Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Das tragische Ende eines Traums

Im Oktober entdeckte die Polizei an einem Themsehafen die Leichen von 39 VietnamesInnen in einem Kühl-Lkw. Über die genauen Migrationswege von Vietnam nach Grossbritannien ist bislang wenig bekannt. Eine Spurensuche.

Von Tobias Müller, Brüssel

Nicht der erste Fall seiner Art: Der Lkw, in dem die Leichen der MigrantInnen gefunden wurden. Foto: Peter Nicholls, Reuters

Zwischen Strand und Hafengelände zieht sich im belgischen Städtchen Zeebrugge ein Pier in die Nordsee. Am Nachmittag des 22. Oktober 2019 passiert dort ein Frachtschiff, auf dem sich 39 Menschen in einem Lkw-Kühlcontainer verborgen halten: 8 Frauen und 31 Männer zwischen 15 und 44 Jahren, alle aus Vietnam.

Ihr Traum von einem besseren Leben in Grossbritannien endet wenige Stunden später vor dem Themsehafen Purfleet in der Grafschaft Essex. Sauerstoffmangel. In einem nahen Industriegebiet werden gegen halb zwei in der Nacht ihre Leichen gefunden.

Der Fall der 39 VietnamesInnen ist nicht der erste seiner Art. Er erinnert an die 58 toten ChinesInnen, gefunden in einem Tomatencontainer in Dover im Juni 2000. Oder an die 34 afghanischen Sikhs, die im August 2014 im Themsehafen Tilbury aus einem Container befreit wurden. Ein weiterer Mann überlebte den Transport nicht. Der Abfahrtsort in allen drei Fällen: Zeebrugge. Seit die französischen Behörden Ende 2016 den «Jungle», das informelle Flüchtlingscamp bei Calais, räumten, ist der einzige belgische Hafen mit Verbindung nach England immer wichtiger geworden – für Transitmigration, Menschenschmuggel und die Grauzone dazwischen.

Vietnam schien dabei bislang keine Rolle zu spielen. Nicht als Herkunftsland jener MigrantInnen, die in den letzten Jahren immer häufiger in den Hafen zu gelangen versuchten. Oder jener, die an belgischen Rastplätzen im Landesinnern probierten, in einen Lkw zu gelangen. Ein junger mazedonischer Lkw-Fahrer, der in Sichtweite der Hafenanlagen tankt, berichtet, ihm werde unterwegs in Richtung Küste regelmässig Geld geboten, damit er Menschen nach England bringe. VietnamesInnen aber habe er auf seinen Fahrten noch nie gesehen.

Das logistische Zentrum

Verwunderlich ist das nicht. «Der Transport von Vietnamesen geschieht im Verborgenen», erklärt Ann Lukowiak, eine auf Menschenschmuggel spezialisierte belgische Staatsanwältin am Brüsseler Sitz ihrer Behörde. «Man trifft sie nicht wie andere Transitmigranten am Nordbahnhof. Stattdessen gehen sie in der vietnamesischen Diaspora auf – und bleiben meist unter unserem Radar. Seit einigen Jahren treffen wir ab und zu eine Gruppe in Containern oder Lkws an, jeweils zehn bis fünfzehn Personen.»

Früh am Morgen des 23. Oktober wurde Lukowiak über die 39 Toten im Kühlcontainer informiert. Heute leitet sie auf belgischer Seite die Ermittlungen in dem Fall, für den sich ein Joint Investigation Team mit britischen, französischen und irischen KollegInnen gebildet hat. Der nordirische Fahrer, der den Container im Hafen von Purfleet abholte, hat vor Gericht inzwischen gestanden, Teil einer Schlepperorganisation gewesen zu sein.

Belgien, so Staatsanwältin Lukowiak, sei geografisch bedingt ein logistisches Zentrum des Schmuggels vietnamesischer MigrantInnen. «Der Weg von Russland aus über Land kann zwei Jahre dauern. Auch die ‹Balkanroute› wird dabei genutzt. Wer mehr Geld hat, fliegt von China erst nach Paris. Diese Route kostet 40 000 US-Dollar, die russische 25 000. Das Stück von Brüssel nach England kostet 5000 Euro.» In letzter Zeit gibt es laut Lukowiak auch eine südliche Route: per Flugzeug von Vietnam über Abu Dhabi nach Marokko oder Spanien. Von dort gehe es nach Paris und Brüssel, mit Bus, Zug, Lkw oder Auto. Oder mit falschen Dokumenten per Flugzeug.

