Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Eine Neigung zum Klandestinen

Die Credit Suisse soll Greenpeace infiltriert haben, um Protestaktionen der UmweltaktivistInnen zu behindern, schrieb die «SonntagsZeitung». Vieles an den neusten Vorwürfen bleibt nebulös. Ist überhaupt etwas dran?

Von Renato BeckMail an AutorIn

Was am Zürcher Paradeplatz seit einiger Zeit geschieht, in der Konzernzentrale der Credit Suisse, gleicht in vielem jener Seifenoper über den Schweizer Bankenplatz, die leider nie geschrieben wurde. Sie würde von verletzten Eitelkeiten handeln, vom Kult des Klandestinen, von Gesten der Erniedrigung – und vor allem von Ränkespielen unter Männern mit zu viel Bonus und Weisungsbefugnissen.

Angetrieben wird die CS-Soap von Interna aus dem Führungszirkel der Grossbank, die regelmässig in der Presse landen. Jüngstes Beispiel: Am vergangenen Wochenende berichtete die «SonntagsZeitung» auf ihrer Frontseite von einem weiteren Spionagefall bei der Credit Suisse. Der mittlerweile entlassene Sicherheitschef der Grossbank soll sich Zugang zu einem internen Kommunikationskanal von Greenpeace verschafft haben. So habe er von geplanten Aktionen der UmweltaktivistInnen erfahren.

Erstaunlich leises Echo

Die Credit Suisse soll die erschlichenen Erkenntnisse dazu genutzt haben, fingierte Baustellen vor ihren Filialen zu errichten und frühzeitig Sicherheitspersonal aufzubieten, um die AktivistInnen an ihren Protestaktionen zu hindern.

Wie die CS das geschafft hat, an welche konkrete Informationen sie gelangt ist und ob sie sich dabei im legalen Rahmen bewegt hat, bleibt unklar. Die Bank sagt auf Anfrage bloss: «Zu Sicherheitsfragen machen wir grundsätzlich keine Angaben.»

Zwei Sachen sind neuartig an diesem – nach den Überwachungen des Kadermanns Iqbal Khan, des ehemaligen Personalchefs Peter Goerke und der früheren Compliance-Chefin Colleen Graham – allfälligen vierten publik gewordenen Spionagefall im Zusammenhang mit der CS: Zum einen scheinen sich die Geheimdienstaktivitäten der CS nicht bloss aufs eigene Personal zu beschränken. Zum anderen fällt das Echo auf den Kernvorwurf der möglicherweise illegalen Unterwanderung einer kritischen NGO erstaunlich leise aus. Weder hat die Bank eine Untersuchung der Vorwürfe angekündigt, noch sind empörte Reaktionen aus Medien und Politik festzustellen.

Dabei wäre der neuste Vorgang, sollte er sich als wahr erweisen, deutlich besorgniserregender als die Beschattung abtrünniger SpitzenbankerInnen. Er würde belegen, dass die Bank auch nicht davor zurückschreckt, auf ruchlose Weise Prozesse der Zivilgesellschaft zu sabotieren, um ihre Interessen durchzusetzen.

Aber stimmen die Vorwürfe wirklich? Bei Greenpeace versucht man seit dem Wochenende fieberhaft nachzuvollziehen, was geschehen sein könnte. Von der angeblichen Überwachung erfuhren die UmweltaktivistInnen erst auf Anfrage der «SonntagsZeitung». Weder ist intern klar, welcher Verteiler infiltriert hätte werden können, noch was es mit den Baustellen auf sich haben könnte, die die CS angeblich zum Schutz ihrer Häuser errichtet hat. Die Rücksprache mit AktivistInnen führte zu keinen Erkenntnissen: Derartige verdächtige Umtriebe seitens der CS seien an Protestaktionen nie aufgefallen.

Alles nur eine Intrige?

Unbestritten ist, dass das Verhältnis zwischen der Grossbank und Greenpeace seit einiger Zeit schwer belastet ist. Vor drei Jahren drangen UmweltaktivistInnen ins Zürcher Hallenstadion ein, als die Credit Suisse ihre Generalversammlung abhielt. Dabei seilten sich AktivistInnen vom Dach ab und enthüllten ein grosses Transparent; zudem schoben sie eine lange Stahlröhre mitten in den Saal. Der Protest richtete sich gegen die Geschäftsbeziehungen der CS mit Firmen, die am Bau einer Ölpipeline in den USA beteiligt waren. Diese Pipeline verläuft mitten durch Stammesgebiet der Sioux, die ihren Boden entweiht sehen und Verschmutzungen befürchten.

Seither steht die Bank im Fokus der Klimaschützerinnen und Umweltaktivisten – und diese im Fokus der Bank. Greenpeace versucht, die CS mit Protestaktionen und Aufklärungskampagnen dazu zu bewegen, einen klimafreundlicheren Kurs einzuschlagen. Bislang spielt der Schutz des Planeten kaum eine Rolle bei den Investitionen der Bank. Die US-Organisation Rainforest Action Network, die den globalen Bankensektor detailliert untersucht hat, platziert die CS auf Rang drei der schlimmsten Klimasünder unter Europas Banken.

Eines zumindest steht fest: Die CS wiederum, tief erschrocken über die Störung ihrer Aktionärsversammlung, überwacht Greenpeace genau. Man folge sämtlichen Aktivitäten von Greenpeace online, habe sich in Mailinglisten eingetragen und besuche auch relevante Veranstaltungen, heisst es in der Bank. Aber ein illegales Eindringen in geschlossene Kommunikationskanäle durch mittlerweile entlassene Kaderleute? Dafür gebe es keine Hinweise.

Das kann eine Schutzbehauptung sein, um neuen Schaden von der Bank abzuwenden. Oder die Geschichte entspringt einer weiteren Intrige in der CS-Soap, mit dem Ziel, den angeschlagenen Bankchef Tidjane Thiam aus dem Amt zu drängen.

Und was sagt denn nun Arthur Rutishauser, Chefredaktor der «SonntagsZeitung» und zugleich Autor des anfangs erwähnten Artikels, zur ganzen Angelegenheit? «Ich kann nur sagen, dass ich bei der Geschichte bleibe, es wurden auch alle involvierten Parteien konfrontiert.»

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