Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Mehr pinke Monstertrucks!

Wie eine lustvolle Gesellschaft ohne Geschlecht aussehen könnte – und warum es statt Pseudodebatten über «Genderklos» mehr und besseren Sex für alle geben könnte.

Von Noëmi LandoltMail an Autor:in

Illustration: Nando von Arb

Noch bevor wir geboren werden, wird uns die Kategorie Geschlecht übergestülpt. So beschreiben Schwangere, die ein Kind mit Penis erwarten, die Tritte des Ungeborenen oft als heftiger und intensiver als jene, die davon ausgehen, ein Kind mit Vulva in sich zu tragen. Aus den USA kommt der Trend, das Geschlecht des Ungeborenen an «Gender Reveal Partys» zu enthüllen: Pinke Ballone steigen in den Himmel, eine hellblaue Rauchbombe nebelt die Gäste ein (und setzt auch mal ein Auto in Brand). Das Kinderzimmer wird entsprechend eingerichtet, schon die winzigen Bodys und Söckchen der allerjüngsten Menschlein sind gegendert. Studien besagen, dass Eltern mit ihren Söhnen von Geburt an weniger sprechen und schmusen. Dafür wird ihnen im Krabbelalter ein viel grösserer Bewegungsradius zugestanden als den Töchtern. Und auch wenn heute Mädchen immer öfter auch mal wild, laut und ungezogen sein dürfen, ist das Gegenteil (etwa sensibel und verträumt zu sein) für Jungs noch immer selten.

Eine Gesellschaft ohne Geschlecht ist heute fast unvorstellbar, so sehr sind unser Alltag, unser Zusammenleben, unsere Identität, unser Alles davon geprägt. Wenn wir Personen kennenlernen, nehmen wir diese nicht einfach nur als Menschen wahr, sondern versuchen automatisch, sie einer der beiden Kategorien zuzuordnen: Mann oder Frau. Daran gekoppelt sind Erwartungen an ihr Verhalten, Auftreten, Aussehen, die Art, wie sie kommunizieren. Wenn eine trans oder nonbinäre Person nicht eindeutig einer der beiden Kategorien zugeordnet werden kann, stösst sie oft auf Irritation, die gar in Gewalt umschlagen kann.

«Eine gesellschaftliche Entscheidung»

Doch so willkürlich wie die Farbzuteilung Rosa und Hellblau ist auch die Unterteilung der Menschheit in Männer und Frauen. Sie basiert auf biologischen Ausprägungen: Hormonen, Genen, Anatomie … oder auch der «Fähigkeit», schwanger werden zu können. Nur können längst nicht alle Frauen schwanger werden. Und längst nicht alle Menschen mit einer Gebärmutter sind auch Frauen. Wenn man bedenkt, dass es ihnen nur in einem relativ kurzen Lebensabschnitt überhaupt möglich ist, schwanger zu werden: Warum wird genau dies als Marker für die Geschlechtsidentität genutzt? Ganz abgesehen davon, dass Fortpflanzung heutzutage immer öfter auch ohne Sex stattfindet.

Selbst das Olympische Komitee ringt seit Jahren damit, verbindliche Richtlinien aufzustellen, um Athlet:innen in Männer und Frauen einzuteilen. So schreiben Lann Hornscheidt und Lio Oppenländer in ihrem Buch «Exit Gender»: «Untersuchungen aus dem Hochleistungssport zeigen, dass es kein eindeutiges, objektives, auf alle Menschen anwendbares Mass dafür gibt, was männlich und was weiblich ist. Wo genau die Grenze gesetzt wird zwischen Frau und Mann, ist eine gesellschaftliche Entscheidung – mit grossen, gewaltvollen Konsequenzen.» Diese Einteilung ist zudem keineswegs ein universelles Prinzip. So etwa war Geschlecht bei den Oyo-Yoruba in Westnigeria lange keine sozial relevante Kategorie, wie die Soziologin Oyeronke Oyewumi darlegt; der Status innerhalb der Gesellschaft bemass sich vielmehr am Alter. Geschlecht als soziales Konstrukt wurde erst von den Kolonialherren eingeführt.

Warum also weisen wir Menschen überhaupt ein Geschlecht zu und teilen unsere Gesellschaft in zwei Gruppen aufgrund von biologischen Merkmalen? Warum werden Kinder, deren Genitalien nicht eindeutig zugeordnet werden können, operiert, also gewaltvoll in die eine oder andere Kategorie gezwungen? Welche Relevanz hat der Geschlechtseintrag im Pass?

Wagen wir das Experiment und stellen uns eine Gesellschaft ohne Geschlecht vor. Wie könnte diese aussehen? Wenn wir Geschlecht als organisatorisches Prinzip unseres Zusammenlebens abschaffen, bedeutet das nicht, dass Männer zu Frauen werden oder umgekehrt. Vielmehr, so die US-Soziologin Judith Lorber, hätten die besten – und die schlimmsten – Eigenschaften der Menschen nichts mehr mit dem Geschlecht zu tun.