2016 deckte die belgische Polizei ein Schmuggelnetzwerk aus fünf Vietnamesen auf. Über ein Safe House in Brüssel hatten sie aus der Ukraine kommende vietnamesische MigrantInnen nach England geschleust, manche davon noch minderjährig. Der Hauptverdächtige wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Derzeit, so Lukowiak, intensiviere man die Zusammenarbeit mit Vietnam, Polen und der Ukraine. «Klar ist: Die Vietnamesen sind keine Parkplatzleute. Sie haben eigene Orte, wo sie in Lkws steigen, oft direkt hinter der französischen Grenze. Das kann eine Sackgasse sein oder eine Wiese.»

Zwischen Nagelstudio und Tiefgarage

Es ist nicht so, dass VietnamesInnen auf ihrem Weg nach England keine Spuren hinterliessen. Nur ist diese Verbindung eben nicht einfach zu beweisen. In der Galerie du Centre, wenige Minuten von der Brüsseler Grand-Place entfernt, deutet einiges auf eine solche hin. Die Shoppingmall hat vor allem lokale Kundschaft und eine auffällige Monokultur: Die Mehrheit der Geschäfte sind Nagelstudios, in deren Schaufenstern Preislisten allerlei Behandlungen zwischen zehn und dreissig Euro anbieten.

Etwa zwanzig solcher Etablissements gibt es in der Galerie, von denen zwei – «Vietnam-» und «Saigon Nails» – eindeutige Referenzen im Namen tragen. In allen sieht man junge asiatische Frauen und Männer, die an kleinen Tischchen im Schein greller Lampen die Hände der Kundschaft mit Feilen und anderem Werkzeug bearbeiten. Die meisten – aber nicht alle – tragen Mundschutz. Draussen auf dem Gang liegen die Chemikalien selbst im Winter unangenehm schwer in der Luft.

Ein Mitarbeiter des Programmkinos in der Mall erzählt, die Zahl der Nagelstudios habe sich mindestens verdoppelt, seit er vor sechs Jahren hier zu arbeiten begonnen habe. Alle hätten denselben «asiatischen Besitzer», der ein- oder zweimal im Jahr nach Polizeikontrollen Strafe für nicht ordnungsgemäss angestellte ArbeiterInnen zahle und danach unbehelligt weitermache. «Von der Polizei hörte ich, dass die Pässe der Angestellten einbehalten werden. Einige von ihnen haben in den Garagen im Untergeschoss gewohnt. Auf den Überwachungskameras habe ich gesehen, wie Leute mit Gepäck dort unten ankommen, um bereits zehn Minuten später in einem der Nagelstudios zu arbeiten.»

Dass vietnamesische MigrantInnen auf ihrem Weg nach England arbeiten, um Schulden abzubezahlen oder Geld für den Weitertransport zu verdienen, ist Standard. Belgien, wo sich die Zahl der Nagelstudios zwischen 2008 und 2018 verdoppelt hat, gehöre dabei zu den gängigen Zwischenstopps, so Sarah De Hovre, Direktorin der Brüsseler NGO Pag-asa, die Opfer von Menschenschmuggel unterstützt. «Hier können sie die Arbeit in den Nagelstudios ‹lernen›, sodass sie die Technik beherrschen, wenn sie nach England weiterreisen – das jedenfalls erzählen ihnen die Schlepper und Betreiber der Studios.»

Das Vorbild anderer MigrantInnen, die mit in Europa verdientem Geld in armen Regionen Vietnams prächtige Häuser bauten, dient vielen als Motivation. Dass sie dabei ausgebeutet werden, mit – wie etwa in den Nagelstudios – sehr langen Arbeitstagen und schlechter Bezahlung, ist ihnen oft nicht bewusst. Von Arbeitsrechten und Mindeststandards, so De Hovre, hätten die Opfer noch nie gehört. Und: «Der psychologische Druck der Familie, die erwartet, dass sie die Schulden abbezahlen und Geld schicken, ist entsetzlich.»

Seit 2018 haben die MitarbeiterInnen und Freiwilligen von Pag-asa ab und an mit jungen VietnamesInnen zu tun. Etwa zwanzig hätten um Hilfe gebeten, die Hälfte lebe nun in einer betreuten Unterkunft. «Die meisten aber entscheiden sich, doch noch zu probieren, nach England zu kommen.» Der Satz zeigt: Die Grenze zwischen Transitmigration und Menschenschmuggel ist äusserst unscharf.

