Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Zwischen Tröte und Glocke

Die britischen Electropopper eignen sich Berlin als Chiffre für Freiheit und Party an. Auf «Hotspot» gibt es viel Bummbumm, aber auch bittersüsse Erkenntnisse.

Von Arno Raffeiner

«Dreamland! I need you!»: Die Pet Shop Boys (Chris Lowe und Neil Tennant) vereinen fette Synthbässe mit dem Schrei nach Freiheit. Foto: Phil Fisk

Über vierzig Jahre ist es her, seit David Bowie seine Berlin-Trilogie vollendet hat. Inzwischen wurde jeder Späti, jeder Tanzschuppen, jede dritte Strassenkreuzung von kreativen Airbnb-BerlinerInnen in Pop- und Technofolklore verwandelt. Und nun haben auch die britischen Electropopper Pet Shop Boys, die seit einiger Zeit einen Zweitwohnsitz in der deutschen Hauptstadt haben, ihr Berlin-Album aufgenommen. Das beweist einmal mehr, dass sich Neil Tennant und Chris Lowe für nichts zu schade sind. Dass sie längst über den Dingen stehen und selbst mit den absurdesten Brillendesigns, abenteuerlichstem Kopfschmuck oder eben auch der langweiligsten Idee für eine Schallplatte im Jahr 2020 durchkommen.

Ihr neues Werk heisst «Hotspot». Verglichen mit Einwortsternstunden wie «Actually» (1987), «Very» (1993) und «Yes» (2009) ist das einer der schwächsten Albumtitel in der Diskografie des 1981 gegründeten Duos. Er bezieht sich auf Berlin als Hotspot der queeren Subkultur (vor 1933), des Kalten Kriegs (bis 1989) und globaler touristischer Begehrlichkeiten (seit Easyjet). Mittlerweile könnte man auch annehmen, «Berlin» sei gar keine Stadt, sondern ein Standortmarketingklischee.

Quietschende Züge

Von Assoziationen dieser Art kann sich der «Hotspot» der Pet Shop Boys nicht ganz frei machen. Im Eröffnungssong «Will-o’-the-Wisp» wird die U-Bahn-Linie 1 als wilder «party train» besungen und sogar das grässliche Quietschen der Züge über die Schienen zum Stampfebeat montiert. Trotz dieser eher alarmierenden Signale wirkt das Album sofort wie ein Pet-Shop-Boys-Klassiker. Die Musik bewegt sich zielsicher zwischen den Polen Tröte und Glocke. Für den Glöckchenklang stehen die ewig jungenhafte Stimme von Neil Tennant und seine luftig gereimten Verse in Klingelingmelodien. Um das Getröte der Synthesizerfanfaren kümmert sich Chris Lowe, der im Produzenten Stuart Price den idealen Mitstreiter gefunden hat.

Price war einst für die Abbafizierung von Madonnas Hit «Hung Up» von 2005 zuständig und frisiert nun schon das dritte Pet-Shop-Boys-Album in Folge. Nach dem wie ein Alterswerk klingenden «Elysium» (2012) wurde im Zusammenspiel mit Price Zurückhaltung wieder zu einem Fremdwort: «Electric» von 2013 und «Super» von 2016 polterten mit verschärftem Eurodiscosound zurück auf die Tanzfläche. Inhaltlich bewegten sich beide Alben vorrangig im Gefühls- und Problemhaushalt heranwachsender und ehemals heranwachsender Bürgersöhnchen. Ein Höhepunkt war «Love Is a Bourgeois Construct», eine Vermählung von luhmannscher Systemtheorie mit englischem Barock und Prollelectro; ein Ausreisser «The Dictator Decides», eine Ballade über einen Despoten, den Tennant als traurigen, lebensmüden Clown zeichnete.

«Electric» und «Super» kommunizierten vor allem eines: Wir wollen es noch mal wissen. «Hotspot» täuscht an, dasselbe zu machen, mit Pauken und Plastiktrompeten. Aber für eine Partyplatte ist sie recht nostalgisch. Es gibt Midtemposchnulzen («You Are the One») und Lieder auf den Herbst des Lebens («Burning the Heather»), die letztlich mehr Gewicht haben als die Danceknaller.

Nächster Halt Sozialismus?

Wie immer bei den Pet Shop Boys liegt die Kunst in den Oberflächen. Gerade durch das Spiegeln des allzu Offensichtlichen wurden Tennant und Lowe zu Chronisten der Gegenwart, mittlerweile zu den verlässlichsten und langlebigsten, die der Pop zu bieten hat. Wenn man Rave als Antwort auf den Thatcherismus versteht, auf die Krise der Arbeiterklasse im Neoliberalismus, die sich Äcker und Industrieruinen für ekstatische Massenrituale eroberte, was ist dann die Antwort von Dancepop auf den globalisierten Plattformkapitalismus und die parallel neu erwachenden Nationalismen?

Laut «Hotspot» ein Eskapismus, der sich zugleich in eine glorifizierte Vergangenheit und in ein utopisches Jenseits träumt. Und eben auch in saubere Verkehrsmittel. Man hört Aufnahmen von Lautsprecherdurchsagen aus der Berliner U-Bahn; auch das Video zur Single «Dreamland» wurde dort gedreht, allerdings geschönt durch digitale Bildbearbeitung. Der Song wird angetrieben von einem fetten Synthbass und dem Schrei nach Freiheit: «Dreamland! I need you!» Am Ende des Musikvideos fährt der Zug in die Station am Alexanderplatz ein. Die Wegweiser zeigen rechts zur Karl-Liebknecht-Strasse, links zur Karl-Marx-Allee. Das ist topografisch akkurat und wirkt doch wie ein ironischer Politgag: Nächster Halt Sozialismus?

Das Perfide daran: Diese Ausgänge in das Land ohne Grenzen und mit allen Freiheiten erreicht man nur im Schlaf. Es hat etwas vom Überqueren des Totenflusses Acheron, wie Neil Tennant das gemeinsam mit Olly Alexander von der Band Years & Years besingt: «Der Schlaf ist ein Fluss, der uns in ein besseres Land führt. Ich will nicht mehr aufwachen.» Diese Anspielung auf die vielen Menschen, die auf der Überfahrt in ihr Traumland dem Wasser nicht mehr entkommen, ist verpackt in euphorische Glamourtanzmusik. Der Song klingt so sacharinsüss, dass man das extrem Bittere einer solchen Zeile erst beim vierten Hören bemerkt. Darin liegt die grosse Kunst der Pet Shop Boys.

Es steckt noch mehr Traumhaftes in diesem Album, aber auch ein wenig Optimismus. Die kitschigste, wahrste und hoffnungsvollste Zeile singt Neil Tennant im Wiegenlied «Only the Dark»: Hab keine Angst, denn nur das Dunkel kann dir die Sterne zeigen.

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