Doch fangen wir ganz simpel an: Es gäbe kein Mädchen- und Jungsspielzeug mehr, aber immer noch Puppen in rosa Rüschenkleidchen und schlammfarbene Monstertrucks. Aber dann würden vielleicht pinke Monstertrucks mit Glitzersteinen den Markt aufrollen. Es gäbe keine Abteilungen für Herren- und Damenmode mehr, aber immer noch Cargohosen, Krawatten und Cocktaildresses, Boxershorts und Négligés. An der Olympiade würden im Hundertmetersprint nicht mehr getrennte Wettbewerbe für Männer und Frauen durchgeführt, sondern – wie Hornscheidt und Oppenländer vorschlagen – Athlet:innen mit einem Testosteronwert von über zehn würden in einer Gruppe laufen, solche mit einem unter zehn in der anderen. Oder sie würden eingeteilt nach Muskelmasse, Beinlänge oder – wie bei den Yoruba – nach Alter. Es gäbe auch keine Männer- und Frauentoiletten mehr, sondern solche für Menschen, die im Stehen pinkeln, und für solche, die es im Sitzen tun.

Und jetzt stellen wir uns vor, dass es keine sogenannten Frauen- und Männerberufe mehr gäbe. Noch heute sind es mehrheitlich Frauen, die nach der Geburt eines Kindes beruflich zurückstecken, selbst in den skandinavischen Staaten, die eine Elternzeit gewähren, von der wir in der Schweiz nur träumen können. Grund dafür ist auch der Gender Pay Gap. In einer geschlechterlosen Gesellschaft gäbe es diesen nicht mehr. Dafür wäre es einfacher, die unbezahlte Care-Arbeit gerechter aufzuteilen. Und wenn dabei alle Menschen gleichermassen eingebunden wären, müsste auch der Arbeitsmarkt neu gestaltet werden. Denn Kinder aufziehen, einen Haushalt schmeissen, kranke Angehörige pflegen – das alles lässt sich nicht bewältigen neben einem Job, in dem man vierzig Stunden pro Woche malocht. Es bliebe nichts anderes übrig, als endlich die Arbeitszeit für alle zu verkürzen – bei gleichbleibendem Lohn natürlich.

Die gerechtere Aufteilung von Care-Arbeit würde auch Vorstellungen von Mutterschaft – oder besser: Elternschaft und Familie – verändern. Es gäbe immer noch Menschen, die gebären, und solche, die dies nicht tun oder können. Nur hätte das in einer geschlechterlosen Gesellschaft keinen Einfluss auf ihren Status. Wie sagte es eine Aktivistin der Gruppe Amak in ihrer Rede am letzten feministischen Streik in Zürich: «Es können zwar nur die Hälfte der Menschen Kinder gebären, aber alle Menschen können Mütter sein!» Das Idealbild der bürgerlichen Kernfamilie wäre obsolet.

Weniger Gewalt, mehr Freiheit

Die Vision einer geschlechterlosen Gesellschaft ist eng verbunden mit dem Neudenken von Familienstrukturen, die zunehmend auch jenseits von genetischer Verwandtschaft geknüpft würden. Kinder würden nicht mehr in dysfunktionalen, nuklearen Kleinfamilien aufwachsen, deren Eltern zwischen Büro, Kita, Supermarkt und Spielplatz hin- und herhetzen. Das Umsorgen und Aufziehen von Kindern wäre kein privates, individualistisches, sondern ein kollektives Projekt. Kinder würden dabei auch nicht mehr aufgrund ihrer Genitalien dazu erzogen, immer stark zu sein und keine Gefühle zu zeigen oder eben zurückhaltend und lieb. Alle Kinder würden gleichermassen ermutigt, für sich selbst einzustehen, sich aber auch um andere zu kümmern und empathisch zu sein. Was wiederum die Beziehungen zwischen Erwachsenen fundamental verändern würde: Heute werden 80 Prozent der Gewaltstraftaten in der Schweiz von Männern begangen (mit 55 Prozent ist auch die Zahl der männlichen Gewaltopfer leicht höher). Eine Gesellschaft, in der (Zurück-)Schlagen nicht mehr damit verbunden ist, «seinen Mann zu stehen», wäre auch eine Gesellschaft mit weniger – nicht zuletzt auch häuslicher oder sexualisierter – Gewalt.

Und ja, ich wage zu behaupten: In einer Gesellschaft ohne Geschlecht hätten wir viel besseren (und damit auch viel öfter) Sex. Denn auch die Sexualität würde sich grundlegend verändern. Wenn eine Person, die schwanger ist, nicht automatisch die Hauptverantwortung für das geborene Kind trägt, und die einen nicht mehr glauben, ihre sexuelle Potenz ständig unter Beweis stellen zu müssen, während die anderen ihre Libido zügeln sollen oder mit hormonellen Kontrazeptiva sediert werden, wenn Verhütung nicht mehr nur «Frauensache» ist und wir uns nicht mehr einschränken lassen von Labels wie hetero-, homo- oder bisexuell, sondern einfach neugierig sind auf andere Menschen und Lust haben auf neue Erfahrungen, dann macht Sex noch viel mehr Spass – und wir würden vielleicht erfahren, wie sich sexuelle Befreiung wirklich anfühlt.

Sie finden das alles arg vereinfachend? Ja, das mag sein. Die hier skizzierte geschlechterlose Gesellschaft funktioniert nur, wenn andere Unterdrückungsmechanismen wie Rassismus oder Ableismus ebenfalls ausgeschaltet werden. Für einige mag so eine Vision bedrohlich wirken, weil sie zunächst mit Machtverlust verbunden wäre – aber am Ende würden eben doch alle gewinnen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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