Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Warum wollten Sie keinen Nachnamen?

Sogenannte Ehrenmorde gehören in Indien noch immer zum Alltag. Die Historikerin Soni Soni über die Frage, wie sie mit dem Kastensystem zusammenhängen, die Macht von Bollywood – und warum sie nicht verheiratet ist.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Soni Soni: «Von deinem Nachnamen kann in Indien jeder darauf schliessen, zu welcher Kaste du gehörst.»

WOZ: Soni Soni, Sie haben den gleichen Vor- und Nachnamen. Warum?
Soni Soni: Soni ist eigentlich mein Vorname, ursprünglich hatte ich auch einen Nachnamen. Doch beim Abschluss des zwölften Schuljahrs fehlte aufgrund eines bürokratischen Fehlers mein Nachname im Schlusszeugnis – damals war ich zu jung, um zu realisieren, dass das ein Problem sein könnte. Im Abschlusszeugnis des zehnten Schuljahrs war hingegen noch der ganze Name drin. Diese beiden Zeugnisse sind in Indien sehr wichtig. Um einen Pass zu beantragen, brachte ich die beiden Dokumente mit. Da fiel dem Beamten auf, dass die Namen darauf nicht übereinstimmten. Für den Pass musste ich mich dann entscheiden: Ich sagte, wenn ich die Wahl hätte, wolle ich definitiv keinen Nachnamen. Deswegen ist mein Vorname jetzt beides zugleich.

Warum wollten Sie keinen Nachnamen mehr?
Einerseits ist in Indien der Nachname gegendert: Du übernimmst den Nachnamen deines Vaters, der seinen wiederum von seinem Vater übernommen hat. Dann geht es aber auch um diese sehr komplizierte Angelegenheit namens Kaste: Der Nachname ist direkt mit der Kaste verbunden. Von deinem Nachnamen kann also jeder in Indien darauf schliessen, zu welcher Kaste du gehörst.

Das wollten Sie nicht?
Das Kastensystem in Indien ist in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen sehr, sehr mächtig und einflussreich. Ich identifiziere mich aber nicht mit der Politik, die mit diesem System einhergeht – einem System, das noch immer Ursache für Gewalt, Mord und Totschlag ist. Menschen werden aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit getötet, sie bekämpfen sich, weil sie unterschiedlichen Kasten angehören … In meinem Bundesstaat Bihar legen mittlerweile viele ihren Nachnamen ab – nicht nur jene aus tieferen Kasten, sondern auch die aus höheren.

Sie führen in Europa ein unabhängiges Leben als unverheiratete Frau. Was hält Ihre Familie davon?
Meine Mutter hat mich sehr gefördert. Sie kommt aus einer armen Familie und hat selber nie eine Ausbildung gemacht. Sie träumte immer von einem Leben in Freiheit und setzte sich dafür ein, dass ich die Ausbildung bekam, die sie nicht hatte. Sie rechnete allerdings nicht damit, dass mein Studium so lange dauern würde.

Hatte sie gehofft, dass Sie nach dem Studium heiraten würden?
Ja. Meine Familie ist gar nicht glücklich, dass ich schon so alt und noch unverheiratet bin. Doch eine Heirat in Indien ist mit so vielen Einschränkungen und Komplikationen verbunden: Du kannst etwa nicht einfach jemanden aus einer anderen Kaste heiraten. Innerhalb der Kaste gibt es zudem das Gotra, das so etwas wie Sippe bedeutet. Verliebst du dich in jemanden aus demselben Gotra, kannst du ihn auch nicht heiraten. Denn das bedeutet, dass du dieselben Vorfahren hast.

Man muss also innerhalb der Kaste heiraten, darf aber nicht innerhalb des Gotra?
Genau. Mein Bruder zum Beispiel hatte Glück: Er heiratete seine Kindheitsliebe, die glücklicherweise aus derselben Kaste, aber von einem anderen Gotra stammt. Würde ich mich aber in jemanden aus einer anderen Kaste verlieben, wäre es ganz unmöglich, ihn zu heiraten. Ein weisser Mann würde eher akzeptiert als ein Mann aus einer niedrigeren Kaste.

Und wenn Sie sich in einen muslimischen Mann verlieben würden?
Oh! Das ist ein riesiges, riesiges, riesiges No-Go! Das wäre schlicht nicht möglich. In Indien gehören Ehrenmorde zum Alltag: Wenn die Familien mit der Partnerwahl ihrer Kinder nicht einverstanden sind, jagen sie das Paar und töten es. Es gibt so viele Fälle, in denen junge Paare von ihren Familien ermordet wurden, es ist grausam. Viele Bollywoodfilme behandeln dieses Thema übrigens – manche sogar sehr gut.

Haben die Bollywoodfilme in Indien auch eine erzieherische Funktion?
Ja, auf jeden Fall. Die Filmindustrie hat eine grosse Macht über die Menschen in Indien. Leider wird sie auch negativ genutzt.

Wie zum Beispiel?
In der stereotypen Darstellung von Frau und Mann etwa. Aber auch in der völlig falschen Darstellung von historischen Tatsachen. Interessant ist, dass in Bollywood zurzeit sehr viele historische Filme produziert werden. Ein aktueller erzählt zum Beispiel vom vorkolonialen Konflikt zwischen Hindus und Muslimen und zeigt, wie ein Hindukönig einen grausamen Muslimkönig besiegt. Diesen religiösen Konflikt gab es so nie, die meisten Auseinandersetzungen waren politischer Natur. Doch der Film dient der aktuellen Politik von Premierminister Narendra Modi zu und legitimiert seine hindunationalistische und muslimfeindliche Politik, indem er behauptet, dass sich Hindus und Muslime schon seit Jahrhunderten bekriegen würden und Muslime grausam seien. Der Film ist ein Verbrechen gegen die Arbeit aller seriösen Historikerinnen und Historiker.

Die Historikerin Soni Soni (31) ist im Osten Indiens aufgewachsen. Mit sechzehn zog sie nach Patna – fünf bis acht Zugstunden von ihrem Heimatort weg (je nach Verspätung der Züge) – und besuchte dort die Highschool.

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