Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Fürs Bier statt für den Ruhm

Seit fünfzehn Jahren spielt das Aad Hollander Trio from Hell jeden Sonntag im Zürcher Helsinkiklub, doch Ende Jahr ist Schluss damit. Die Bandmitglieder verraten ihr Erfolgsrezept – aber auch, was nicht geklappt hat.

Von Beat Camenzind (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Die Antipopper verabschieden sich: Heinz Rohrer, Aad Hollander und Bice Aeberli (von links).

«Guten Abend allerseits», der Rest geht im Genuschel unter. Zum 720. Mal beginnt Gitarrist Heinz Rohrer mit einer trockenen Ansage das Sonntagabendkonzert im Zürcher Helsinkiklub. Drummer Aad Hollander zählt ein und legt mit Bassistin Bice Aeberli das Fundament für Rohrers Ausflüge in die Musikgeschichte: Kein Stück des Aad Hollander Trio from Hell ist aus der Zeit nach 1968. Blues, Country, Rockabilly, Polka, Boogie, Surf: Das ist der Mix, der seit fünfzehn Jahren jeden Sonntag rund hundert Menschen zum Tanzen bringt und gut gelaunt in den Montag entlässt.

Die Antipopper

Schreibt hier ein Fan? Schlimmer noch: ein Mitarbeiter des Klubs. Ja, aus Stammgästen werden manchmal MitarbeiterInnen. Und gerade an diesen Sonntagabenden zerfliessen die Grenzen zwischen Crew, Bühne und Publikum. Ist das Barpersonal einem übergrossen Durst der Gäste ausgeliefert, helfen ehemalige MitarbeiterInnen aus. Will sich ein Gast auf der Bühne produzieren, meldet er sich beim Trio. «Das bietet sich ja an, bei einer Band ohne Sänger», sagt Aad Hollander im Gespräch dazu. Je nach Wunsch und Gast legt die neue Formation gleich los. Oder die Band übt das Stück erst ein, und der Gast singt dann eine Woche später mit.

«Die Grenze bei 1968 sorgt dafür, dass wir keine AC/DC- oder Madonna-Songs spielen müssen», sagt Heinz Rohrer und grinst. Antipop nennt er das. Und Rohrer liebt es zu improvisieren. So war jeder Abend einzigartig, Routine kam nicht auf. «Unsere Stücke haben nur einen fixen Anfang und ein fixes Ende, der Rest ist offen. Heinz bestimmt, wohin die Reise geht», sagt Aad Hollander. Logisch, dass dieses Konzept SängerInnen anzieht wie Honig die Bären. «In den ganzen Jahren haben wir rund hundert Songs für Gastsänger eingeübt», erklärt Rohrer. So standen etwa Sophie Hunger, Phil Hayes oder Luke Langenegger von den Aeronauten auf der Bühne.

Das Konzept stammt aus den USA. Dort gibt es unzählige Musikbars, die eine Hausband beschäftigen. Das Trio from Hell hat das an die örtlichen Gegebenheiten und an den eigenen Gusto angepasst. «Leider gibt es hier nur wenige Sänger, die spontan auf eine Bühne steigen», sagt Bice Aeberli. «Also wiesen wir auf unserer Website auf diese Möglichkeit hin.» Trotzdem hat sich keine Konstanz etabliert. Die Schweiz ist nicht die USA.

Anderes hat besser funktioniert: Die Band hat sich ein treues Stammpublikum erarbeitet, der Anlass ist zu einer Institution gewachsen. Für Bice Aeberli ist klar, warum: «Wir verlangen nicht die volle Aufmerksamkeit, wir unterhalten. Wir spielen nicht für den Ruhm, sondern für das Ambiente: Deshalb sitzen wir, wir spielen ruhiger, wenn die Leute schwatzen, und machen dreimal Pause.» Rohrer ergänzt: «Kein Schwein geht hundertmal dieselbe Band hören. Aber hundertmal in dieselbe Bar, das kommt vor.» MusikerInnen, die irgendwo ein festes Engagement suchen, rät Rohrer: «Manche Bands verkaufen Bier, andere sich selbst. Bei Ersteren ist die Chance höher, dass der Wirt sie mehrmals verpflichtet.»

Das Kribbeln in den Fingern

Der Wirt ist in diesem Fall Impresario Tom Rist. Vor der Jahrtausendwende engagierte er das Trio from Hell einmal pro Woche im Zürcher Theater Winkelwiese. Die Band hatte sich gerade frisch formiert, um an der Hochzeit von Rohrers Schwester zu spielen. Rist blieb der Combo auch nach der Eröffnung seines Helsinkiklubs an der Geroldstrasse treu. Damals spielte noch Rienk Jiskoot am Bass. Er sorgte mit Rohrer als DJ auch für passende Musik in der Pause. Auch das gehört zum Ambiente.

Hat es nie Tage gegeben, an denen das Trio from Hell lieber zu Hause geblieben wäre, zumal der Club nicht jedes Mal rappelvoll ist? Verständnisloses Kopfschütteln. «Sobald ich aus dem Haus bin, freue ich mich», sagt Bice Aeberli. Den einzigen längeren Unterbruch des Engagements gab es nach dem Tod von Bassist Rienk Jiskoot. Sein letzter Auftritt war am Ostersonntag 2012, sein Onkologe war vor Ort. Jiskoots Wunsch war es, dass die Band mit Bice Aeberli eine Woche später weitermacht. «Das konnten wir nicht, wir brauchten erst mal eine Pause», sagt Hollander. Nach einem halben Jahr kribbelte es ihn in den Fingern.

Trotzdem ist nun endgültig Schluss. «Wir haben die Änderungskündigung nicht akzeptiert», erklären die drei unisono. Mehr wollen sie dazu nicht sagen. Wie es weitergeht, wissen sie noch nicht. Hollander: «Den Anlass eins zu eins zu ersetzen, geht eh nicht.» Erst wollen die drei im «Helsinki» sauber abschliessen und in Ruhe weiterschauen, vielleicht ergibt sich etwas. Man darf gespannt sein, in welchem Etablissement Aad Hollander in Zukunft Gläser, Bartresen und Heizungsrohre als Schlagzeug benutzt.

Letzte Shows am 15. und 22. Dezember 2019 im Helsinkiklub in Zürich, jeweils ab 21.03 Uhr.

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