Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Die Macht der Gesten

«Schwanensee» unter freiem Himmel, einstudierte Songs, fliegende Anwaltsroben: Bei ihrem Widerstand gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron beweisen die FranzösInnen viel Kreativität. Aber werden so auch die Machtverhältnisse infrage gestellt?

Von Romy Strassenburg, Paris

Da sind sie wieder! Von Fernsehkameras und gezückten Handys umringt, vom Publikum mit Applaus begrüsst – auf diese Frauen will jedeR einen Blick werfen. Im blauen Arbeiteroverall, mit gelben Gummihandschuhen und rotem Kopftuch stimmen sie erneut ihr Lied an: «Wegen Macron werden die Renten sinken, ob für Fatou oder Marion, wegen Macron werden wir die Verliererinnen sein.» Im Look der US-amerikanischen Figur «Rosie the Riveter», die in den vierziger Jahren mit angespanntem Bizeps unter dem Slogan «We can do it!» von Postern zur Anwerbung von Frauen für die US-Rüstungsindustrie strahlte, singen und tanzen die Attac-Aktivistinnen am Rande einer Demonstration in Paris. Zahlreiche Nachahmerinnen im ganzen Land haben sie mit ihrer Performance inspiriert. Ihre Botschaft: Protest kann friedlich sein, kann sogar Spass machen.

Getanzt wurde auch an Weihnachten, als die Ballerinen der Pariser Opéra Garnier unter freiem Himmel Szenen aus «Schwanensee» darboten. Je eifriger Präsident Emmanuel Macron und seine Regierung das Tempo der Rentenreform anzogen, desto mehr haben sich in der französischen Gesellschaft Zukunftssorgen breitgemacht. Die Sorgen betreffen dabei nicht nur die befürchteten sinkenden Renten. Den Demonstrierenden geht es auch um den gravierenden Pflegenotstand in den Spitälern, um die für nächstes Jahr geplanten Änderungen bei der Matura oder die Reform des öffentlichen Dienstes.

Starke Bilder als Kapital

Macron hat so viele unterschiedliche Bevölkerungs- und Berufsgruppen gegen sich aufgebracht, dass es schwerfällt, bei den Protesten noch den Überblick zu behalten: Da sind Feuerwehrleute und PolizistInnen, Lehrerinnen, Mediziner und Anwältinnen – vom harten Kern der Gelbwestenbewegung ganz zu schweigen. In diesem Dschungel von Interessen wird es für die Beteiligten immer schwieriger, sich überhaupt Gehör zu verschaffen.

Im Zeitalter der sozialen Medien jedoch sind starke Gesten, starke Bilder das entscheidende Kapital, um seinen Forderungen Gewicht zu verleihen. Und während auf der einen Seite die Videos von gewaltsamen Zusammenstössen die Berichterstattung überschatten, suchen andere mit positiven Gegenbildern Sympathien für ihre Anliegen zu gewinnen. Denn wenn Linksradikale mit Steinen auf Banken, Supermärkte oder Bushaltestellen losgehen, um das kapitalistische System wortwörtlich zu zertrümmern, geht das vielen zu weit.

Der Politologe Clément Viktorovitch ist Experte für rhetorische Phänomene und bekannt für seine pointierten Sprachanalysen in der TV-Sendung «Clique». In den aktuellen Protesten sieht er die Herausbildung einer neuen «Grammatik der Gesten». So knüpfen die «Rosies» an das Flashmob-Phänomen an, das einst als unpolitischer Spassevent mit einer spontan versammelten Masse begann, inzwischen jedoch immer mehr auch für politische Anliegen genutzt wird.

Andere, wie die Ballerinen, nutzen ihr künstlerisches Können, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen – so wie der Chor von Radio France, der Anfang Januar die Neujahrsansprache von Direktorin Sybile Veil mit Giuseppe Verdis «Gefangenenchor» übertönte und sie so geradezu verstummen liess.

Weil gerade diese Ansprachen in Frankreich ein wichtiges Ritual sind, verliefen viele anders als geplant. Eben erst hatte beispielsweise Justizministerin Nicole Belloubet in der Stadt Caen vor Anwälten das Wort erhoben, da flogen schwarze Roben durch die Luft, und die Versammelten verliessen den Raum. Genauso erging es der Leitung des Pariser Spitals La Salpêtrière: Am Ende blieb nur ein Haufen weisser Kittel vor dem Rednerpult liegen. Für Aufsehen sorgten auch wütende LehrerInnen, die alte Schulbücher vor die Rektorate warfen. Aus Angst vor ähnlichen Aktionen sagte Kulturminister Franck Riester seine Neujahrsrede gleich ganz ab. Seither vergeht kaum ein Tag, ohne dass weitere starke Bilder produziert werden.

