Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Wer steckt hinter der Attacke auf Ihre Uni?

Als eine Uni in Delhi vor wenigen Wochen von einem rechten Mob angegriffen wurde, war die Historikerin Soni Soni mittendrin. Wie es so weit kam und warum genau diese Einrichtung Premierminister Narendra Modi Angst macht.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Soni Soni: «Einige der angegriffenen Studenten sind überzeugt, dass es sich bei der Attacke um staatlich organisierte und finanzierte Gewalt handelte.»

WOZ: Soni Soni, Sie sind seit über drei Jahren als Historikerin an der ETH Zürich und schreiben hier Ihre Doktorarbeit. Anfang des Jahres waren Sie für ein paar Wochen in Ihrer Heimat Indien, wo seit längerem politische Unruhen herrschen. Haben Sie etwas davon mitbekommen?
Soni Soni: Ich landete unfreiwillig mittendrin: Ich habe früher selbst an der Jawaharlal Nehru University (JNU) in Neu-Delhi studiert. Als ich nun kürzlich in Indien war, wurde die Uni von einer Gruppe Studenten attackiert – wobei ich diese Leute gar nicht Studenten nennen möchte. Sie schlugen mit Schlagstöcken und Eisenstangen um sich, überall waren Verletzte. Es war furchtbar. Als ich davon erfuhr, befand ich mich gerade in der Nähe. Also ging ich mit einer Freundin hin, um gegen den Angriff zu protestieren und meine Solidarität zu zeigen.

Warum diese Attacke?
Das ist eine längere Geschichte: Die JNU ist die einzige öffentliche Universität in Indien, die Frauen und Personen aus ländlichen Regionen oder niedrigen sozialen Schichten bei der Aufnahmeprüfung Extrapunkte gibt. Somit haben sie eher eine Chance, aufgenommen zu werden. Auch gibt es – im Gegensatz zu allen anderen Unis in Indien – keinen Starbucks oder McDonald’s auf dem Campus. Die Essensstände werden stattdessen von Menschen aus der Gegend geführt, die sich so ihren Unterhalt verdienen. Diese Uni ist ein wunderbarer, lebhafter Ort, an dem Leute aus unterschiedlichen Ländern und verschiedenen sozialen Schichten, Klassen und Kasten zusammenkommen, um auf höchstem Niveau zu studieren. Der aktuelle Wirtschaftsnobelpreisträger Abhijit Banerjee hat zum Beispiel dort studiert. Doch irgendwann wollte die Regierung die Studiengebühren erhöhen.

Was hätte das für Konsequenzen gehabt?
Die JNU ist zurzeit eine sehr günstige Uni – eben weil sie den Standpunkt vertritt, dass alle ein Recht auf gute Bildung haben. Nach der vorgesehenen Erhöhung der Studiengebühren wäre sie die teuerste öffentliche Uni des Landes geworden, sodass nur noch eine bestimmte Schicht dort hätte studieren können. Aufgrund dieser Ankündigung kam es seit Ende Oktober immer wieder zu Protesten der Studierenden. Die Attacken waren einerseits eine direkte Reaktion darauf. Die Studenten an der JNU sprechen sich allerdings ohnehin seit Jahren gegen die ungerechte Politik der Regierung aus.

Wer steckt hinter dem Angriff?
Es ist nicht ganz klar, wer diese Leute waren. Zum Teil waren es Studenten der Uni, die einer hindunationalistischen Organisation angehören. Sie vertreten das gleiche ideologische Gedankengut wie die Partei von Premierminister Narendra Modi. Einige der angegriffenen Studenten sind überzeugt, dass es sich bei der Attacke um staatlich organisierte und finanzierte Gewalt handelte.

Wie ging es nach der Attacke weiter?
Die Polizei verbarrikadierte die Uni, es kam niemand mehr rein oder raus. Die Stadtregierung hatte im umliegenden Quartier derweil alle Strassenlaternen ausgeschaltet, damit die Menschen nicht mehr zusammenfinden. Es war stockdunkel und sehr beängstigend. Die Strassen in Delhi sind ohnehin nicht sicher, aber wenn es dann noch dunkel ist, ist es gerade für Frauen extrem angsteinflössend. Am nächsten Tag kam es in Delhi zum grossen Protestmarsch.

Gingen Sie da auch hin?
Ja, und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Polizeigewalt hautnah erlebte. Wir marschierten friedlich, als Polizisten mit Schlagstöcken auf die Menge einzuschlagen begannen. Zwei Frauen im Nikab kamen angerannt, die eine war von den Polizisten verprügelt worden, sie hatte Atemnot und fiel kurz in Ohnmacht. Wir versuchten, eine Ambulanz zu organisieren – was unmöglich war, da die Polizei die ganze Umgebung umstellt hatte.

Konnten Sie der Frau noch helfen?
Wir gingen zum Gebäude einer der grossen Hotelketten, die in Indien ihre eigenen Ambulanzen haben. Der Manager war zum Glück sehr nett und liess die Frau mit der Hotelambulanz ins Spital fahren. Dass diese Frau von der Polizei verprügelt wurde, weil sie einen Nikab trug, hat mich nachhaltig erschüttert. Es war ganz klar eine Attacke auf sie als Muslimin.

Premierminister Modi und seine Partei schüren den Hass auf Muslime schon lange …
Ja, Modi entzweit das Land. Er sät Hass und Gewalt und duldet keine anderen Ansichten als seine eigenen. Deswegen hat er auch solche Angst vor den Studenten: Seine Regierung greift jene Uni an, die die besten Köpfe ausbildet, weil sie in ihren Augen ein linkes Gedankengut vertritt. Dabei geht es jedoch um viel mehr als um einen Kampf zwischen linker und rechter Ideologie. Denn wer meint, der Einsatz für die Rechte von unterprivilegierten Studenten sei ein linkes Anliegen, hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden: Gute Bildung für alle sollte nicht bloss ein linkes Anliegen sein, sondern ein nationales. Denn Bildung ist kein Privileg, sondern ein Recht.

Die Historikerin Soni Soni (31) lebt in Zürich und das Thema ihrer Doktorarbeit an der ETH sind indische Waisenkinder im kolonialen Nordindien von 1860 bis 1947.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch