Nr. 03/2020 vom 16.01.2020

Was ist guter Sex für Sie?

Jessica Sigerist hat lange gebraucht, bis sie sich selbst als bisexuell bezeichnete. Über Sex zu reden, hat sie jedoch schon früh gelernt.

Von Nora Strassmann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Jessica Sigerist: «Mir macht es dann Spass, wenn ich mich von Idealbildern verabschiede – zum Beispiel, dass ein Orgasmus sein muss oder ein Penis unbedingt irgendwo rein soll.»

WOZ: Frau Sigerist, Sex ist ein omnipräsentes Thema. Finden Sie, wir reden genug darüber?
Jessica Sigerist: Nein, ich finde, es wird zu selten richtig darüber geredet. Man hat die Vorstellung, dass der Sex schon irgendwie funktioniert, wenn man in einer Partnerschaft ist und sich wirklich liebt.

Stimmt das denn nicht?
Nein, natürlich nicht. Menschen kommen dumm auf die Welt und müssen alles lernen. In der Schule erhält man einen Aufklärungsunterricht, der sich um Negatives dreht: wie man Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten verhütet. Um Themen wie Lust, Einverständnis oder gleichgeschlechtlichen Sex geht es nicht. Zumindest war das bei mir so.

Ist es Ihnen schon immer leichtgefallen, über Sex zu reden?
Bestimmt einfacher als anderen. Was das Thema anbelangt, bin ich in einer sehr offenen Familie aufgewachsen.

Sie haben mit den Eltern über Sex gesprochen?
Eine meiner liebsten Episoden geht so: Als Vierjährige war ich mit meiner Mutter unterwegs und wollte unbedingt ein Geschwister. Ich fragte sie im vollen Tram: «Du, Mami, wann liegt der Papi wieder mal auf dich drauf und steckt sein Pfiifeli in dich rein, damit sein Samen in dein Ei reingeht und ein Baby wächst?»

Das wussten Sie alles schon mit vier?
Ja, dafür bin ich meinen Eltern dankbar. Selbst kann ich mich nicht mehr erinnern, aber meine Mutter erzählt diese Geschichte gerne.

Was ist Ihre sexuelle Orientierung?
Ich bin bisexuell. Es hat allerdings sehr lange gedauert, bis ich das anerkannt habe. Zuerst ging ich davon aus, heterosexuell zu sein, weil das die Norm ist. Als Jugendliche habe ich Jungen und Mädchen geküsst und fand beides gut. Aber Bisexualität war damals keine realistische Option für mich. Ich dachte: Ich finde Buben auch lässig, drum kann ich nicht lesbisch sein. Interessanterweise machte ich den Umkehrschluss – ich finde Mädchen gut, also kann ich nicht hetero sein – nicht.

Das heisst, Sie haben Sexualität mit Frauen bloss als Experiment oder Phase verstanden?
Ja, genau. Das hängt mit gesellschaftlichen Vorstellungen zusammen, denn oft wird Sexualität zwischen zwei Frauen nicht wirklich ernst genommen.

Wann kam bei Ihnen der Moment, in dem Sie sagten: «Ich steh auch auf Frauen»?
Das war kein Moment, sondern eine Entwicklung. Durch Gespräche mit nahen Menschen habe ich es irgendwann erkannt. In meinem Leben gab es Phasen, da habe ich mich mehr für Frauen interessiert als für Männer und umgekehrt. Auch Leute mit nichtbinären oder wechselnden Geschlechtsidentitäten finde ich attraktiv. Oder trans Menschen. Oft merkt man gar nicht, ob jemand trans oder cis ist, wenn man wen anschaut – es ist auch egal.

In welcher Phase sind Sie jetzt gerade?
Jetzt habe ich gerade eine Phase, in der ich sehr viel arbeite und wenig Sex habe (lacht).

Wie oft haben Sie üblicherweise Sex?
Es kommt auf Lust und Lebensphase an. Mehr Sex ist nicht automatisch besser. Es ist auch nicht das Qualitätsmerkmal einer glücklichen Beziehung. Ein ausgefülltes Sexleben kann auch wenig oder sogar gar keinen Sex bedeuten, zum Beispiel für asexuelle Menschen.

Also haben Sie wenig Sex?
Nein, ich würde sagen, schon öfter als der Durchschnitt. Aber wie gesagt: Zahlen sagen weniger aus als das subjektive Wohlbefinden.

Was ist guter Sex für Sie?
Mir macht es dann Spass, wenn ich mich von Idealbildern verabschiede – etwa dass ein Orgasmus sein muss oder ein Penis unbedingt irgendwo reinsoll. Dann öffnet sich ein grosses, spielerisches Feld. So kann es super sein, wenn eine Person der anderen lange Oralsex gibt, ohne danach «was zurückzubekommen». Gute Kommunikation ist zentral. Man sollte nichts tolerieren, was einem unangenehm ist, und gleichzeitig neugierig und mutig sein.

Mit wem haben Sie Sex?
Mit meinem Hauptpartner und anderen Menschen. Er und ich sind ein Paar, seit wir siebzehn sind. Schon früh haben wir darüber geredet, dass wir uns nicht vorstellen können, immer nur miteinander Sex zu haben. Seither hatten wir unterschiedliche Phasen: von Polyamorie – also verschiedenen, gleichzeitigen Liebesbeziehungen – über One-Night-Stands bis zu Sex mit anderen Paaren. Für mich ist Polyamorie nicht die Lösung für alles, und Monogamie finde ich nicht per se blöd. Mich stört, dass sexuelle Exklusivität in einer Liebesbeziehung als das einzig Wahre gilt. Andere Beziehungsformen sind tabuisiert. Die sogenannte Ménage à trois beispielsweise ist in Filmen immer ein Riesendrama.

Gab es aber auch schwierige Situationen? Zum Beispiel, wenn sich jemand verliebt?
Es war sicher nicht nur einfach. Jede Beziehungsform bringt Herausforderungen. Aber für mich wäre Monogamie wohl schwieriger.

Jessica Sigerist (33) ist Besitzerin des Sexshops untamed.love. Sie bezeichnet sich lieber als bi- statt als pansexuell, weil das auch ihre Grossmutter versteht. Pansexuell ist, wer geschlechtsunabhängig begehrt.

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