Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Vermehret euch nicht!

Extreme Alternativen sind der Lebensinhalt der Housemusikerin Chris Korda. Auch auf ihrem neuen Album propagiert sie ein einfaches Rezept für die Rettung des Planeten: Der Mensch muss weg.

Von Arno Raffeiner

Keine Rücksicht auf Pietät und Zumutbarkeit: Chris Korda. Foto: The Church of Euthanasia

Chris Korda hält nichts von der üblichen Weltrettungsfolklore. Von ein bisschen Flugscham, dem Versprechen, seinen CO2-Fussabdruck zu verkleinern, oder was sonst gerade trendy ist. Die Massnahmen, die Korda seit mittlerweile fast dreissig Jahren gegen Überbevölkerung, Ressourcenverschwendung und Klimakatastrophe einfordert, sind etwas weniger kuschelig: Suizid, Abtreibung, Kannibalismus und Sodomie. Das sind die vier Grundpfeiler von Chris Kordas Kunst und Lebensphilosophie.

Seit Anfang der neunziger Jahre produziert Korda elektronische Tanzmusik. House und Techno nutzte sie immer schon als Vehikel für ihre radikale Gesellschaftskritik – neben ihrer eigenen Religion. 1992 gründete Korda die Church of Euthanasia, eine in den USA offiziell registrierte Religionsgemeinschaft. Deren Hauptanliegen und zugleich einziges Gebot: Vermehret euch nicht! Die Church ist antinatalistisch, richtet sich also gegen die Vermehrung der Menschheit als grösste Bedrohung des Planeten. Ihre Prozessionen und Aktionen sehen die Kirchenmitglieder in der Tradition von Agitprop und Dadaismus. Es geht darum, die Absurdität der Welt mit ebenso absurden Mitteln zu bekämpfen.

Korda tut dies nicht nur mit ihrer Religionsgemeinschaft und durch ihre Musik, sondern im Grunde mit ihrer gesamten Existenz. Vor über drei Jahrzehnten schon war sie Pionierin auf mehreren gesellschaftspolitischen Feldern, die heute mehr denn je relevant sind: LGBTIQ-Bewegung, Veganismus, Umweltschutz. Auch im World Wide Web mit seinem techno-utopischen Potenzial war Korda eine der Early Adopters. Alternative Modelle sind ihr Lebensinhalt.

Gnadenlos, aber mit Humor

Geboren wurde Chris Korda 1962 in New York. Biologisch ist sie ein Mann, aber sie bevorzugt es, mit weiblichen Pronomen adressiert zu werden, als Anerkennung ihrer fluiden Geschlechtsidentität. Als Teenager hat sie die Discoära noch miterlebt, die ihren Ursprung in der schwulen Subkultur hatte. Mit ihrem Auftreten kommuniziert sie in erster Linie, dass binäre Zuschreibungen für sie nicht passen. Wenn sie sich irgendwo zugehörig fühlt, dann der Gender-Bending-Bewegung und einem eindeutigen Bekenntnis zum Weder-noch.

Soeben veröffentlichte Korda eine Handvoll neuer Musikstücke mit lauter hübsch gereimten Zeilen. «The clock’s running out and the world’s in pain / And making more babies is fucking insane», heisst es einmal – da die Welt vor die Hunde gehe, sei es doch Wahnsinn, noch mehr Kinder in diese zu setzen. Das ist die Kernthese von «Apologize to the Future», einer Sammlung von Protestsongs im Housegewand. Im Mittelpunkt steht eine entkörperlichte Maschinenstimme, die ihre Botschaften meist im Chor vorträgt – gnadenlos, aber nicht ohne Humor. Der Begleitsound dazu ist luftig, transparent, beschwingt. Ja, so könnte sie klingen, die Stimme zukünftiger Generationen.

Die Songs von «Apologize to the Future» sind einmal mehr Kordas Lebensthema gewidmet. Sie selbst hat sich an den Antinatalismus gehalten und versteht das einzige Gebot ihrer Church of Euthanasia durchaus auch als Provokation. Mit ihrem Dogma gegen Reproduktion schiesst sie bewusst über das Ziel hinaus, um Denkprozesse in Gang zu setzen – im Kontext von konkretem Protest, etwa mit drastischen Kunstaktionen gegen AbtreibungsgegnerInnen, genauso wie auf dem Dancefloor. Mit dem eigenen Verzicht auf Fortpflanzung untermauert sie letztlich ein gesamtgesellschaftliches Ziel: die Erhaltung des Habitats der menschlichen Spezies. Widersprüche nimmt sie dabei in Kauf. So proklamiert Kordas berühmteste Parole Selbstmord als Überlebensstrategie. Den Slogan «Save the planet, kill yourself!» machte sie 1993 zum Titel eines Technotracks.

9/11 als Kunstporno

Anfang der nuller Jahre gelang ihr schliesslich das Kunststück, zur meistgehassten Person im Clubzirkus zu werden. Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – also nach dem Tod von fast 3000 Menschen – veröffentlichte Korda den Videoclip «I Like to Watch». Bilder von den brennenden Türmen des World Trade Center und von Menschen, die in den Tod stürzen, montierte sie mit Ausschnitten aus Pornofilmen. Auf der Tonspur liefen dazu funky Beats. Die Twin Towers als Doppelphallus des Kapitalismus, die explodierenden Flugzeuge als Penetrations- und Abspritzfantasien und eine Welt, die einfach nur geil aufs Zuschauen ist – so Kordas extrem überspitzte Botschaft. Für diese Ausübung des Grundrechts auf Kunstfreiheit hatte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand Verständnis.

Dann war von Korda lange Zeit nichts mehr zu hören. Sie trat nicht auf, veröffentlichte jahrelang keine Musik, entwickelte stattdessen Software für 3-D-Drucker. Mit dem Abstand von neunzehn Jahren betrachtet, ist «I Like to Watch» das Paradebeispiel für den Korda’schen Aktivismus: polemisch und zugespitzt bis jenseits der Schmerzgrenze, ohne Rücksicht auf Pietät und Zumutbarkeit.

So viel Aufsehen wie damals wird sie mit ihrem neuen Album nicht mehr erregen. Dabei sind ihre Anliegen nicht weniger dringlich geworden, im Gegenteil. Sie sei mittlerweile so etwas wie der «Bob Dylan des Klimawandels» geworden, erklärte Korda im Vorfeld ihrer neuen Veröffentlichung. Ein Bob Dylan, der über soziale Ungleichheit, Ausbeutung und die heraufziehende Katastrophe singt. Und eine einfache Lösung parat hat: «Respektiert die Zukunft, pflanzt euch nicht fort!»

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