Sarah De Hovre weiss, dass sie nur einen kleinen Teil des Problems zu Gesicht bekommt. «Alle, mit denen wir sprachen, lebten und arbeiteten mit fünf bis zehn jungen Vietnamesen zusammen, die aber nicht gefunden wurden.» Die Nachricht von den 39 Toten aus Essex war für die MitarbeiterInnen von Pag-asa ein Schock. Als die polizeiliche Namensliste veröffentlicht wurde, verglich man sie mit der eigenen. «Sofern die Namen, die bei uns eingetragen wurden, korrekt sind, war keiner von ihnen bei uns.»

Der Weg in die Illegalität

Auch in den Niederlanden beschäftigt das Schicksal junger VietnamesInnen die Justiz. Speziell im Hafen Hoek van Holland nahe Rotterdam sind in den letzten Jahren mehrfach blinde PassagierInnen in Containern gefunden worden, alle jeweils in einem Kühl-Lkw. Tendenz steigend, wie Mirjam Blom bestätigt, Menschenschmuggelexpertin bei der Staatsanwaltschaft in Rotterdam. «2016 betraf es nur zwei Fälle, 2019 waren es schon acht.»

Wie viele VietnamesInnen von Hoek van Holland die Überfahrt wagen, darüber hat sie keine Zahlen. «Wenn Vietnamesen es nach England schaffen, verschwinden sie oft in der Illegalität.» Ebenso wie ihre Brüsseler Kollegin gibt Blom zu, bezüglich der Hintergründe oft im Dunkeln zu tappen. Auch in strafrechtlichen Untersuchungen, schreibt sie per Mail, werde oft nicht deutlich, wo genau die Menschen in die Lkws gelangt seien und welche Route sie zuvor benutzt hätten. «Oft sehen wir aber, dass es Verbindungen nach Belgien und Frankreich gibt.»

Eine solche lässt sich bis in den Südosten der Niederlande verfolgen. Am Dorfrand von Cadier en Keer stehen mehrere stationäre Einrichtungen: ein Jugendgefängnis, eine Suchtklinik und einige eingezäunte Backsteinhäuser, in denen Jugendliche mit familiären Problemen untergebracht sind. «Die beiden einzigen Gebäude ohne Zaun haben wir vermietet. Dort sind junge Asylbewerber untergebracht», sagt ein Mitarbeiter, der in der Dämmerung eine Runde mit dem Hund dreht.

In einem der beiden Häuser brennt Licht. Nichts weist darauf hin, dass hier schutzbedürftige jugendliche Geflüchtete untergebracht sind, um sie, wie es heisst, vor Menschenschmugglern zu verbergen. Am Abend des 16. August 2019 verschwanden hier sechs vietnamesische Teenager: zwei Mädchen und vier Jungen. Ein internes Dokument der Heimleitung zeigt: Mitarbeiter haben zuvor Signale eines bevorstehenden Aufbruchs wahrgenommen. Zwei der Jungen hätten den ganzen Tag ihre Schuhe anbehalten, die beiden Mädchen sich auffällig zurückgezogen. Die zwei anderen Jungen seien überhaupt erst am Nachmittag in der Einrichtung angekommen.

Am Abend warnt ein anderer Jugendlicher einen Begleiter, dass die Neuankömmlinge sich absetzen wollten. Bald darauf sieht dieser, wie die sechs Jugendlichen wärmere Kleidung und feste Schuhe anziehen. Da das Wohnheim kein geschlossenes ist, kann er ihren Aufbruch nicht verhindern. Kein Einzelfall: Seit 2013 sind in den Niederlanden über sechzig junge VietnamesInnen aus solchen Heimen verschwunden. Der Begleiter informiert die Polizei.

In der Nacht sucht ein Hubschrauber vergeblich ein nahes Maisfeld ab. Im Report heisst es, die VietnamesInnen hätten sich dort versteckt, bis sie von einem Auto abgeholt wurden. Der Jugendliche, der zuvor den Begleiter informierte, nennt den Namen eines Mannes, der die sechs abgeholt und dafür von ihren Familien Geld empfangen haben soll. Es heisst, seine Telefonnummer wechsle ständig, seine Kontakte unterhalte er über Facebook.

Im internen Dokument fehlt sein Name ebenso wie die der verschwundenen VietnamesInnen. Die Heimleitung und die für die Unterbringung von Asylsuchenden zuständige Behörde machen dazu bis heute keine Angaben. Mit einer Ausnahme: Einen Monat nach dem Fund des Containers gibt die Behörde bekannt, dass einer der sechs Teenager unter den 39 Toten von Purfleet war.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch