Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Lorelei bringt ihn aus der Balance

Fünf Jahre nach ihrem preisgekrönten Roman «Das Ungeheuer» schliesst Terézia Mora ihre Romantrilogie über den früheren Informatiker Darius Kopp ab. Der Mann ohne Gewissheiten wird darin von einer Ausreisserin heimgesucht.

Von Hans Ulrich Probst

Schreibt radikal und handfest über die Besitzlosen: Terézia Mora. Foto: Antje Berghäuser

«Ich kann nicht anders, als glücklich zu sein.» Darius Kopp steht in der Mitte eines Gartens, zwischen Blumenbeet und Olivenbäumen, und schaut hinauf zum Vulkan: «Die Wolken hatten sich zu einer Halskrause zurückgezogen, der Kegel stand klar. Ein langes weisses Rauchhaar hatte sich gelöst und schwebte hinaus Richtung Meer. Der Blick auf den Vulkan am frühen Morgen und zu jeder anderen Tageszeit: das ist unverderbbar.»

Diese Sätze eröffnen «Auf dem Seil» – und da ist sie wieder, diese grandiose, unverwechselbare Sprachkraft von Terézia Mora, einer der stärksten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und da ist auch Darius Kopp wieder, der diese Sätze spricht. Der durchaus unheroische Protagonist ist bereits in zwei Büchern von Mora erschienen: In «Der einzige Mann auf dem Kontinent» (2009) verliert der Computernerd und Netzwerkspezialist seine Stelle und fast alle Gewissheiten, im formal kühnen Roman «Das Ungeheuer» (2013), ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, fährt er mit der Asche seiner Frau Flora fast ziellos durch Osteuropa, ohne Trost zu finden. Flora hat an Depressionen gelitten und den Freitod gewählt, und parallel zur Reise ihres Witwers lesen wir im jeweils unteren Teil der Buchseiten in ihrem Tagebuch – faszinierend und verstörend.

Bis der Zufall eingreift

Drei Jahre sind inzwischen vergangen, Darius Kopp hat Floras Asche in einem Krater des Ätna verstreut und lebt als Pizzabäcker und Chauffeur für TouristInnen am Fuss des Vulkans. Sein bisheriges Leben hat er hinter sich gelassen. Und bezeichnet sich in seiner provisorischen sizilianischen Existenz als «glücklich». Bis der Zufall eingreift, ohne den auch eine gewiefte Romanautorin nicht auskommt: Bei einer der Ätnatouren trifft Kopp unter den Reisenden auf seine viel jüngere Schwester Marlene, der er nichts von seinem Los preisgibt. Doch ein Jahr später taucht Marlenes siebzehnjährige Tochter Lorelei in Sizilien auf: Sie ist von zu Hause ausgerissen – und schwanger.

Dieser Besuch bringt die prekäre Balance des noch immer unentschlossenen und trauernden Kopp aus dem Gleichgewicht. Doch kann er nicht anders, als sich um die notorisch zugeknöpfte Nichte zu kümmern. Über den Kindsvater verrät sie nichts, und bis zur Niederkunft wird sie durchgehend von Brechreiz geplagt. Für das ungleiche Paar beginnt eine Reise ins Ungewisse, von einer provisorischen Bleibe zur nächsten. Zuerst in Sizilien, dann in Berlin, wo bald auch der aus dem Maghreb stammende Kollege aus der sizilianischen Pizzeria eintrifft, der sich in Lorelei verliebt hat.

In Berlin beginnt Kopp die Verluste aus seinem früheren Leben zu inventarisieren: Wohnung, Möbel, Konten, Papiere scheinen verloren – «ohne alles, ohne Besitz quasi» steht er da, und all das muss er regeln: «Nicht für etwas Grosses und Glamouröses, sondern nur dafür, am Leben zu bleiben.» Mora selber hat in einem Interview erklärt: «Ich schreibe darüber, was mir Schwierigkeiten bereitet in meinem Leben, und das sind für mich all die Dinge, die du brauchst, um wie ein normales tüchtiges Mitglied einer Gesellschaft auszusehen.»

Mit der Wahrheit anfangen

Grossartig, wie unaufgeregt genau, wie radikal und handfest Mora von den Rändern der Gesellschaft, von Arbeitslosen, Besitz- und Obdachlosen zu schreiben versteht. Unerbittlich direkt im Ton und mit ansatzlosen Wechseln zwischen erster und dritter Person erzeugt sie einen Sog, der uns ihre Figuren ganz nahe bringt und zugleich eine reflexive Distanz erlaubt. «Beginne mit der Wahrheit. Sage es einfach. Lege kein Pathos hinein», schreibt Mora gegen Ende des Buches. Die drei Sätze sind ein Zitat aus ihrer ersten, vor zwanzig Jahren publizierten Erzählung «Seltsame Materie» – und sie können auch für ihre literarische Herangehensweise stehen.

Zuletzt bringt Lorelei zwar ein gesundes Mädchen zur Welt, doch ihre Eltern schalten Kopp als Betreuer seiner Nichte aus. «Ich will wissen, ich muss jetzt endlich wissen, was mir noch gehört», sagt Kopp, «ICH, GOTT UND ARBEIT? Das Mittlere verstehe ich nicht, noch nie, das Erste ist auch schwierig, von Letzterem habe ich ein wenig Ahnung.» Dann wisse er ja, was er zu tun habe, sagt sein früherer Arbeitskollege Rolf, der an Multipler Sklerose leidet. Mit ihm wird Kopp vielleicht ein Start-up gründen: «Wir sind fünfzig, sagte Rolf. Aus uns kann noch alles werden. Da lachten wir.»

In der Schwebe

Natürlich weiss der mitunter weiterhin von Fressattacken, von Ekel, Schmerz und Wut geschüttelte, im Ganzen indes geläuterte Darius Kopp, dass nicht mehr alles aus ihm werden kann – und doch endet Terézia Moras Entwicklungsroman-Trilogie in versöhnlich-heiterer Schwebe, jedenfalls vorerst. Denn nach dieser erzählten Studie über das Überleben im Prekariat und über Empathie als Schlüsselbegriff des Humanen möchte man gerne Weiteres vom skurril-sympathischen Mann mit zunehmend mehr Eigenschaften lesen.

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