Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Das eigentliche Problem bleibt

Die Schweizer Grossbank Credit Suisse hat mit dem Abgang ihres CEO Tidjane Thiam nichts gelöst. Mit Verwaltungsratspräsident Urs Rohner sitzt weiterhin ein Mann an der Spitze, der keinen echten Wandel will.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (oben) und Tidjane Thiam, damals noch CEO, an der CS-Generalversammlung im April 2017. Foto: Melanie Duchene, Keystone

Der Abgang des Credit-Suisse-CEO Tidjane Thiam von Ende letzter Woche kam nicht überraschend. Seit Wochen gärte es in der Bank. Ursache war ein Hahnenkampf zwischen Thiam und dem Starbanker Iqbal Khan, dem Chef der wichtigen Vermögensverwaltungsabteilung, der schliesslich zur Konkurrentin UBS wechselte. Das ganze gipfelte in der Beschattung Khans durch Privatdetektive – und dem Selbstmord eines privaten Sicherheitsmanns nach dem Auffliegen der Affäre.

Thiam musste letztlich gehen, weil Ende des Jahres eine weitere Beschattungsaktion publik wurde. Das Ganze habe der Bank einen grossen Reputationsschaden eingebracht, heisst es reihum. Dazu kam Thiams offensive Verteidigung. Das hat sich offenbar kontraproduktiv ausgewirkt. Zudem sei sein Führungsstil selbstherrlich. Er sei misstrauisch und reagiere auf Widerspruch ungewöhnlich empfindlich, wie etwa die NZZ schrieb.

Eine andere Lesart lieferte in den vergangenen Wochen der Bankenspezialist Gian Trepp. Es gehe letztlich um einen Machtkampf zwischen französischen und deutschen Finanzinteressen, so Trepp. Tatsächlich wurde der frankofone Thiam lautstark von der Harris Associates unterstützt, die rund acht Prozent der CS-Aktien hält. Hinter dieser Fondsgesellschaft stehen die französischen Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Ob das allerdings den Umkehrschluss zulässt, dass es antifranzösische und deutschfreundliche Strömungen innerhalb der Bank gibt, die Thiams Sturz inszenierten, bleibt fraglich.

Swissness über alles

Klar ist: Die CS ist nach wie vor für InvestorInnen interessant. Vorab aus einem Grund: Die CS lebt von ihrem Ruf als Schweizer Bank, obwohl sie längst im Besitz von global operierenden Hedge- und Investmentfonds, Pensionskassen, Versicherungen und Staatsfonds ist – und obgleich die Mehrheit der Beschäftigten längst nicht mehr in der Schweiz arbeitet. CS-Marketingkonzepte werden heute in Polen geschrieben, Computer in Indien programmiert, Investmentbanking und Asset Management von New York aus dirigiert.

Doch weiterhin steht die CS primär für das typisch «Schweizerische»: Sicherheit und Stabilität. Das bringt Reiche und Superreiche dazu, ihr das Geld anzuvertrauen. Swissness – das macht die Bank im Kern aus. So zieht die CS nach wie vor massenhaft KundInnengelder aus aller Welt an. Sie gehört mit der UBS zu den weltweit grössten Vermögensverwalterinnen. Ihr Geschäftsmodell basiert nicht auf nebulösen Ideen, sondern auf den Hunderten von Milliardenvermögen. Das macht sie auch für AktionärInnen interessant, obwohl die CS-Aktie im Keller ist. Das Geschäftsmodell bietet ihnen eine gewisse Sicherheit. Denn die CS verwaltet echtes Kapital. Und immerhin: Die CS zahlt ihnen jedes Jahr eine Dividende aus. Auch in den grössten Krisenzeiten.

Wenn man nach weiteren möglichen Interessen der Grossaktionäre Ausschau hält, fällt eine grosse Nähe zur fossilen Industrie auf. So halten die Olayan Group und die Qatar Holding je rund fünf Prozent der CS-Aktien. Ersterer ist ein saudischer Grosskonzern, der stark im Erdölgeschäft verwurzelt ist, Letzterer der Staatsfonds Katars, der sein enormes Kapital ebenfalls aus dem Öl- und Gasgeschäft erwirtschaftet hat. Beide haben die CS nach der Finanzkrise von 2008 mit Milliardenkrediten vor dem Bankrott gerettet. Das wurde ihnen in den folgenden Jahren mit hohen Zinszahlungen und Aktienpaketen grosszügig vergütet. Diese besondere Stellung als Retterinnen in der Not dürfte ihnen innerhalb der Bank einigen Einfluss beschert haben. Ein weiterer Grossaktionär ist der norwegische Staatsfonds, der sein Kapital ebenso aus den Öl- und Gaseinnahmen des Landes anhäufte. Dazu kommt noch die Investmentgesellschaft Blackrock, die Aktien wie ein riesiger Staubsauger schluckt und inzwischen Massenpakete der meisten grossen Weltkonzerne hält. Blackrock gehört zu den grössten Investoren im Öl-, Gas- und Kohlegeschäft.

