ersatzteile oder Motoren könne man oft nicht importieren, sagt Baker. Bei Zwischenfällen mit der israelischen Marine seien seit 2006 zehn Fischer ums Leben gekommen. Über 500 seien gefangen genommen, mehr als 200 Boote konfisziert worden. Die Erweiterung der Fischereizone sei zwar eine Erleichterung. Sie bringe aber wenig, solange die Rechte der Fischer nicht garantiert seien. «Es hängt von der Stimmung und der Einstellung der Soldaten ab, wie Zwischenfälle ausgehen», sagt Baker. Beweisen kann man Übergriffe nicht, es gibt nur die Berichte von Fischern. «Da draussen gibt es keine Kameras und keine Kontrolle.»

Die israelische Armee sagt, es habe immer wieder Versuche gegeben, über das Meer Waffen und Terroristen nach Gaza zu schmuggeln – auch auf Fischerbooten. Um den Schmuggel und damit Angriffe auf Israel zu unterbinden, überwache die Marine die Fischereizone. Ein Sprecher des Militärs erklärt das Vorgehen: Wenn Fischer die Zone verliessen, würden die Soldaten sie über Lautsprecher zur Umkehr auffordern. Boote, die diesen Aufforderungen nicht nachkämen, würden mit Wasserwerfern, in ausserordentlichen Fällen mit scharfer Munition gestoppt. Sollten sie sich diesen Massnahmen widersetzen, könne die Marine sie beschlagnahmen. Wenn nötig, agierten die SoldatInnen auch innerhalb der Fischereizone. Bei den Missionen habe man wiederholt Boote voller Waffen beschlagnahmt, zuletzt eine Ladung mit Baumaterial für Raketen. Saidi sagt, er wisse nichts von Schmuggel. Was stimmt, ist schwer herauszufinden.

Schwierigkeiten mit der Hamas

In der Nacht hat die israelische Luftwaffe fünfzehn Ziele im Gazastreifen bombardiert, es gab keine Toten. Den ganzen Mittwoch gibt es keine Nachrichten über weitere Angriffe. Ahmad al-Saidi entscheidet sich hinauszufahren. Sein Boot, die «Hanan», ist eine blau-gelbe, fünf Meter lange Nussschale mit einem Aussenbordmotor. Die Crew besteht aus ihm und Atef Hajo, der wie Saidi seit dreissig Jahren fischt. Gegen 23 Uhr ist alles vorbereitet. Bei einem Hamas-Angehörigen in schwarz-weisser Tarnuniform trägt Saidi Name, Schiffsnummer und Uhrzeit ein und bekommt die Erlaubnis zum Auslaufen.

«Die Hamas unterstützt die Fischer nicht», sagt Saidi. Sie wollten nur Papiere ausstellen und Gebühren eintreiben. «Früher musste ich alle drei Jahre Steuern zahlen, heute dreimal pro Jahr. Wofür? Keine Ahnung.» Aber wenn mal ein Schiff oder ein Motor kaputtgehe, gebe es kaum Unterstützung. Wenn der Konflikt eskaliere, sperre Israel manchmal tagelang die See und die Hamas den Hafen. Drei Mal ist das seit der Ausweitung der Fischereizone im April passiert, beinahe so, als müssten sich beide Seiten erst an die neue Freiheit gewöhnen.

Wohin er heute fährt? «Richtung Deir al-Balach im Süden, dort kann man ganz hinaus, und in dieser Saison gibt es dort Sardinen.» Die Fischereizone am Gazastreifen erweitert sich schrittweise. Im Norden, nahe der israelischen Grenze, gilt: maximal fünfeinhalb Kilometer. Nach Süden wird die Fangzone schrittweise grösser, fast bis dreissig Kilometer in der südlichen Hälfte von Gaza. JournalistInnen dürfen diesmal nicht mit hinausfahren, dafür gibt es heute keine Erlaubnis. Kurz nachdem Saidi und Hajo den Hafen verlassen haben, schwenkt die «Hanan» nach Süden und verschwindet mit knatterndem Motor in die Dunkelheit.

Keine technischen Hilfsgeräte

Ganz draussen, so erzählt es Saidi später, sei Gaza so weit weg, dass man nur noch die Spitzen der höchsten Häuser sehe. Weit genug, um sich frei zu fühlen, sagt Saidi. Eine kleine Stablampe klebt an einem Metallrohr und bietet den beiden gerade genug Licht zum Arbeiten. Technische Geräte dürfen sie keine verwenden. Kein GPS. Keine Unterwassersensoren, um Fischschwärme aufzuspüren. Die Grenze der Fischereizone hat die israelische Marine mit Bojen markiert. Wer sich weiter hinaus wagt, riskiert, abgedrängt, beschossen oder verhaftet zu werden. Trotzdem kämen Fischer manchmal in Versuchung, wenn sie partout nichts fangen würden, sagt Saidi. Er versucht, stets einen Kilometer Abstand zur Markierung zu halten.

2016 wurde er selbst von Soldaten verhaftet und in einen israelischen Hafen geschleppt. Zusammen mit Hajo brachte man ihn zurück nach Gaza, sein Boot wurde konfisziert, er hat es erst im Juli zurückbekommen – ohne Motor und ohne Netze. «Dabei haben wir die Zone nicht verlassen», sagt Saidi.

Hajo und Saidi legen die Angelschnur aus, Haken für Haken gleitet der Nylonfaden ins Wasser und sinkt auf den Grund. Dann heisst es warten. Seit der Öffnung würden sie mehr fangen als zuvor, doch lange nicht so viel wie vor 2006, als man von der Fischerei noch gut leben konnte. Wenn er mit leeren Händen zurückkomme, müsse er das Geld für Sprit, Köder und Hajos Lohn anders ausgleichen. Manchmal müsse er sich Geld bei Verwandten leihen. In Gaza garantiert die Solidarität der Grossfamilie das Überleben, wenn es knapp wird.

Nach zwei Stunden holen sie die Leine ein: sechs Kilogramm. Nicht schlecht für einen Fang. Doch für einen zweiten gab es heute nicht genügend Köder. Schon gegen halb vier Uhr morgens laufen sie wieder in den kleinen Hafen von Gaza City ein. Saidi fühlt sich seit der Ausweitung der Fischereizone ein wenig freier und kann etwas mehr fangen. Vor allem mache es für ihn einen Unterschied im Kopf. Wann immer er Probleme mit israelischen Schiffen bekomme: Jetzt habe er das Recht, dort draussen zu sein. Wirklich lösen liessen sich die Probleme aber nur, wenn die Besetzung aufhöre. «Selbst wenn ich dreimal so viel fange, die meisten Leute haben keine Arbeit und kein Geld, um sich frischen Fisch leisten zu können», sagt Saidi. Er hofft, dass die Ausweitung ein Schritt auf dem Weg zu einer dauerhaften Lösung ist.

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