Bourdieus «symbolische Gewalt»

«Wir beobachten, wie Worte durch Gesten ersetzt werden», sagt Politologe Viktorovitch. «Von allen Seiten wird der Regierung vorgeworfen, nicht kompromissbereit und taub zu sein. So hat die Gegenseite das Gefühl, mit Argumenten nicht mehr weiterzukommen.» Daher müsse das mediale Interesse und die Sichtbarkeit der eigenen Gruppe auf andere Weise wachgehalten werden.

Das bedeutet nicht, dass klassische Protestformen obsolet geworden sind, dass keine Masse von DemonstrantInnen mit ihren Slogans auf Spruchbändern, mit Sprechchören und Trillerpfeifen durch die Strassen ziehen würde. Vielmehr ist ein Zusammenspiel dieser klassischen Ausdrucksweise sozialer Bewegungen mit punktuellen Aktionen entstanden, bei denen wenige Einzelne zum Teil grössere mediale Wellen schlagen können als Tausende Menschen.

Die Macht der Gesten spielte in der politischen Geschichte schon immer eine grosse Rolle. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat gar den Begriff der «symbolischen Gewalt» geprägt, die – im Vergleich zur «nackten Gewalt» – im Habitus der Herrschenden inhärent ist und die auch kulturell erworbenes Vermögen, Beziehungen zu anderen Akteuren sowie die von ihnen gewährte Anerkennung bezeichnet.

«Die sanften und verkappten Formen der Gewalt können sich umso eher als einzige Art der Ausübung von Herrschaft und Ausbeutung durchsetzen, als die direkte und krasse Ausbeutung schwieriger ist und auf grössere Missbilligung stösst», schrieb Bourdieu 1980 in seiner Abhandlung «Sozialer Sinn». Symbolische Gewalt sei eine versteckte, unsichtbare Gewalt, die aber daher umso wirksamer und beständiger sei als manifeste Formen der Gewalt.

Wenn nun Anwaltsroben oder Ärztekittel abgelegt werden, stellt man damit nicht auch die bestehenden Hierarchieverhältnisse infrage? Klar ist: Wo die soziale Stellung und das damit einhergehende Prestige symbolisch umgekehrt werden, brechen in einer Gesellschaft Kämpfe um die symbolische Ordnung aus. Hinzu kommt, dass Frankreichs Geschichte voller Gesten ist, die eine Umkehr der Herrschaftsverhältnisse bedeuten. So zogen am 23. Januar ReformgegnerInnen mit Fackeln durch Paris. Einige trugen Lanzen, gespickt mit gebastelten Macron-Köpfen, begleitet von Sprechchören «Wir haben Ludwig XVI. geköpft, Macron, wir fangen wieder an!».

Problematische Traditionen

Die Szenen riefen scharfe Kritik hervor – unter anderem vom 91-jährigen ehemaligen Justizminister Robert Badinter, der die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich durchgesetzt hatte. Im Fernsehen warnte er eindringlich: «Hinter dem Symbol steht der Trieb. Und hinter dem Trieb der Hass und der Wille, mit dieser symbolischen Darstellung den politischen Gegner psychisch zu zerstören.» Die Darstellung eines aufgespiessten Kopfes – als sei soeben jemand mit der Guillotine hingerichtet worden – sei absolut abscheulich. Badinter sieht dahinter ein Abdriften der Demokratie: Schliesslich hätten alle BürgerInnen die Freiheit, «zu reden, zu demonstrieren, Slogans zu verbreiten». Unvereinbar mit den französischen Idealen seien hingegen «physische Gewalt und Aggression Menschen gegenüber oder gar Symbole, die den Tod bedeuten».

Ebenso kritisch wurden Bilder von Bücherverbrennungen kommentiert, die historisch aufgeladen sind. Als Anwälte während einer Protestaktion mehrere Gesetzesbücher verbrannten, sahen viele darin eine symbolische Grenzüberschreitung. Obwohl es sich dabei um obsolet gewordene Ausgaben aus dem Vorjahr handelte (der «Code civil» wird für jedes Jahr neu herausgegeben), gab es einen Aufschrei. Der Philosoph Raphaël Enthoven retweetete das Foto mit der Überschrift «Zeitgleich in Berlin 1934». Andere verglichen die Fackelzüge der ReformgegnerInnen mit Aufmärschen der Nazis oder des Ku-Klux-Klan.

Was fällt also noch unter die freie Meinungsäusserung? Und wann schlägt die symbolische in manifeste Gewalt um?

Die DemonstrantInnen riskieren, mit einigen Gesten die Sympathien von Teilen der Bevölkerung einzubüssen, wenn sie auf historische Traditionen verweisen, die mindestens irritierend sind. Sie riskieren gewiss auch, dass statt inhaltlicher Forderungen nur noch die Art und Weise ihrer Aktionen medialisiert wird. Doch mehr noch fürchten sie, dass die Proteste einschlafen und das öffentliche Interesse schwindet. Denn dann könnte die Rentenreform am Ende den Widerstand überleben – allen aufsehenerregenden Gesten zum Trotz.

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