Thiam hat sich nie gegen die fossile Industrie gestellt. Unter ihm blieb die CS eine ihrer grössten weltweiten Kreditgeberinnen. 57,5 Milliarden US-Dollar hat die Bank zwischen 2015 (Thiams Amtsbeginn) und 2018 in die fossile Industrie gesteckt. Damit ist die Bank weltweit an 14. Stelle, weit vor der UBS. Sie berät die Industrie bei Kapitalbeschaffungen und Krediten, hilft bei Zusammenschlüssen und Aufkäufen – und überzeugt ihre KundInnen, in diese Geschäfte zu investieren. Damit trägt die CS trotz all ihrer Beteuerungen zu mehr Nachhaltigkeit im grossen Stil zur Klimakatastrophe bei. Besonders stark ist sie im US-amerikanischen Öl- und Gasgeschäft vertreten (siehe WOZ Nr. 14/2019). Allein neun Milliarden hat die Bank zwischen 2015 und 2018 ins Geschäft mit Fracking gesteckt. Dabei nimmt sie besonders schwere Klimaschädigungen in Kauf. Denn beim Fracking geraten nachweislich grosse Mengen Methan in die Atmosphäre: Methan notabene, das nicht verbrannt wird oder in Pipelines zu den VerbraucherInnen gelangt, sondern durch undichte Leitungen und Tanks entweicht. Methan ist ein besonders schädliches Treibhausgas und wirkt bis zu achtzigmal stärker als CO2. Die CS trägt somit, man muss es so klar sagen, zu einem Verbrechen an der Menschheit bei.

Hohe Bussen, dubiose Kredite

Doch die CS ist nicht erst seit Thiam stark in der fossilen Industrie präsent. Wesentlich mehr Einfluss auf die Geschäftspolitik hatte der Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Er steht noch viel mehr als Thiam für den fossilen Fussabdruck der Bank. Dieser zeigt sich etwa auch in Indonesien, wo die Bank mindestens bis 2014 das Kohlegeschäft des indonesischen Unternehmens Bumi Resources finanzierte. Zusätzlich fragwürdig machte die Finanzierung, dass diese Firma eng mit den damaligen autoritären Machthabern verbandelt und in dubiose Finanztransaktionen verwickelt war. Ingesamt führte die Kohleförderung in Indonesien zu schweren Umweltschäden.

Es ist deshalb schon erstaunlich, wenn Schweizer Zeitungen nach Thiams Abgang nun Rohner loben und von einem «Neuanfang» oder gar einer «Chance für die Schweiz» schwafeln. Die realen Geschäfte der Bank interessieren offenbar weit weniger als die Befindlichkeiten in der Chefetage. Wirklich alles schon vergessen? Rohner war von 2004 bis 2009 Chefjurist der Bank und hätte eigentlich auch die finanziellen Risiken der Bankgeschäfte im Blick haben sollen. Fakt ist: Die CS musste 2014 in den USA für ihre Beihilfe zur Steuerhinterziehung 2,8 Milliarden Dollar an Strafgeldern bezahlen. Zwei Jahre später kamen Bussen und Entschädigungszahlungen von 5,3 Milliarden Dollar dazu – für illegale Geschäfte, die die CS im Zusammenhang mit der Vergabe von Hypotheken in den USA getätigt hatte. In beiden Fällen ging es um einen Zeitraum, in dem Rohner der Chefjurist der Bank war.

2009 wurde Rohner Vizepräsident des Verwaltungsrats, 2011 Präsident. Unter seiner Ägide vergab die CS, zusammen mit der russischen VTB Bank, in einem dubiosen Geschäft drei staatlichen Firmen Moçambiques rund zwei Milliarden US-Dollar an Krediten – Geld, das schliesslich mehrheitlich in die Taschen korrupter Politiker, Unternehmerinnen und Banker floss und zum faktischen Staatsbankrott führte. Das ist wohl der eigentliche Skandal: dass Urs Rohner nach wie vor im Amt bleibt, obwohl er für die Milliardenbussen steht und als oberster Chef das Geschäft mit Moçambique zu verantworten hatte.

Verpasste Chance

Thiam hat Fehler gemacht. Er war eine Enttäuschung. Mit seiner Herkunft und seinem Netzwerk wäre er eine hoffnungsvolle Besetzung an der CS-Spitze gewesen, um einen Wandel einzuleiten: Er hätte die CS weg vom Geschäft mit der fossilen Industrie führen können. Doch das wollte er wohl gar nicht. Er hätte das Image der CS als Steuerhinterziehungsmaschine und Geldwäschereigehilfin verändern können. Aber das hat er nicht geschafft. Die fehlende Schuldanerkennung im Moçambiqueskandal, ja das Beharren darauf, dass das bankrotte Land seine «Schulden» zurückzahlen müsse, zeigte: Hier entsteht keine neue Bank.

Doch nicht deshalb wurde Thiam geschasst. Im Vergleich zu all den Verfehlungen der Bank war die Beschattungsaffäre eine Kleinigkeit. Aber für eine Bank wie die CS eben entscheidend. Thiam verkörperte nicht die Rolle, die er hätte spielen sollen. Das Image von der sicheren, stabilen Schweizer Bank litt darunter. Und das Image ist schliesslich entscheidend – auch wenn es noch so falsch ist.

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